Aufwind ohne kulturelle Basis

In Hamburg ist (doch) nicht alles gut · Von Verena Fischer-Zernin


(nmz) -
... und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage? Was sich in Hamburg in diesen Monaten zuträgt, hat etwas Märchenhaftes. Die Elbphilharmonie ist tatsächlich fertig geworden. Da funkelt nun der Prachtbau, Stolz der Stadt, den diese sich nicht zu schade war, andernorts als „neues Weltwunder“ zu bewerben – Bescheidenheit wird überschätzt. Der Eröffnung im Januar war ein Medienspektakel sondergleichen. Die Architektur! Die Akustik! Allenthalben Superlative statt hanseatischer Nüchternheit. Eine Stadt, die traditionell als Hort der Pfeffersäcke gilt, schenkt sich als Wahrzeichen ausgerechnet einen Kulturtempel. Was macht das mit ihr? Und mit dem örtlichen Kulturleben?
Ein Artikel von Verena Fischer-Zernin

Einige Wochen nach der Eröffnungseuphorie hat sich an der Hafenkante eine Art Parallelalltag eingestellt. Die Infrastruktur kämpft noch mit ein paar Kinderkrankheiten, doch der Vertrieb brummt. Was immer die Veranstalter anbieten, es ist binnen Stunden ausverkauft. Das NDR Elbphilharmonie Orchester, Residenzorchester des Hauses, macht die Kärr-nerarbeit und stemmt Dutzende einstündiger „Konzerte für Hamburg“, oft im Doppelpack an einem Abend. Die Programme werden aus dem Bestand rekrutiert, geprobt wird wenig, gespielt oft al fresco und mitunter hörbar an der Grenze zur Überlastung. Aber es gibt auch zauberische Momente. Und Tausende von Menschen jubeln, staunen, beweisen es sich und anderen per Selfie: Sie sind „drin“. Das ist derzeit ein Privileg. Es ist nun einmal nicht zu ändern, dass die Zahl der Karten bei weitem nicht ausreicht, um die Nachfrage zu decken; die ist nach Angaben des Hauses rund zehnmal so hoch. Lokalpresse und soziale Medien hallen wider von der Unzufriedenheit der vielen, die nicht einmal auf die Website kommen, weil der Server schon wieder abgeschmiert ist. Verschwörungstheorien machen die Runde, Tenor: Während die Tourismusbranche Kontingente erhalte, schauten die Hamburger selbst in die Röhre.

Sich selbst verstärkender Hype

Wir sagen jetzt nur ganz leise und in Klammern, dass die Nachfrage zu wesentlichen Teilen dem sich selbst verstärkenden Hype geschuldet ist und nicht etwa einem explosionsartig gestiegenen genuinen Bedürfnis nach Hochkultur. Und kehren sofort zu dem zurück, was an diesem Ausnahmezustand erfreulich ist: Noch nie wollten so viele Menschen in Hamburg in klassische Konzerte. Ganz egal, was geboten wird. Er könnte sogar kammblasende Putzfrauen auf die Bühne schicken und man würde ihm die Karten aus der Hand reißen, scherzte Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie und der Laeiszhalle, bei der Eröffnung.

Darin liegt eine immense Chance. Hamburg hat ein großes Hinterland, und trotzdem haben es gerade anspruchsvolle Konzerte in der Vergangenheit immer wieder schwer gehabt. Ob Neue Musik oder hochkarätig besetzte Kammerkonzerte, die Reihen konnten schon mal gähnend leer bleiben. Nach rund zwei Monaten zeichnet sich ab, dass die Eröffnung der Elbphilharmonie für das Hamburger Konzertleben eine Zeitenwende sein könnte.

Das generelle Interesse kommt auch den anderen Spielstätten zugute. Die Symphoniker Hamburg bespielen die Laeiszhalle, bis dato die einzige Konzerthalle der Stadt, als Residenzorchester, andere Veranstalter teilen ihre Reihen auf beide Häuser auf. Sie berichten von erfreulichen Auslastungszahlen auch für die Laeiszhalle, einige von geradezu stürmischen Aufwärtstrends. Allerdings sieht das Angebot der Laeiszhalle derzeit arg nach Gemischtwarenladen aus. Lieben-Seutter wird sich einiges einfallen lassen müssen, um ein stringentes Profil für das neobarocke Schatzkästchen zu entwickeln.

