Ankerlose Exzellenzen im Meer der Öffentlichkeit

Berlins Beitrag zum Aktionstag Musikalische Bildung an Deutschlands Musikhochschulen


(nmz) -
„Können Sie sich eine Welt ohne Musik vorstellen? Wir nicht. Die deutschen Musikhochschulen.“ Mit diesem Slogan starteten am 19. November die deutschen Musikhochschulen ihre „Initiative musikalische Bildung“ mit einem gemeinsamen deutschlandweiten Aktionstag. In Berlin beteiligten sich die beiden Musikausbildungsstätten – mit prägnant unterschiedlichem Programm.
Ein Artikel von Martin Hufner

An der Hochschule für Musik Hanns Eisler startete man im Studiosaal mit einem Blechbläserquintett und einem Djembe-Ensemble. Im Publikum vorwiegend Schüler aus naheliegenden Grundschulen nebst ihren Lehrern und Aufsichtspersonal. Man spielte Werke vom Choral bis zur Filmmusik, durchaus persönliche Einlassungen der Musiker, warum Musik so schön und toll sei und sie sie machten, ergänzten das Programm. Das Ganze endete in einem Ratespiel. Entspannt und doch aufregend, wunderbar musiziert. Zum Ende dann war die Bühne voll und das Auditorium so gut wie leer. An diese Vorführung schlossen sich Einblicke in den Übe- und Lernalltag an. Man konnte Unterrichtssituationen beiwohnen: Schüler des Berliner Musikgymnasiums „Carl Philipp Emanuel Bach“ als Hochschulschüler, anschließend Konzert. Musikpraxis auf hohem Niveau also, insgesamt aber ein wenig einseitig in der Form der Aktion.

Ein bisschen mehr Grips brachte man in der Musikabteilung der Universität der Künste auf. Unter der Koordination von Jörg Schweinbenz stellte man sein ganztägiges Programm unter das Motto „Wie entsteht Musik“. Das reichte von Fragen zur Arbeit mit Neuer Musik, über „Rhythmik is it“ und „Hurz! Entstehung der Musik aus dem Geiste der Komödie“ bis ins Tonstudio von Martin Supper. Die außeruniversitäre Beteiligung blieb aber zum Teil doch gering. Schwierig war die Situation für die „Dozenten“ auch insofern, als sie nicht zu wissen vermochten, ob nun der Raum gerammelt voll sein oder eben niemand kommen würde.

Die Idee des Aktionstages, die die Musik als fünftes Element ins Zentrum hob, war zu bemerken, doch wirkten die Konzepte ihrer Umsetzung noch ein wenig unbeholfen, wie engagiert sie im Detail auch durchgeführt wurden. Insbesondere war der Aktionstag in den Berliner Institutionen selbst wenig verankert. Neben dem Aktionstag lief der normale Hochschulbetrieb weiter, was sich dann in fehlender Beteiligung von Lehrenden und Studierenden selbst äußerte. Das nährt den Verdacht, dass die Hochschulen den Aktionstag nicht wirklich ernst genommen haben. Die Absicht, an die „Öffentlichkeit mit einem bundesweiten Aktionstag zur Bedeutung der musikalischen Bildung“ heranzutreten mit dem „Ziel, auf die Unverzichtbarkeit der musikalischen Bildung in einer menschlichen Gesellschaft aufmerksam zu machen“, ist zumindest in Berlin nicht realisiert worden.

Fraglich bleibt zudem, ob es überhaupt im und mit dem Medium Musikhochschule je funktionieren wird, einmal abgesehen davon, ob man dies mit begrifflich leeren Hülsenfrüchten wie der Anregung zur „nachhaltig wirksamen Erfahrung mit Musik“ bewerkstelligen kann. Wenn die Theorie schon so blutleer ist, wie kann dann die Praxis Besseres leisten? Dabei war die Plakatidee mit der Musik als fünftem Element sehr griffig und faszinierend. Und bevor es Nachfragen gibt, nein, auch der Deutsche Musikrat schafft diese Öffnung in die Öffentlichkeit nicht und wird dies auch nicht schaffen können.

So muss auch der Aktionstag, zumindest in Berlin, eher als ein punktueller Beitrag erscheinen, um dem selbstgestellten Anspruch der Initiative musikalische Bildung gerecht zu werden. Die dabei waren, hatten offensichtlich durchaus ihren Spaß und ihre Erkenntnisse. Ein bisschen mehr Wirkung nach innen freilich, täte allerdings not, bevor man nach außen schielt.
 

Professorin Dorothea Weise wirbt für das Fach „Rhythmik“ an der UdK Berlin
Dossier: 
Musikhochschulen

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