Atempause für verfolgte Künstlerinnen und Künstler

Schutzräume schaffen: Ein Porträt der Martin-Roth-Initiative


(nmz) -
Wer in Kunst oder Kultur tätig ist, kann lästig sein. Denn der Kunst ist immanent, dass sie unbequem ist. Wer gar ein autoritäres Regime kritisiert, lebt gefährlich. Das bedroht nicht nur den Journalismus, sondern auch die Kunst- und Kulturwelt. Im letzten Jahr wurde die Martin-Roth-Initiative gegründet, die kritischen Kulturschaffenden temporäre Schutzräume schafft.
Ein Artikel von Juana Zimmermann

So müssen Kunst- und Kulturschaffende in autoritären Staaten und Regionen oft Zensur, Berufsverbot, Verfolgung bis hin zu Gefangenschaft oder Folter fürchten und diese Gefahr nimmt weltweit zu. 2017 forderten verschiedene Intendanzen, Museumsleitungen und andere Kultur­akteure aus Deutschland in einem Aufruf an die Bundesregierung ein Programm für verfolgte Künstlerinnen und Künstler. Daraufhin wurde im Laufe des Jahres 2018 die Martin-Roth-Initiative von Goethe-Institut und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) ins Leben gerufen.

Benannt ist sie nach dem 2017 verstorbenen Kulturwissenschaftler Martin Roth, der unter anderem lange Direktor des Deutschen Hygiene-Museums Dresden war, international als Leiter des Londoner Victoria and Albert Museums bekannt wurde und zuletzt Präsident des ifa war. Das Beenden seiner Tätigkeit in Großbritannien begründete Roth damit, dass er sich politisch wieder mehr engagieren wollte. Die Allgemeinheit verstand die Geste unmittelbar nach dem Brexit, den er als persönliche Niederlage nahm. Roth stand als Person für Freiheit, Frieden, Solidarität und kulturellen Austausch.

Die Martin-Roth-Initiative führt drei Programmlinien. Zum einen werden Menschen aus den Gefahrengebieten herausgeholt und nach Deutschland gebracht und in eine hiesige kulturelle Gast-Institution oder einen kulturellen Ort vermittelt und eingebunden. In ihrer zweiten Programmlinie ermög­licht die Initiative dasselbe Programm wie in Deutschland, nur dass die Künstler in Drittstaaten leben. Die wissenschaftliche Begleitung, um zu evaluieren, was funktioniert beziehungsweise verbessert und verändert werden muss, rundet das Programm ab. Dazu gehört ebenso der Aufbau eines Netzwerks zwischen den Institutionen und Initiativen, die sich in diesem Bereich engagieren.

Stärken und vernetzen

Der Leiter der Martin-Roth-Initiative Maik Müller erläutert: „Das Ziel ist die Aufrechterhaltung von Freiräumen und die Förderung von künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Ihnen wird für eine Zeit lang ein geschützter Raum geboten. Es ist ganz wichtig, dass die Leute nicht nur rauskommen aus dem Risikokontext, sondern dass die Möglichkeit der Weiterarbeit gegeben ist und sie sich weiter stärken und vernetzen können.“ Und Müller sieht schon jetzt einige positive Entwicklungen: „Sowohl für die Kunst- beziehungsweise Kulturschaffenden, die außerhalb ihres Risiko-Kontextes leben und ohne Druck an ihren künstlerischen, kulturellen bzw. zivilgesellschaftlichen Projekten arbeiten können, als auch für die Kultureinrichtungen in Deutschland, die sich teilweise damit einer neuen Zielgruppe öffnen, entsteht ein Mehrwert. Es ergeben sich neue Impulse im künstlerischen Schaffen und zwischen den Ländern werden neue kulturelle Brücken gebaut.“ Mit schon knapp 60 eingegangenen Anträgen gebe es eine hohe Nachfrage und die ersten Projekte konnten erfolgreich anlaufen, zieht Müller ein erstes kleines Zwischenfazit. Als große Stärke beschreibt Müller die enge Kooperation mit dem Goethe-Institut und dessen weltweitem Netzwerk. Die derzeitige Herausforderung für die Initiative sei es, ausreichend Gast-Institutionen zu finden, die Kunst- und Kulturschaffende aufnehmen. Zwar gebe es viele Interessensbekundungen, so Müller, doch es fehle noch ausreichend konkrete Bereitschaft.

Keine Ausschreibungen

In der derzeitigen Anfangsphase gibt es keine öffentliche Ausschreibung. Das Team ist klein und es soll gewährleistet sein, dass alle Anfragen und Anträge bearbeitet werden können. Die aktuellen Anträge bekommen sie durch Hinweise oder Anfragen, wie zum Beispiel vom Auswärtigen Amt oder dem Goethe-Institut. Sie gehen diesen Fällen nach und schauen, wo und wie sie individuell helfen können. Gleichzeitig kommen auch direkte Anfragen von Personen, die über andere Netzwerke auf die Initiative aufmerksam geworden sind. Auch ihre Anfragen und Anträge werden geprüft. Um in das Förderprogramm aufgenommen zu werden, gibt es Kriterien: Die Akteurinnen und Akteure stammen aus dem Kunst- und Kulturbereich, sie engagieren sich für die Meinungs- und Kunstfreiheit und sind bedroht. Dabei fasst die Initiative die Bedrohung weit und versteht auch Zensur oder ein Berufsverbot als Einschränkung der Freiheit. Ein unabhängiges Auswahlgremium entscheidet dann, ob der Antrag förderungswürdig ist. Die meis­ten Anträge kommen aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten. Aber auch aus ganz Afrika, Lateinamerika, Belarus oder Russland kommen Kunstschaffende, die nach diesem Schutzraum suchen.

Die Stipendien sind temporäre Förderungen von 12 Monaten und so muss auch dafür gesorgt werden, dass danach eine sichere Rückkehr möglich ist oder eine erfolgreiche Integration im Gastland erfolgt. Müller: „Die Idee ist, die Künstler, Kulturschaffenden, zivilgesellschaftlichen Akteure zu unterstützen, damit sie einen Freiraum haben, ihre Arbeit zu machen, um mal durchzuatmen. Dann gehen sie wieder zurück. Das ist bei einigen der Fall, bei anderen nicht. Dann müssen wir gucken, wie wir damit umgehen. In Ausnahmefällen kann die Förderung auf 24 Monate verlängert werden.“ Um diese Menschen anschließend gegebenenfalls in andere Projekte zu vermitteln, dient auch die Netzwerkarbeit, die noch weiter ausgebaut werden soll.

Die Initiative hat noch viele Pläne. So sollen weitere Gast-Institutionen in Deutschland und anderen Ländern gefunden werden und das Netzwerk weiter ausgebaut werden – vor allem in den Ländern, in denen zivilgesellschaftlich engagierte Menschen besonders bedroht sind. Langfristig möchte die Martin-Roth-Initiative lokale und regionale Strukturen und Kapazitäten aufbauen, sodass ganze Institutionen und Regionen profitieren können.

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