Die Staatsoper setzt derweil Kontrapunkte. Seit Georges Delnon und Kent Nagano im September 2015 ihre Ämter als Intendant und Generalmusikdirektor antraten, ist das Haus an der Dammtorstraße wieder auf dem Radar der überregionalen Berichterstattung. Nicht alle Produktionen sind gleichermaßen gelungen, aber dramaturgischen Mut kann man den Beteilig-ten jedenfalls nicht absprechen. Ihren jüngsten Coup landeten sie mit einer Hausfassung von Bergs „Lulu“ in der Regie von Christoph Marthaler, mit der zirkusreifen Barbara Hannigan in der Titelrolle und dem ganzen Berg-Violinkonzert zum Abschluss, am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters natürlich Nagano. Die Produktion wurde von der Kritik fast einhellig begeistert aufgenommen, die Vorstellungen, immerhin jeweils vier Stunden Zwölftonmusik, waren so gut wie ausverkauft.

Die Zeit ist günstig für musikalische Erkundungen jenseits des Mainstreams. Das Ensemble Resonanz löst schon seit Jahren ein, wofür es zum Residenzensemble im Kleinen Saal der Elbphilharmonie geadelt wurde. Aber selbst das Schleswig-Holstein Musik Festival, mit Hamburg eng vernetzt, hat die Frechheit und setzt seinem bürgerlichen, zumeist ländlichen Publikum als Porträtkünstler ausgerechnet den Mandolinenspieler Avi Avital vor – wenige Jahre zuvor war es noch die Cellis-tin Sol Gabetta gewesen, blond, charmant und überaus marktgängig.

Während den Musikveranstaltern im klassischen Sektor allein schon die thematische wie topographische Nähe zur Elbphilharmonie Aufwind verleiht, können die anderen Disziplinen noch keinen Kollateraleffekt verzeichnen, die Besucherzahlen sind weder signifikant gestiegen noch gesunken. Für eine grundsätzliche Stellungnahme sei es aber noch zu früh, teilt der Intendant des Thalia Theaters Joachim Lux mit. Was die inhaltliche Gestaltung der Spielpläne betrifft, sind die Theater der Musik ohnehin voraus. Seit Jahren gehen sie intensiv auf das Weltgeschehen ein und beziehen unverhohlen Stellung. Das Kunstprojekt „EcoFavela Lampedusa Nord“, ein temporärer Begegnungsraum für Flüchtlinge in der Off-Spielstätte Kampnagel, brachte der Intendantin Amelie Deuflhard sogar eine Strafanzeige von der AfD ein. Der Publicity dürfte es genützt haben, Kampnagel bleibt bei seinen prononcierten Programmen. In diesem Jahr richtet man gemeinsam mit dem Thalia Theater das Festival „Theater der Welt“ aus.

Die Deichtorhallen haben sich des neuen Konzerthauses flugs thematisch angenommen. Sie zeigen noch bis zum 1. Mai unter dem Titel „Elbphilharmonie Revisited“, was sich zwölf internationale Künstler zu dem Haus gedacht haben, übrigens auch die Architekten selbst. Zu sehen gibt es Fotos, dreidimensionale Objekte und sogar lebendige Spinnen. Die Hamburger Kunsthalle wiederum hat ihren eigenen Frühling gehabt. 2016 wurde sie nach eineinhalb Jahren Umbauzeit wiedereröffnet und feierte das einen Monat lang mit freiem Eintritt für alle. Die Besucherzahlen schnellten prompt nach oben, die Diskussion über Zweckbindung und Rentabilitätsdruck von Kunst erhielt Zündstoff.

Kurz: Bewegung ist da. Schon das ist für langjährige Beobachter der Hamburger Kulturpolitik immer noch ein Grund, sich die Augen zu reiben. Jahrelang herrschte Stillstand, um nicht zu sagen Agonie. Die Dauerbaustelle Elbphilharmonie war ohnehin für jeden Spott gut. Die Idee, das Altonaer Museum von einem Tag auf den anderen schließen und damit immenses Geld sparen zu können, war nur der wüsteste der kulturpolitischen Schildbürgerstreiche, die sich die Hansestadt unter der Regierung von Ole von Beust (CDU) leistete. Erst die parteilose Barbara Kisseler, die unter dem SPD-Bürgermeister Olaf Scholz 2011 Kultursenatorin wurde, konnte die Verhältnisse Schritt für Schritt ordnen. Sie holte Karin Beier von Köln nach Hamburg, die das Deutsche Schauspielhaus aus seinem Dornröschenschlaf geweckt hat. Bei der Stiftung Historische Museen hakte es ein wenig, bis Kisseler sie auf Kurs hatte. Das Reeperbahnfestival mauserte sich jenseits seiner musikalischen Relevanz zu einem Branchentreff von internationaler Ausstrahlung.

