Angetan, um Zauber und Sprachklang hervorzubringen

Die Weihnachtsgeschenk-Tipps der nmz-Redaktion 2017


(nmz) -
Ursula Gaisa +++ Theo Geißler +++ Barbara Haack +++ Martin Hufner +++ Juan Martin Koch +++ Andreas Kolb +++ Barbara Lieberwirth +++ Eckart Rohlfs +++ Michael Wackerbauer
Ein Artikel von nmz-red

200 Frauen. Was uns bewegt, hrsg. von Ruth Hobday & Geoff Blackwell, Fotos von Kieran E. Scott. Elisabeth Sandmann Verlag 2017, 288 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-945543-41-2, € 35,00

Kein Musikbuch, sondern eher ein Frauenbuch, aber Anne-Sophie Mutter und Hélène Grimaud sind 2 von 200, die die folgenden Fragen beantwortet haben: Was ist Ihnen wirklich wichtig? Was macht Sie glücklich? Was empfinden Sie als tiefes Leid? Was würden Sie in der Welt verändern, wenn Sie könnten? und Wählen Sie das Wort, das sie beschreibt. „Leidenschaft“, sagt Frau Mutter, außerdem hat sie den Traum, dass alle Menschen gleichberechtigt sind. „Empathie“ ist Grimauds Eigenbeschreibung: „Ich glaube, dass ich dazu nicht immer in der Lage bin, aber ich werde weiterhin daran arbeiten und besser werden.“ Ein großformatiger, schön gestalteter Bildband zum Schmökern mit weiteren beeindruckenden Persönlichkeiten wie Jane Goodall, Isabel Allende oder Margaret Atwood. [Ursula Gaisa]

„Spektrum Inklusion. Wir sind dabei!“ – Wege zur Entwicklung inklusiver Musikschulen. VdM Verlag 2017, 376 Seiten, mit vielen farbigen Abbildungen, ISBN 978-3-925574-88-7, € 28,00

„Spektrum Inklusion“ – ein Buchtitel, der nicht gerade kulinarische Feierabend-Lektüre signalisiert, aber anschauliche, anregende und klärende Beiträge zu einem Themenfeld versammelt, das in unseren kultur- und bildungspolitischen Diskussionen oft genug zu kurz kommt oder missverständlich zuordnet. Als „Arbeitshilfe“ des Verbandes deutscher Musikschulen veröffentlicht bietet es weit über diese „Zielgruppe“ hinaus Klärungen, Bewertungen und Verständnishilfen, die nicht nur für Musikpädagogen, sondern genauso für kulturpolitisch engagierten Menschen, Sinnsuchern und Sinnstiftern als durchaus „weihnachtsgerechter“ Lesestoff empfohlen sei. [Theo Geißler]

„Rapunzel“. Ein Märchen von den Brüdern Grimm, neu erzählt von Ute Kleeberg. Edition Seeigel. CD: ISBN 978-3-935261-32-6

Ute Kleeberg erzählt (Sprecherin ist Eva Mattes) nach bewähr-tem Prinzip ein Märchen (neu) und wählt dazu passende Musik aus. Diesmal hat sie die Cellistin Konstanze von Gutzeit und den arabischen Oud-Spieler Marwan Alkarjousli engagiert und „mischt“ Musik von Johann Sebastian Bach mit alter überlieferter Musik aus Syrien und Musik von Alkarjousli selbst. Daraus entsteht eine wunderbare Nach- und Miterzählung des bekannten Märchens und eine „Begegnung der Kulturen“ vom feinsten – für Groß und Klein. [Barbara Haack]

Ror Wolf: Die Gedichte.  Schöffling & Co 2017, 576 Seiten, Dünndruck, schön gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen, ISBN 978-3-89561-269-5, € 25,00

Von 1959 bis 2013 reichen die Gedichte, die hier von Ror Wolf in wundervoller buchbinderischer Arbeit beim Lesen zu andauernden Glücks- und Verwirrgefühlen Anlass geben. Rhythmisch gerne lakonisch vertrackt, überraschungsvoll in den Pointen; den Tod laufend vor Augen, aber auch dahinter. Und dazwischen? Rissige Irritationen. „Lieber Leser: gar nichts wird sich / ändern jetzt mit achtundvierzich. / Aber bitte sein Sie froh: / bleiben wird es auch nicht so.“ (S. 407) Zum lauten Lesen sind sie angetan, um ihren Zauber und ihren Sprachklang hervorzubringen. Besser verunsichert sein, als falsch versichert. [Martin Hufner]

Amadeus Quartet – The Complete Recordings on Deutsche Grammophon. 70 CDs im Schuber, umfangreiches Begleitbuch. DG/Universal

