Auf der Suche nach der Kreativität

Absolute Beginners 2022/05


(nmz) -
Wer in verschiedenen Ländern Informatik studiert, wird Ähnliches auf ähnliche Weise lernen. Wer dagegen ein künstlerisches Studium anstrebt, wird davon geprägt werden, wie im Studienland Kreativität vermittelt und verstanden wird. Und da gibt es dramatische Unterschiede.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Der Kompositionsunterricht in Deutschland ist spezifisch auf unterschiedliche Individuen zugeschnitten. Es ist ver­pönt, wenn man als Lehrender den Studierenden die eigene Ästhetik aufzwingt und sie zur direkten Nachahmung drängt. Gefragt dagegen sind Studierende, die einen eigenen Weg gehen und alles hinterfragen. Das Ausleben von freier Kreativität ist ausdrücklich erwünscht und bei den Aufnahmeprüfungen schaut man weniger auf Perfektion als auf hohe Originalität. Nur selten ist der Kompositionsunterricht strikt reglementiert oder verschult – auf akademisches Wissen wird zwar Wert gelegt, der Hauptfokus liegt aber darin, die Studierenden bei der Findung ihres „eigenen Stils“ zu unterstützen. Wenn man sie entlässt, sollen sie möglichst schon ausgereifte Künstlerpersönlichkeiten sein, die sich schon „ausgetobt“ haben.

Diese eher abendländische Tradition ist verbreitet in den meisten europäischen Ländern wie auch in den USA. Ganz anders schaut es schon in Osteuropa aus, wie folgende kleine Anekdote belegen kann: Für einen Liedworkshop mit Komponierenden in einem osteuropäischen Land regte ich vor kurzem an, dass die Studierenden doch am besten Gedichte von zeitgenössischen Autor*innen ihres Landes vertonen sollten, denn so hätte ja Schumann auch gearbeitet zu seiner Zeit. Kurz vor Beginn des Workshops bekam ich dann eine Mail der Professorin: „Lieber Herr Eggert, die Liedkompositionen im Stile von Schumann sind jetzt alle fertig!“.

Noch krasser ist der Unterschied, wenn man nach Asien geht. Dort besteht der gesamte Kompositionsunterricht darin, minutiös bestimmte Vorbilder zu analysieren und möglichst exakt zu imitieren. „Komponiere ein Stück im Stile von Lachenmann“ zum Beispiel ist eine durchaus übliche Aufgabe – allein zu einem Stück wie „Pression“ existieren wahrscheinlich tausende Kopien, die fast gleich klingen, dieselben Techniken verwenden und natürlich dadurch komplett uninteressant sind, wenn es um ihren künstlerischen Mehrwert geht. Darum geht es aber in der asiatischen Lehrphilosophie gar nicht. Dort gilt es als eine Art Ehrerbietung, den „Meis­ter“ möglichst genau zu imitieren und damit an seinem großen Wissen teilzuhaben. Erst wenn man sich mühsam durch möglichst viele solche Stilkopien gearbeitet hat, gilt man als reif genug, die ersten eigenen kreativen Schritte zu gehen. Ist man mit dem Studium fertig, ist man keineswegs schon „originell“, sondern hat gerade erst die Vorbedingungen dazu erfüllt, irgendwann einmal vielleicht „originell“ sein zu dürfen. „Handwerkliche Fähigkeiten“ dagegen sind das Maß aller Dinge, denn diese sind abfragbar und bewertbar.

Welcher Ansatz kommt nun der Wahrheit näher? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn es geht hier um ganz grundsätzliche kulturelle Unterschiede. Ist unser abendländisches Konzept des bilderstürmenden Genies, das alles Bisherige auf den Kopf stellt und eine völlig neue Sicht auf die Dinge anstrebt heutzutage überhaupt noch tragfähig? Oder ist es vielleicht gerade heute, in einem Zeitalter der zunehmenden Anonymität, Massenfertigung und von Algorithmen gesteuerten Geschmäcker besonders interessant, Exzentrik und Eigenwilligkeit zu fördern?

Eine Antwort mag die Wissenschaft geben. Die Welt ist so wie sie ist, und die Wissenschaft will nichts weiter, als immer mehr davon zu verstehen. Aber immer wieder verrennen sich alle Forschungszweige in Sackgassen, in denen die bisherigen Erklärungsmodelle nicht mehr funktionieren. Gerade dann ist auch in der Wissenschaft Kreativität gefragt; der neue Blick, der neue Weg, der neue Ansatz bringt einen weiter – krampfhaft immer den gleichen Weg zu gehen, nur weil dieser etabliert ist, dagegen nicht. Daher ist es nicht schwer zu erraten, welcher Seite der Medaille meine Sympathien gehören. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur altmodisch.

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