„Auf ungewöhnliche Weise emotional mitreißend“

Das 1998 von Lars Vogt initiierte „Spannungen“-Festival im Kraftwerk Heimbach fand dieses Jahr zum 20. Mal statt


(nmz) -
„Ich persönlich war ja eher dafür, 2018 das runde zwanzigjährige Jubiläum zu feiern als jetzt das zwanzigste Mal. Aber ich bin überstimmt worden“, erklärt Lars Vogt und lacht. Ja, der 1970 in Düren geborene Pianist und Gründer von „Spannungen – Musik im Innogy-Kraftwerk Heimbach“ hat wirklich gut lachen. „Sein“ Festival hat sich – auch dank der landschaftlich einzigartigen Lage im Herzen der Eifel und einer ungemein inspirierenden Location – tatsächlich zu einer der am meisten energiegeladenen Begegnungsstätten für Kammermusik-Enthusiasten entwickelt. Und das fast ohne PR-Maschinerie.
Ein Artikel von Burkhard Schäfer

Es zeichnet die ‚Spannungen‘ aus, dass wir uns eigentlich nie so richtig um die Außenwirkung gekümmert und selbst die überregionale Presse nicht eingeladen haben“, so Vogt. „Wir unterhielten uns im Arbeitskreis darüber und sind dann zu dem Schluss gekommen, dass wenigstens unsere Künstler Aufmerksamkeit verdienen. Vor allem für die jungen, noch unbekannten Musiker, die zu uns kommen, ist das Festival eine wichtige Plattform. Allerdings nicht rein als Karrieresprungbrett, sondern als wichtiger Ausgangspunkt für unser Zusammensein.“

Bei diesem Thema wird Vogt plötzlich ernst: „Wir machen die Programme, die wir wollen – auch in der Art, wie wir das wollen. Wir scheren uns nicht darum, was sich gerade gut verkauft, sondern suchen uns nur solche Sachen aus, an denen wir wirklich interessiert sind. Ich sammle schon jetzt wieder Ideen für 2018 von unseren Künstlern ein.“ Wer zählt zum engsten Künstlerkreis? „Natürlich Tanja und Christian Tetzlaff“, erklärt Vogt spontan, „aber auch Sharon Kam, Isabelle Faust, Antje Weithaas und Gustav Rivinius. Über viele Jahre auch Tatjana Masurenko. Sie hatte jetzt mal eine Pause gemacht, kommt aber 2018 wieder.“ Insgesamt haben im Lauf der 20 Jahre mehr als 300 Künstler aus über 40 Nationen am Festival mitgewirkt, 23 Stipendiaten wurden gefördert. 2017 waren es die Flötistin Amy Yule und der Fagottist Theo Plath.

Es gibt noch andere Namen, die – zumal im Jubiläumsjahr – besonders eng mit dem ganzen Projekt verknüpft sind, weil es das Festival ohne sie in dieser Form nicht geben würde: Zunächst Andreas von Imhoff, Gründer des Labels Cavimusic. Seit 2005 erscheinen dort jedes Jahr ein bis zwei CDs von jedem Festival-Jahrgang. Auch in den Jahren 1999 bis 2004 sind die Mitschnitte unter seiner Ägide entstanden, damals aber noch von der EMI veröffentlicht worden. „Das Kraftwerk hat eine tolle Akustik und eignet sich hervorragend für Aufnahmen und Live-Mitschnitte“, weiß Vogt. „Die CDs sind für uns ein wichtiges Standbein und eine schöne Erinnerung.“ Dann Wolfhard Horn und Heinz Hassels. „Die beiden kümmern sich schon seit Jahrzehnten um eigentlich alles, was die gesamte Logistik, Organisation und Infrastruktur betrifft. Horn und Hassels sind die guten Geister des Festivals, ohne sie würde buchstäblich nichts laufen.“ Last not least: Dr. Ulrich Rohs. Schon seit 1998 finanziert der zeitgenössische Musik liebende Mäzen die Auftragswerke, sodass sich Heimbach vom Start weg auch als Ort von Uraufführungen aus dem Bereich der Kammermusik etablieren konnte. „Dank Dr. Rohs können wir uns jedes Jahr einen Composer in Residence leisten. Wir wollen unbedingt mit der Musik unserer Zeit in Verbindung stehen und nicht nur das kanonische Repertoire auf die Bühne bringen.“ Die Liste der „Residenzler“ ist im Lauf der Jahre lang geworden – und sie kann sich sehen lassen: Matthias Pintscher und Jörg Widmann sind ebenso vertreten wie Detlev Glanert, Manfred Trojahn und Olli Mustonen.

