Anregungen zur Unterrichtsgestaltung

Gut durchdacht und größtenteils gründlich ausgearbeitet: Der „Leitfaden Bläserklasse“


(nmz) -
Bernhard Sommer, Klaus Ernst, Jens Holzinger, Manuel Jandl, Dominik Scheider: Leitfaden Bläserklasse – Lehrerband 1 und 2 (inkl. CD-ROM und Schüler-Lösungshefte). Helbling Verlag, Esslingen 2018. ISBN 978-3-862272-33-4
Ein Artikel von Julian Schunter

Das Modell Bläserklasse wurde Mitte der 90er-Jahre aus den USA nach Deutschland importiert. Seitdem hat es sich zu der wahrscheinlich am weitest verbreiteten Form der Musikklasse an allgemeinbildenden Schulen, aber auch zu einer beliebten Unterrichtsform an Musikschulen entwickelt. Das Konzept hat viele begeisterte Befürworter, wird aber auch immer wieder kontrovers diskutiert. So wird etwa von schulmusikalischer Seite hinterfragt, inwieweit die Ziele und Inhalte eines allgemeinbildenden Musikunterrichts in Bläserklassen abgedeckt werden können. Kritisiert wird zum Teil die stilistische Enge sowie die Einseitigkeit der Umgangsweisen mit Musik in den gängigen Unterrichtsmaterialien. Das 2018 erschienene Lehrwerk „Leitfaden Bläserklasse“ versucht diesen Kritikpunkten zu begegnen. Die Autoren, fünf Bläserklassenerfahrene Musiklehrer, skizzieren einen vieldimensionalen Unterricht, der instrumentaldidaktische Elemente und Ensemblespiel mit kreativ-gestalterischen Praktiken, Hörschulung, Musiktheorie und der Reflexion musikalischer Werke und Zusammenhänge verbindet. Unter anderem dafür wurde das Konzept als eine von sechs Neuveröffentlichungen vom Bundesverband Musikunterricht mit einer Empfehlung versehen.

Der „Leitfaden Bläserklasse“ beinhaltet äußerst vielfältige, teils sehr konkrete Anregungen zur Unterrichtsgestaltung, unter anderem zu Stundenabläufen, Tafelbildern, Hör- und Reflexionsaufgaben sowie graphischen, szenischen und bewegungsorientierten Arbeitsaufträgen. Neben dem umfangreichen Lehrerband, welcher in neuer Auflage sinnvollerweise in zwei Bände geteilt wurde, bietet eine mitgelieferte Daten-CD hilfreiches Zusatzmaterial, unter anderem in Form von Themenseiten und Arbeitsblättern. Das Musizieren am Instrument wird auf zahlreichen Ebenen angebahnt und unterstützt und ist eingebettet in eine Vielzahl anderer musikalischer Praktiken. Zu Beginn finden sich gute Anregungen für Körper-, Atem- und Stimmbildungsübungen. Für regelmäßige Rhythmusarbeit werden Kodály-Silben, angepasst an bläserspezifische Artikulation, sowie Bodypercussion-Elemente verwendet. Auf tonaler Ebene nutzen die Autoren neben traditioneller Notation die Methode des „Musizierens nach Tonziffern“, eine „Art Solmisation“. Das Singen wird immer wieder explizit einbezogen.

Die Spielstücke mit Begleit-CD sind von der orchestralen „Ode an die Freude“ über das afro-kubanisches „Mambo Jambo“ und den Gospel „Come, bring us Peace, oh Lord“ bis hin zu einem augenzwinkernd-volkstümlichen „Cuckoo, cuckoo“ stilistisch breit gefächert. Ob ein altes deutsches Volkslied allerdings tatsächlich ins Englische übersetzt werden muss, um das Singen für die Schüler attraktiver zu machen, so der Hinweis im Lehrerband, wäre zu hinterfragen. Mit dem Prinzip der „Klasse!Arran-gements“ wird ein flexibler Weg vom Unisonospiel in die Mehrstimmigkeit angeboten. Neben der in den Schülerheften abgedruckten Melodien finden sich auf der Daten-CD für jedes Instrument Bass- und Begleitstimmen sowie Oberstimmen „für Geübte“ (raffinierte Formulierung!), was Binnendifferenzierung ermöglicht. Einzelne Bestandteile können nach und nach hinzugefügt und von allen nachvollzogen werden. Auch kann mit unterschiedlichen Stimmverteilungen experimentiert werden, wodurch die Kinder grundlegende Prinzipien der Orchestrierung kennenlernen. Leider bleiben einzelne Arrangements qualitativ hinter den Erwartungen an ein solches Lehrwerk zurück. Der „Stammton-Hit“ etwa ist in Kombination mit dem mitgelieferten Klaviersatz äußerst fragwürdig gesetzt.

Die größtenteils groovig angelegten Playalongs sind – wie bedauerlicherweise oft – fast vollständig am Computer produziert. Von echten Musikern eingespielte Begleit-CDs wären wünschenswert, bei einer solch umfangreichen Besetzung und der großen stilistischen Bandbreite jedoch wohl ein zu großer Kostenfaktor. Immerhin sind auf den dazugehörigen Audio-CDs und in einem Online-Speicher echte Klangbeispiele der einzelnen Bläserklassen-Instrumente sowie Originalaufnahmen einiger Stücke zu hören (sehr zu begrüßen!). Letztendlich liegt es neben dem verwendeten Lehrwerk sicherlich vor allem an der Bereitschaft und Kompetenz der jeweiligen Lehrkräfte, ob Musikunterricht mit Blasinstrumenten tatsächlich methodisch, stilistisch und bezogen auf die musikalischen Praktiken vielfältig gestaltet wird. Der „Leitfaden Bläserklasse“ stellt eine umfangreiche, gut durchdachte und größtenteils gründlich ausgearbeitete Materialsammlung zur Verfügung, mit zahlreichen hilfreichen methodischen Anregungen. Damit bietet er eine gute Alternative zu den bisher gebräuchlichen Lehrwerken für Bläserklasse und leistet einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung dieses aus der musikpädagogischen Landschaft kaum mehr wegzudenken Unterrichtsmodells.