Auf dem Sprung nach Hannover ?

Eindrücke von der vierten Ausgabe der chor.com – der letzten in Dortmund


(nmz) -
Es war die vierte chor.com in Dortmund – und definitiv die letzte. Jedenfalls in Dortmund, denn eines ist sicher: Die chor.com hat sich als Branchentreff und in Sachen Chormusik zwar etabliert, sie wird aber umziehen. Aussichtsreichster Kandidat ist derzeit wohl Hannover, wie in Dortmund schon die Runde machte, auch dies eine ausgewiesen choraffine Stadt und vielleicht ein leichteres Pflaster für den öffentlichen Auftritt der chor.com.
Ein Artikel von Guido Krawinkel

Denn eines war in Dortmund immer schwierig: das Verhältnis zum Publikum. So gab es Jahre, in denen die Messe gut sichtbar in der öffentlichen Wahrnehmung positioniert war, die großen Bühnen in der Stadt wurden frequentiert, die abendlichen Konzerte waren überfüllt, der Andrang riesig. Dies war jedoch nicht immer so. Auch in diesem Jahr war bei gewiss nicht repräsentativen Stichproben eine eher zögerliche öffentliche Resonanz festzustellen. So waren etwa Konzerte zur Prime Time am Samstagabend, die sonst auch mal ausverkauft bis überfüllt waren, zwar ganz ordentlich besucht, aber weit davon entfernt ausverkauft zu sein. Ein Indiz nur, aber eines, dass die Wahl Hannovers durchaus nachvollziehbar erscheinen lässt. Als Ausgleich ist derzeit im Gespräch, Dortmund als Austragungsort für das Chorfest 2020 auszuwählen, beworben hat sich die Stadt dem Vernehmen nach jedenfalls, die sich in den letzten Jahren nicht zuletzt durch die Chorakademie zu einer festen Größe in der Chorszene entwickelt hat. Bleibt nur noch zu hoffen, dass der Funke dann beim Dortmunder Publikum überspringt, nicht zuletzt angesichts der massiven öffentlichen chorischen Präsenz, die dies mehr noch als die in den Westfalenhallen beheimatete chor.com als Kongress- und Messeveranstaltung mit sich bringt.

Egal wo die chor.com in Zukunft stattfinden wird, mit ihr hat die Vokalszene in Deutschland ein deutlich wahrnehmbares Sprachrohr bekommen, einen vokalen Leuchtturm, der die Belange der zahlreichen Chorsängerinnen und -sänger in Deutschland offensiv vertritt und die auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und auch in der Szene hat die chor.com als Branchentreff einen Namen. Die Liste der Referenten und konzertierenden Chöre gleicht einem Who is Who der Chormusik, die Bandbreite der behandelten Themen bewegt sich am Puls der Zeit. Bestes Beispiel: das Thema Integration, ein Thema, das nicht nur die bundesdeutsche Politik dominiert, sondern auch die Chorszene beschäftigt.

Singen funktioniert als Integrationshilfe, das scheint unumstritten. Der Projekte gibt es viele, etwa Brückenklang aus Köln, ein Projekt des Chorverbandes NRW, das derzeit den musikalischen Brückenbau zwischen der Türkei und Deutschland versucht, bald schon aber auf eine internationale Ebene ausgeweitet werden soll. Wendet sich dieses Projekt explizit an schon länger hier lebende ausländische Mitbürger, so gibt es vermehrt Projekte, die sich dezidiert an Flüchtlinge richten. Der Landesmusikrat NRW konstatiert in einem Bericht, dass sich zum einen „ein deutlicher Wandel von einer reinen Teilnahme zu einer gleichberechtigten Teilhabe vollzogen“ habe und zunächst kurzfristig angelegte Projekte „entsprechend dem Input der Teilnehmer weiterentwickelt und verstetigt wurden. Wichtig dabei sei, die Flüchtlinge auf Augenhöhe einzubeziehen, zur Mitgestaltung zu ermutigen und auch inhaltliche Verantwortung zu übernehmen.

