Artisten in der Hochschulkuppel: ratlos

Absolute Beginners


(nmz) -
Die meisten Menschen erleben so wie ich ihr gesamtes Leben als einzige Aufforderung. Man kennt die Sprüche: „Dies sind die 100 Filme/Bücher/Kunstwerke/Musikstücke, die Sie kennen MÜSSEN“, „Dies sind die Dinge, die Sie können MÜSSEN“, „Dies sind die Dinge, die Sie wissen MÜSSEN“.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Unser gesamtes Schulsystem ist darauf abgerichtet, dass ein solch von außen bestimmtes Repertoire abgefragt wird, und zwar koste es was es wolle. Eigenwilliges Denken, Abweichungen oder Hinterfragen der Inhalte sind nicht gerne gesehen, denn dann funktioniert die Maschine der Benotungen, Abschlüsse und unterschiedlichen Bildungswege nicht mehr. Dass kreative und phantasievolle Menschen mit einem solchen System auf Kriegsfuß stehen, darin oft auch spektakulär versagen, ist kein Geheimnis. Heute – seit Einführung des Bachelor-/Master-Systems – sieht der Musikhochschulalltag gar nicht so anders aus als früher der Schulalltag. Es gibt Hauptfächer, Pflichtfächer, Wahlpflichtfächer und ein komplexes Punktesystem.

Jeder Student stellt sich mühsam einen Stundenplan zusammen, bei dem es gar nicht so leicht ist, überhaupt noch zum Komponieren beziehungsweise Üben zu kommen. Gerade neulich bekam ich ein hochkomplexes Schreiben meiner Hochschule, in der mir in einem langen Text erklärt wurde, unter welchen Bedingungen ich zum Beispiel Instrumentalstudenten, die bei einem meiner Klassenkonzerte mitwirken ECTS-Punkte vergeben darf. Auf keinen Fall nämlich zu viele (auch wenn sie bei einem Mammutprojekt oder einer Oper mitwirken), denn ansonsten hätten sie vielleicht keine Lust, in unserem Neue-Musik-Ensemble mitzuwirken (und umgekehrt). Für jede andere beliebige Aktivität im Rahmen des Hochschulstudiums gibt es ähnlich ausführliche Vorgaben, die zum Teil weder von den Professoren noch von den Studenten wirklich verstanden werden. Daher kommt es immer wieder zu Missverständnissen, zu seltsamer Konkurrenz, wo es gar keine geben muss und zu allgemeiner Verwirrung. Täglich klopfen irrtümlich Studenten bei mir, die eigentlich woanders klopfen müssen, denn ich darf ihnen das benötigte Formular nicht unterschreiben. Überhaupt: Formulare wohin das Auge blickt. Formulare zum Unterschreiben, zum Durchlesen, zum „zur Kenntnis nehmen“, zur „Begutachtung“. Formularitis.

Kurz vor Semesterende werde ich dann von verzweifelten Emails der Instrumentalisten überschwemmt: „Ich brauche noch dringend Punkte für Kammermusik/Neue Musik, haben Sie nicht ein Plätzchen frei in Ihrem nächsten Klassenkonzert?“. Meine Studenten schreiben dann hektisch Stücke für Instrumente, auf die man jetzt gar nicht gekommen wäre, aber man will den armen Studenten ja helfen. Und vor allem ist man froh, dass die Studenten jetzt spielen wollen, wo man sie ja letzten Monat noch mit der Lupe suchen musste, als man sie dringend brauchte (siehe mein letzter Artikel).

Mit der Einführung des ECTS-Systems ist eine brisante Gemengelage aus verschiedenen Lobbys entstanden – Viele Instrumentallehrer wollen eigentlich gar nicht, dass ihre Studenten sich mit Neuer Musik beschäftigen, die Theorielehrer wiederum haben nun deutlich mehr Macht und nutzen diese auch aus. Die ganze Systematisierung sollte Angleichung an internationale Standards bringen, nur ist die Realität so, dass im Ausland jede Hochschule ihr System anders handhabt. So gibt es Mas-terstudenten, die eigentlich auf dem Ausbildungsniveau von Bachelorstudenten sind sowie Jungstudenten die auf dem Niveau von Masterstudenten sind. Es gibt Studenten, die an angesehenen ausländischen Institutionen die höchsten Noten in Musiktheorie haben, bei uns aber an der Aufnahmeprüfung scheitern. Im Grunde ist nichts besser geworden, sondern nur komplizierter, und die Dinge, die uns als Lehrer vom Kerngeschäft ablenken, nämlich der Ausbildung von Künstlern beziehungsweise großartigen Pädagogen, haben sich auf wundersame Weise vermehrt.

Und am Ende siegen nicht die Kreativsten, Verrücktesten, Begabtesten oder Ungewöhnlichsten, sondern genau das System, vor dem man aus der Schule geflohen ist. Es siegt die Pflichterfüllung, und die Kunst bleibt auf der Strecke. Warum nur tun wir uns das an?

Kritische Fragen

Lieber Moritz Eggert,

in meiner Schulzeit wurden viele Fragen seitens des Schulunterrichts gestellt. Viele Lehrer haben zum Denken erzogen. Und das war hervorragend. Es hat mich vor allem zur Selbstkritik bzw. zu einem kritischen Blick in die Welt ausgebildet. So, wie es sein soll, ich möchte sogar sagen:”so wie es sich gehört”.

Heute sehe ich durch viel Kontakt zu jungen Leuten, dass den jungen Menschen meistens oben Wissen reingestopft wird, was keine Zeit zur Verdauung findet aber trotzdem möglichst schnell und “effektiv” hinten wieder rauskommen soll. Keine Zeit zum Nachdenken, keine Muße zum Kritischsein. Zeit & Muße ist dafür unabdingbar. Es werden funtionierende Wissensfressmachinen herangezüchtet - das Wort “erziehen” wäre hier völlig fehl am Platz.

Es stellt sich die Frage: für was eigentlich? Warum eigentlich? Zur perfekten Aufführung des Tanzes um das goldene Kalb? Armes Leben, arme Menschen in diesem materiellsuperreichüberfließendem Land. Die Norm als Wahnsinn *kopfschüttel*


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