Als Singen gefährlich war

Seit 50 Jahren werden oppositionelle Lieder während der NS-Zeit an der Universität zu Köln erforscht


(nmz) -
Vor allem in kirchlichen Kreisen bezogen Jugendliche während der NS-Zeit häufig geheim Position, indem sie oppositionelle Lieder sangen. Über dieses Singen wird seit 50 Jahren am Institut für europäische Musikethnologie an der Uni Köln geforscht. Motor des Projekts ist der heute 86-jährige Musikwissenschaftler Wilhelm Schepping. Die über 500 Lieder, die er seit 1968 gesammelt hat, werden derzeit in ein Online-Lexikon eingestellt. Bis Jahresende soll es vollständig sein.
Ein Artikel von Pat Christ

Über Gespräche mit Zeitzeugen, die Auswertung von Tagebüchern sowie die Analyse von Gestapo- und Prozessakten ging Schepping in den vergangenen fünf Jahrzehnten das Thema an. Gerade aus den Prozessprotokollen ist zu entnehmen, wie riskant es war, verbotene Lieder zu singen. Die nationalsozialistischen Staatsorgane verfolgten dieses „Vergehen“ vehement. Bei Hausdurchsuchungen und Verhaftungen wurden kritische Liedtexte schnell zu gefährlichen „Corpora delicti“.

Schepping selbst ist nicht nur Forscher, sondern zugleich Zeitzeuge. „Mein Vater war ein Gegner der Nazis, dadurch verlor er seine Import- und Exportgenehmigung, die Firma ging kaputt“, erzählt der emeritierte Professor. Als kleiner Junge gehörte Schepping einer Messdienergruppe der katholischen Kirche an. Singen sei hier neben dem Wort ein wichtiges Ausdrucksmittel gewesen, erzählt er. Nach dem Krieg war Schepping als Musiker in der Katholischen Studierenden Jugend engagiert. Dabei erfuhr er von anderen jungen Leuten, die während der Hitler-Diktatur oppositionelle Lieder gesungen hatten. Schepping begann, sich mit dieser Thematik näher zu befassen.

Zeitgleich griff sein ehemaliger Lehrer, der Musikwissenschaftler Ernst Klusen, das Thema auf. Im November 1968 veranstaltete Klusen in Neuss ein erstes Kolloquium zum Oppositionellen Lied, an dem Vertreter einst verbotener Jugendorganisationen teilnahmen. Zu jener Zeit kooperierte Wilhelm Schepping bereits mit seinem einstigen Ausbilder: Klusen hatte seinen ehemaligen Schüler, inzwischen Deutsch- und Musiklehrer, für sein Forschungsprojekt gewinnen können. Schepping begann, die vorhandenen Liederbücher sowie Protokolle von Prozessen gegen singende Menschen, Musiker und Komponisten auszuwerten. „Aus diesen Akten geht hervor, wer verurteilt wurde, weil er verbotene Lieder gesungen oder weil er Lieder umgedichtet hat“, erläutert er. Die Dokumente belegen, dass vielerorts gegen die NS-Diktatur angesungen wurde. Das Singen ging sogar hinter Gittern weiter. So verständigten sich inhaftierte Sänger zum Teil durch Liedklopfen und Liedsingen von Zelle zu Zelle.

Wilhelm Schepping traf sich mit Zeitzeugen, die mit anderen zusammen oppositionelle Lieder sangen. Dass dies vor allem im kirchlichen Kontext geschehen war, kommt nicht von ungefähr: „Durch das Konkordat hatte die Jugend im rein kirchlichen Raum weitgehende Freiheit, ihr Jugendleben weiterzuführen.“ Nur nach draußen zu gehen, dufte man sich politisch nicht leisten. Fahnenprozessionen zum Beispiel waren untersagt.

Als die führenden katholischen Liedautoren unter der NS-Diktatur identifizierte Schepping den Dichter Georg Thurmair und den Komponisten Adolf Lohmann. Beide veröffentlichten 1934 das Liederbuch „Das graue Singeschiff“. Hierin ist auch eines der berühmtesten oppositionellen Lieder enthalten: „Wir stehn im Kampfe und im Streit“ oder auch „Sankt Georg-Lied“ genannt. In der dritten Strophe heißt es: „Die Lüge ist gar frech und schreit und hat ein Maul so höllenweit, die Wahrheit zu verschlingen. Sankt Jürg, behüte diesen Hort, bewahr die Sprache und das Wort, du kannst die Lüge zwingen.“ Es war Propagandaminister Joseph Goebbels, der in dieser Strophe von den Singenden versteckt als Lügner bezichtigt wurde. Bald wurde die Strophe nur noch „Goebbels-Strophe“ genannt. „Dabei blieb es nicht einmal“, so Schepping. Ein Zeitzeuge berichtete aus seiner Jugendgruppe, dass, als das Lied gesungen wurde, ein Jugendlicher in der Runde plötzlich aufstand. Er „ging mit erhobener Hand und nachziehendem Fuß, Goebbels imitierend, durch die Runde.“ Der letzte Vers sei „in schallendem Gelächter“ untergegangen.

Im Online-Lexikon werden die verschiedenen Teilbereiche des Forschungsprojekts, mit denen sich Schepping fünf Jahrzehnte lang befasste, erstmals zusammengeführt. „Das Thema ist extrem umfangreich“, so der Musikwissenschaftler. Schepping befasste sich beispielsweise mit den Funktionen des oppositionelle Lieds bei der „Weißen Rose“ und beim „Grauen Orden“, einem 1934 gegründeten Bund der katholischen Jugendbewegung. Er ging Annotationen und Konnotationen im oppositionelle Liedgut der NS-Zeit nach und versuchte, Codeworte der Gegengesinnung zu identifizieren.

In das Online-Projekt sind auch Lieder integriert, die in Konzentrationslagern gesungen wurden. Auch sie werden nach und nach online gestellt. Für diesen Teilbereich ist Gisela Probst-Effah zuständig. Laut der Musikwissenschaftlerin fanden in nationalsozialistischen Konzentrationslagern häufig musikalische Veranstaltungen statt. Musik diente den SS-Männern zur Unterhaltung, sie begleitete aber auch das Aus- und Einrücken der Arbeitskommandos und „untermalte“ Strafaktionen. Daneben gab es illegale musikalische Veranstaltungen.

Berühmt ist das bereits ins Online-Lexikon integrierte, 1938 entstandene „Dachau-Lied“, das Herbert Zipper zum Text von Jura Soyfer komponierte. Zipper gilt als Gründer des Dachauer Häftlingsorchesters. Berichten zufolge sollen er und andere Musiker Holz und Metall gesammelt habe, um Instrumente für heimlich veranstaltete Konzerte herzustellen.

Soyfer, informiert das Online-Lexikon, war als Kommunist und Jude im KZ Dachau inhaftiert, 1939 starb er im KZ Buchenwald. Herbert Zipper wurde 1938 ebenfalls aufgrund seiner jüdischen Abstammung verhaftet. Auch er wurde 1939 nach Buchenwald verlegt. Im selben Jahr kam er durch Zahlung eines Lösegeldes und aufgrund eines Visums für Guatemala frei.

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