Mit zunehmendem Bedarf wächst zumeist auch der Wunsch nach Systematisierung. Dem trägt ein auf der chor.com präsentiertes Projekt der European Choral Association – Europa Cantat (ECA) Rechnung. „Sing Me In“ lautet der in Anlehnung an „Sign me in“ konzipierte Titel. Ziel ist es, insgesamt drei an unterschiedliche Situationen angepasste Leitfäden zu konzipieren, die Arbeitshilfen für das Singen mit Flüchtlingen in verschiedenen Umfeldern bieten sollen. Denn da lauern laut ECA-Generalsekretärin Sonja Greiner nicht nur kulturelle Fallstricke, sondern auch vielfach vertane Chancen. Die Handbücher befinden sich gerade in der Konzeptionsphase, Input ist durchaus noch erwünscht. Ein Ergebnis interkultureller Arbeit wurde bei der chor.com auch präsentiert: das bereits vor einiger Zeit erschienene interreligiöse Liederbuch Trimum, das das Ergebnis eines gleichnamigen Projektes ist, an dem sich die drei abrahamitischen Religionen beteiligt haben. Ein wegweisender, aber auch nicht unumstrittener Ansatz, für den sich der Verlag in den sozialen Medien heftigsten Anfeindungen ausgesetzt sah.

Doch abgesehen davon gab es auf der chor.com auch in diesem Jahr wieder ein buntes Füllhorn an Trends, Entwicklungen und Beobachtungen. Die vielleicht wichtigste: Singen im Chor liegt nach wie vor im Trend. Und: ohne den Vocal-Pop-Bereich, der auf der chor.com wieder stark vertreten war, läuft in der bundesdeutschen Chorszene nichts mehr. Das Fortbildungsangebot der chor.com wächst mit jedem Jahr und reicht von den Basics, wie etwa den Grundlagen chorischer Stimmbildung und Reading Sessions mit unterschiedlichster Chormusik bis hin zu Expertenworkshops und Meis­terkursen für die Besten der Besten. Auch hier zeigte sich auf der chor.com, dass der Trend zur Professionalisierung und Diversifizierung von Angeboten auch vor der Chorszene nicht Halt gemacht hat. Denn nicht nur die Angebote wachsen, auch die Ansprüche. „In die Spitze coachen“, so der Titel eines Workshops von Raimund Wippermann, Rektor der Düsseldorfer Robert Schumann Hochschule, war so gesehen nicht nur Ausdruck dieses Trends, sondern auch einer zeitgemäßen Umsetzung desselben. Denn die zuchtmäßige Law-und-order-Mentalität, die im Leistungsbereich noch vor Jahren vielfach dazu gehörte, ist zumeist glücklicherweise einem kooperativen, unterstützenden und letztlich auch wertschätzenden Ansatz gewichen.

Das Fazit der chor.com? Nichts ist so beständig wie der Wandel, das trifft auch auf den Branchentreff der Chorszene zu. Zum einen gibt es Klassiker und Dauerbrenner – wie etwa den Workshop zum Loreley-Liederbuch von Volker Hempfling – zum anderen verändert man sich jedes Jahr wieder ein Stückchen, so dass kein Stillstand herrscht, sondern sich ein dynamisches Abbild der Szene ergibt. Auch wenn der Eindruck entstand, dass die chor.com in Dortmund innerlich schon auf dem Sprung nach Hannover war, zeigte sich einmal mehr, dass sie sich etabliert hat. Die öffentliche Präsenz war jedenfalls bis auf die in den Kirchen, Sälen und Clubs der Innenstadt stattfindenden abendlichen Konzerte kaum vorhanden. Hier darf man von Hannover getrost neue Impulse erwarten. Dass die Räumlichkeiten in den Westfalenhallen mitunter an ihren Grenzen kamen, steht auf einem anderen Blatt. Aber auch hier wird man in der niedersächsischen Landeshauptstadt mehr Spielraum haben – und wohl auch brauchen. Denn es bleibt zu hoffen, dass sich die chor.com mit der räumlichen Veränderung auch neue Besucherschichten erschließen wird. Zentraler als Dortmund liegt Hannover allemal.

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