Kisselers größtes Verdienst war es natürlich, das havarierte Projekt Elbphilharmonie wieder flottzumachen. Sie nahm aber auch die Belange der freien Szene ernst. Sie erreichte, dass die Stadt das sogenannte Gängeviertel von einem Immobilienentwickler zurückkaufte und sich mit der Künstlerinitiative „Komm in die Gänge“ über Sanierung und Nutzung des Areals einigte. Wie sehr Kisseler in der Stadt geschätzt wurde, sogar vom Finanzsenator, das zeigte sich noch einmal schmerzlich in den öffentlichen Reaktionen, als sie im vergangenen Oktober nach längerer Krankheit starb.

Wochenlang schien es, als traute sich Olaf Scholz nicht an die Frage heran, wer in diese großen Fußstapfen treten solle. Wegen der Besetzungsverhältnisse im Senat müsse es eine Frau sein, hatte er verlauten lassen, dann setzte er sich darüber souverän hinweg und tat das Naheliegende: Er berief Carsten Brosda, der Kisseler als Kulturstaatsrat bereits monatelang kompetent und ohne Aufhebens vertreten hatte.

Wenn die Anzeichen nicht trügen, wird Brosda Kisselers Kultur des Zuhörens und Ernstnehmens fortführen. Er kann nicht alle glücklich machen, aber einige doch. Im Rahmen eines neuen Musikstadtfonds stellt die Kulturbehörde 500.000 Euro zusätzlich pro Jahr zur genreübergreifenden Förderung der Freien Musikszene bereit. Die Privattheater, traditionell ein Stiefkind der Kulturförderung, erhalten nach einer längst überfälligen Evaluierung im Doppelhaushalt 2017/18 eine Erhöhung der Zuwendungen von insgesamt 1,8 Millionen Euro.

Abseits des Scheinwerferlichts

Am wenigsten profitiert vom Aufwind die kulturelle Basis. Wo das Scheinwerferlicht des überregionalen Interesses nicht hingelangt, bei Stadtteilkultur und Bücherhallen etwa, herrscht Mangelverwaltung wie ge-habt. In manchen Bereichen sind die Zuwendungen seit 30 Jahren nicht mehr gestiegen. Und wo sie erhöht wurden, reichte das oftmals nur aus, um die gleichfalls gestiegenen Tariflöhne zu zahlen. Wovon der künstlerische Betrieb wiederum nichts hatte.

Brosda räumt durchaus ein, dass hier noch Handlungsbedarf besteht. Er lässt es aber auch an sich abtropfen, wenn die Vertreter der freien Künstlerszene die Einrichtung des Musikstadtfonds als Ablasshandel für das Groschengrab Elbphilharmonie geißeln und fordern, die Erträge der Kultur- und Tourismus-taxe nicht nur zu 50 Prozent, sondern in vollem Umfang in die Kultur fließen zu lassen. „Nicht zu gierig werden“, sagte er kürzlich in einem Interview.

Jeden Missstand reflexartig mit dem Primat des Prestigeobjekts Elbphilharmonie zu erklären, greift zu kurz. Goldene Zeiten sehen sicherlich anders aus, eine Millionenstadt des 21. Jahrhunderts ist nun einmal kein Ort für Märchen. Aber was eine engagierte, nachhaltige Kulturpolitik auch mit endlichen Budgets bewirken kann, das ist in Hamburg gerade zu besichtigen. Und wer weiß, vielleicht wird ja etwas wahr von der sozialen Utopie, die die Architekten Herzog & de Meuron ihrem Entwurf der Elbphilharmonie eingeschrieben haben, und die Menschen schließen sich im Namen der Kultur tatsächlich enger zusammen. Das wäre dann wirklich eine Botschaft an die ganze Welt.

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