Der vielleicht berühmtesten Kammermusikformation seiner Labelgeschichte setzt die Deutsche Grammophon mit dieser opulenten Gesamtausgabe ein würdiges Denkmal. Das 1947 gegründete Amadeus Quartet spielte bis zum Tod des Bratschers Peter Schidlof 40 Jahre später in gleichbleibender Besetzung und nahm seit 1951 bei der DG auf. Vor allem die frühen Monoaufnahmen der Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven bestechen bis heute in ihrer souveränen Gestaltungskraft und homogenen Klanglichkeit. Repertoire des späteren 19. und des 20. Jahrhunderts pflegte das Ensemble weniger intensiv, doch künden beispielsweise die Aufnahmen der Britten-Quartette von der auch auf diesem Gebiet vorhandenen Kompetenz. Der quadratisch, praktisch, schön produzierten Box ist ein üppig bebildertes Buch beigegeben. Wunderbar! [Juan Martin Koch]

Günter Karl Bose: For musica viva. Posters 1997–2017 (Englisch), unter Mitwirkung von Anita Kühnel, Werner Haftmann und Max Bense. Spectormag 2017, 176 Seiten, ISBN 978-3-959051-41-5, € 32,00

Als der Komponist Karl Amadeus Hartmann 1945 die musica viva-Konzertreihe des Bayerischen Rundfunks gründete, schuf er damit ein Forum für die Sprache der Gegenwart, das bis heute wirksam ist. Der Gedanke  der Gegenwart schloss von Beginn an auch die Gestaltung von Plakaten und Programmen mit ein. Für Hartmanns Musikreihe „warben“ Helmut Jürgens, Walter Tafelmeier, Jean Cocteau, Le Corbusier oder Emilio Vedova. 1997, also genau vor 20 Jahren, übernahm Günter Karl Bose die visuelle Gestaltung der Plakate und Publikationen der musica viva. Die 164 in dieser Zeit entstandenen Plakate sind Ereignisse für die Augen, die Ereignisse für die Ohren ankündigen. Auch wenn sie letztlich dazu dienen, Eintrittskarten zu verkaufen, plakativ sind Boses Arbeiten nie. Wie den klingenden Kunstwerken, die sie annoncieren, ist Boses Plakaten auch ein Geheimnis eigen. [Andreas Kolb]

Jorinde Jelen Band: Jollis Wilde Welt der Worte, Timezone

Lieder, Lyrik und bunter Wortsalat für kleine und große Kinder, das konnte das Publikum im traditionellen Kinderkonzert der Leipziger Jazztage 2017 erleben. Die Band um die Sängerin Jorinde Jelen imitiert auf der aktuellen CD die Sprache der Tiere und der Außerirdischen, der Muskelkater ist ebenso präsent wie der Ohrwurm und andere lustige Wesen. Die teils singenden Musiker an Gitarre, Klavier, Kontrabass, Schlagzeug und Saxophon liefern ein höchst musikalisches Programm für Kinder ab drei Jahren, die zum Mitmachen animiert werden. Fast automatisch, wie der Selbstversuch an den eigenen Enkelkindern zeigt … [Barbara Lieberwirth]

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Roman, aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch 2017, 245 Seiten, ISBN 978-3-462-04888-9, € 20,00

Kein Fantasie-Roman, sondern die Geschichte, wie Schostakowitsch im Wechselbad der Staatsmacht attackiert wird, mal als Staatskünstler himmelhoch jauchzend gefeiert mit Orden und Ehrungen, dem jeweiligen Regime widerwillig als Aushängeschild zu dienen. Dann wieder gedemütigt, und dieses Possenspiel macht ihn zum Psychopaten. Auf ineinandergreifenden Ebenen lässt Julian Barnes all das dramatisch nacherleben. Angst durchzieht seinen Lebenslauf, und der Leser leidet mit, wie das Regime samt Apparatschik mit Kunst umgeht, wie Künstler in animalische Furcht und Hysterie versetzt werden. [Eckart Rohlfs]

Lorenz Kellhuber: Live at the Montreux Jazz Festival, CD/Vinyl LP, Blackbird Music

Höchst virtuose Girlanden und Kaskaden, die sich zwischen metrisch frei gesetzten Stützpunkten bewegen und harmonisch überraschende Wendungen vollziehen, wechseln mit rhythmisch vorwärtstreibenden Phasen und bohrend repetierenden Flächen, lyrisch melodischen Szenen und impressionistisch anmutenden Klanbildern – und das alles technisch in traumwandlerischer Brillanz. Man ist gefesselt von dieser Musik, in der überbordende Fantasie in verschiedensten Ausdrucksformen mit einem Sinn für Dramaturgie gepaart ist, der drei ausgedehnte Teile (Opus 1–3) trägt. Dass der junge Pianist, der 2014 mit gerade einmal 24 Jahren den Parmigiani Montreux Jazz Solo Klavierwettbewerb gewann, in den letzten Jahren einen ganz eigenständigen musikalischen Weg gefunden hat, zeigten bereits seine Trio-Alben. Hier nun endlich die erste Solo-Scheibe mit einem Live-Mitschnitt von 2015 inclusive zweier Zugaben, die sich mit Jimi Hendrix und Steve Winwood auseinandersetzen. [Michael Wackerbauer]

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