Für das Jubiläumsjahr 2017 konnte Vogt einen ganz besonderen Gast verpflichten: den estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür. Am Freitag, den 23. Juni, stehen gleich zwei Werke von Tüür auf dem Programm: zum Ende der ersten Konzerthälfte „Fata Morgana“ für Violine, Cello und Klavier und direkt nach der Pause dann die Uraufführung der Auftragskomposition „Lichttürme“ für dieselbe Besetzung. Es handelt sich also im Grunde um Tüürs zweites Klaviertrio, auch wenn es nicht explizit so ausgewiesen ist. Er habe, erklärt Tüür, 14 Jahre nach „Fata Morgana“ nochmals die Gattung Klaviertrio gewählt, weil er wusste, dass Lars Vogt oft und gerne mit Tanja und Christian Tetzlaff zusammenspielt.

Bevor die drei gewieften „Uraufführer“ die „Lichttürme“ im vollbesetzten Kraftwerk aus der Taufe heben, gibt es, wie immer bei dieser Gelegenheit, eine kurze Werkeinführung von und mit dem Komponisten. Die Musik, so Tüür, handle von Licht in einer sehr ideellen Form. „Zu Anfang des Stücks leben wir in kompletter Dunkelheit, verspüren aber das Bedürfnis nach zunehmendem Licht. Die imaginative Kraft des Wunsches wird dann so stark, dass sich das Licht in Form abstrakter Lichttürme materialisiert und am Ende des Stücks Realität wird.“ Aber das, fügt Tüür hinzu, sei natürlich nicht programmatisch zu verstehen, sondern nur eine mögliche Form der Annäherung an das Werk.

In der riesigen Kraftwerkshalle ist es mucksmäuschenstill, als die Musik wie aus dem Nichts heraus beginnt. Die „Handschrift“ von Tüür ist von den ers-ten Tönen an sofort zu erkennen. Lars Vogt wird später sagen, dass die Musik sich auch aus der Lust am klanglichen und strukturellen Experiment speist und, so Vogt wörtlich, „auf ungewöhnliche Weise emotional mitreißend“ ist. Tatsächlich ist auch das Publikum merklich gebannt von dem dramatischen Klang-Geschehen, das sich bei der jetzt schon tiefstehenden Sonne, deren Licht sich passend dazu am fast hellsten Abend des Jahres in den hohen Kraftwerksfenstern farbig bricht, auf der Bühne entwickelt. „Das Stück von Erkki-Sven Tüür hat uns mehr gefordert, als wir am Anfang dachten“, resümiert Vogt anschließend. „Es sieht auf den ersten Blick verständlich aus und ist auch relativ klassisch notiert. Doch im Klavierpart fordert Tüür fast schon Ligeti-mäßiges.“

Ungewöhnlich klingt der Abend mit einem besonderen Konzertformat aus, das es in dieser Art erst seit vier Jahren im Kraftwerk gibt und beim Publikum bestens ankommt: „Encore, Surprise, Zugabe“ – eine Art „Bunter Abend“ voller Überraschungen und Pointen, ebenso kurzweilig wie hochkarätig dargeboten, kurz: elektrisierend. Insgesamt ein grandioser Sommerabend – und ein exzeptionelles Festival!

Das könnte Sie auch interessieren: