Aufbruch in eine vielfältige Zukunft

Digitalisierungsprojekte im künstlerischen und pädagogischen Kontext


(nmz) -
„Tradition lebendig erhalten, Zukunft gestalten“, unter dieses Motto stellt die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim ihre Festveranstaltungen zum fünfzigjährigen Jubiläum ihrer Verstaatlichung. Wichtige Beispiele für diese grundsätzliche Ausrichtung sind auch die neuen Digitalisierungsprojekte der Hochschule, für die sie bei der Stiftung Innovation in der Hochschullehre insgesamt mehr als eine Million Euro einwerben konnte. Ziel der Projekte sind neue „blended“ Formen des künstlerischen Lernens, der Kommunikation von Kunst, ja der Kunst selbst. Die Projekte sind zunächst auf eine Dauer von drei Jahren angelegt, ihre Ergebnisse sollen im open access zugänglich sein.
Ein Artikel von Rudolf Meister

Die Corona-Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen und -verboten hat belegt, was vorher schon absehbar war: Digitale Formate werden in allen Bereichen immer wichtiger, können und sollen die direkte zwischenmenschliche verbale und nonverbale Kommunikation jedoch nicht ersetzen, sondern vielmehr erweitern. An der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim wurden bereits in den letzten Jahren viele Ideen in diesem Zusammenhang diskutiert, die beschränkten finanziellen Mittel ließen aber eine breit angelegte Offensive bisher nicht zu. Möglich war nur ein Pilotprojekt: „eartraining-online.de“. Dieses von Prof. Dres Schiltknecht verantwortete Programm stellt derzeit etwa 1.200 Übungsaufgaben open access zur Verfügung. Dabei handelt es sich ausschließlich um Beispiele komponierter Musik, also keine algorithmisch produzierten Aufgaben. Alle Aufnahmen wurden von Musikstudierenden auf Instrumenten eingespielt, es gibt also keine realitätsfernen synthetischen Klänge.
„Blended Learning“

„eartraining-online.de“ ist als Ergänzung und Erweiterung des Präsenzunterrichts gedacht. Bereits vor der Corona-Pandemie wurde die Seite im Netz mehr als 200.000 Mal im Jahr aufgerufen, im ersten Corona-Jahr waren es dann mehr als 500.000 Aufrufe. „eartraining-online.de“ kann nun durch die Finanzierung der Stiftung Innovation in der Hochschullehre zu einer Anwendung mit interaktivem und responsivem Webdesign weiterentwickelt werden, die in der Lage ist, Aufgaben-Lösungen selbst zu verarbeiten und zu beurteilen, user-spezifische Kontrollmechanismen neu zu integrieren und die auf allen Endgeräten verwendet werden kann.

Der Erfolg von „eartraining-online.de“ bestätigt unsere Überzeugung, dass auch in anderen theoretischen Fächern, ebenso aber auch in der wissenschaftlichen und künstlerischen Lehre durch digital gestützte Lehr- und Lernmethoden ein wesentlicher Mehrwert erreicht wird, wenn diese methodisch durchdacht mit Präsenzangeboten zu einer Einheit verschmolzen werden. „People are not single-method learners, we are, as a species, blended learners”, so der amerikanische E-Learning-Experte Elliot Masie.
Die Hochschule hält „blended“ Formen von Lehre und Kunst auch für eine angemessene Antwort auf die Frage, wie die Bedürfnisse nach zeitgemäßer Mediennutzung und natürlicher direkter zwischenmenschlicher Kommunikation verbunden werden können. Um diese Vision zu verwirklichen, ist es jedoch notwendig „blended learning“ und „blended art“ zu einem Projekt aller Hochschulmitglieder zu machen. Deshalb wird ein breiter Diskussionsprozess initiiert, der Studierende, Lehrende und die Projektleitenden gleichermaßen einbezieht. Beraten wird die Hochschulgemeinschaft dabei von externen Evaluierenden und Expert*innen.

Das Zurverfügungstellen neuer technischer Möglichkeiten ist nur dann wirklich hilfreich, wenn diese Möglichkeiten auch in die tägliche Arbeit integriert und dort als hilfreich empfunden werden. Deshalb werden wir uns zunächst Zeit nehmen, die Bedürfnisse, Erwartungen und Visionen der Studierenden und Lehrenden zu erfragen. Erst danach kann entschieden werden, welche Projekte innerhalb der vorgesehenen Laufzeit von drei Jahren entwickelt werden können, für welche anderen Projekte zunächst nur Konzepte erarbeitet werden und für welche Projekte sich nur langfristig Umsetzungschancen ergeben.

Bei allen diesen Überlegungen darf nicht vergessen werden, dass sich nicht nur die Lehre, sondern auch der Gegenstand der Lehre selbst, die Kunst verändert und ihre Ausdrucksformen durch die digitalen Möglichkeiten erweitert werden. Es ist deshalb auch wichtig, digitaler Kunst eine reale Bühne zur Verfügung zu stellen. Die Hochschule verfügt hier über interessante Erfahrungen und konnte bereits in der Vergangenheit vielbeachtete Projekte durchführen. Zu nennen sind beispielsweise die beim „Heidelberger Frühling“ und im Konzerthaus Berlin vorgestellten „Gesänge des Daseins“. In dieser gemeinschaftlich von Studierenden der Hochschule unter der Leitung von Prof. Sidney Corbett und Prof. Philipp Ludwig Stangl erarbeiteten Komposition spielen elektroakustische Hörstücke und audiovisuelle Überschreibungen eine konstitutive Rolle.

Intermediale Gestaltung war auch Thema des 2018 im Auftrag des „Heidelberger Frühlings“ von Studierenden der Hochschule unter Leitung von Prof. Philipp Ludwig Stangl erarbeiteten audiovisuellen Projekts „Das Außen im Innen“. Dabei wurden leere Räume einer ehemaligen Konzernzentrale visuell und akustisch, filmisch und musikalisch erforscht und in eine multimediale Installation übersetzt. 2019 wurde das Projekt variiert erneut beim „Heidelberger Frühling“ aufgeführt, dieses Mal in Kombination mit Klaviermusik und einem Vortrag des Architekten Daniel Libeskind.

Das experimentelle künstlerische Erforschen neuer Welten muss selbstverständlich auch in einen genuin digitalen Raum führen. Augmented Reality und Virtual Reality sollen eine wesentliche Rolle auf der „Digitalen Bühne“ der Hochschule spielen.

Hier ergeben sich zweifellos auch interessante Perspektiven für künstlerische Forschung im Rahmen der Erarbeitung künstlerisch-wissenschaftlicher Dissertationen. Denkbare Themen wären beispielsweise Artificial Intelligence, Machine Learning, Physical Computing im Bereich der Künste, elektronische Medienkompositionen oder auch Algorithmische Komposition. Die Hochschule begrüßt die Unterstützung des Wissenschaftsrats für die neuen Formen der künstlerischen Promotion. Sie hat auch bereits in ihrer Promotionsordnung die nötigen Voraussetzungen für eine Umsetzung geschaffen. Die Digitalisierungsprojekte der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim können sicherlich auch in einem hochschulübergreifenden Promotionskolleg anregend wirken.
Die „Digitale Bühne“ bietet natürlich auch eine Plattform für den Ausbau der Streaming-Angebote der Hochschule. Derzeit werden die technischen Voraussetzungen für Live-Streams aus einer größeren Zahl von Räumen erweitert.

Gestaltungskompetenz

Gleichwohl bleibt es der Hochschule wichtig auch in ihren digitalen Publikationen nicht quantitative Ziele in den Vordergrund zu stellen. Studierende der Hochschule erwerben mit umfassender pädagogischer Unterstützung medienkünstlerische Gestaltungskompetenz. In diesem Zusammenhang benötigen sie mehr denn je einen geschützten Raum für Experimente und Möglichkeiten der Selbsterfahrung. Der quantitativ weit überwiegende Teil der Streams der Hochschule wird deshalb auch zukünftig für das Intranet bestimmt bleiben. In der Regel mündet diese Arbeit in den künstlerischen Studiengängen in einer Ton- oder Videoaufnahme als Bachelor- beziehungsweise Masterarbeit. Die Hochschule unterstützt aber auch – nicht zuletzt pädagogisch – die Studierenden bei der selbstverantworteten Erstellung von Aufnahmen für Wettbewerbe, Stellenbewerbungen et cetera und das Selfmarketing.
Auch bei der Entwicklung neuer Formate des „blended learning“ kommt den Studierenden die zentrale Rolle zu. Sie müssen durch die multimedialen Angebote tatsächlich angesprochen werden. Bekannt ist ja das Problem, dass viele Nutzer derartiger Angebote nur unzureichend adressiert werden und deshalb schon nach kurzer Zeit frustriert abbrechen. Darüber hinaus sollen Studierende auch befähigt werden für ihre eigene spätere Lehre derartige Formate einzusetzen.

Umsetzungskonzepte

Konkrete Umsetzungskonzepte werden deshalb in den kommenden Monaten in einem koordinierten Diskurs zwischen Studierenden und Lehrenden erörtert. Die Stiftung Innovation in der Hochschullehre stellt auch Mittel für regelmäßige Workshops mit Methodiker*innen der Online-Lehre, Digitaltechniker*innen, Ton­meister*innen, Grafiker*innen, Jurist*innen, aber auch Rhetoriker*innen, Schauspieler*innen und Stimm­bildner*innen zur Verfügung. Ziel ist es tatsächlich die multimedialen Möglichkeiten zu nutzen und eine ihnen angemessene Didaktik/Methodik und Präsentation zu entwickeln. Selbstverständlich müssen auch bei Online-Angeboten Feedback-Tools integriert sein, die auch die nahtlose Verzahnung mit dem darauf bezogenen Präsenzunterricht sichern.

„Blended learning“-Formate bieten sich natürlich auch an in Fächern, die sich selbst auf Digitalität beziehen, wie beispielsweise „Computergestützte Musikanalyse“, „Digitale Klangtypologien“ oder „Laptop-Orchestra“. Grundsätzlich ist ihre Anwendung jedoch in fast allen Bereichen der Hochschullehre denkbar. So können beispielsweise bisher vor allem auf Empirie basierende Lehrinhalte und -formen der Instrumentalmethodik durch Motion Capturing unterstützt werden. Dabei bedarf es selbstverständlich einer Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln: Ohne die Erfahrung der Praktiker wäre die angemessene Interpretation der gewonnenen Daten kaum möglich.

Weiterhin geplant ist die Entwicklung von einführenden Angeboten wie „Überblick Musikgeschichte“ – von den Anfängen bis zur Gegenwart einschließlich Jazz und Popularmusik – eine Einführung in die Kunsttheorie einschließlich Formenlehre, Akustik, Terminologie (Tanz) sowie eine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten. Dadurch besteht die Möglichkeit, die zugeordneten Präsenzveranstaltungen der Behandlung exemplarischer Beispiele, der Problemorientierung und der Synthese zu widmen. Mittelfristig sollen auch Modelle für die Erarbeitung von Orchesterstellen im virtuellen Orchester und Übungsmaterialien zur Phonetik gesungener Sprachen entwickelt werden.

Die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim ist darüber hinaus Mitglied im „Netzwerk der Musikhochschulen 4.0“, in dem hochschulübergreifend allgemeine Fragen der Digitalisierung und der konkreten Umsetzung an Musikhochschulen diskutiert wird. In diesem Zusammenhang wurden auch drei vom Netzwerk finanzierte Stellen an der Hochschule in Mannheim eingerichtet.

Prof. Rudolf Meister, Präsident der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim

Das könnte Sie auch interessieren: