awareness of time

Das Festival pyramidale in Berlin Marzahn-Hellersdorf


(nmz) -
An der Peripherie von Marzahn-Hellers­dorf, im Berliner Bezirk mit der größten Plattenbausiedlung Europas, findet seit 2002 das Festival für Neue Musik und interdisziplinäre Kunstaktionen pyramidale statt. Im 30. Jahr des Mauerfalls, feiert der Bezirk sein 40-jähriges Bestehen. Hierzu passend richtete das Festival 2019 den Fokus auf das Zeitbewusstsein.
Ein Artikel von akp

Der erste Festivaltag startete traditionell mit der TRAMOPHONIE. Während der Sonderfahrt der BVG vom Hackeschen Markt nach Berlin-Hellersdorf war ein mobiles, multi-akustisches Konzert mit einer Gruppe Audio-Schwarzfahrern von und mit dem amerikanischen Klangkünstler Benoît Maubrey zu erleben. Mit „Audio-Korsetten“, Verstärkern und Walkmen ausgestattet, bewegten sich fünf Akteure durch die Tram und erzeugten mit ihren Körpern eine sich ständig verändernde Klangfläche aus Sprache und Geräuschen, die in der Halbzeit durch eine Einlage Maubreys mit Stimme und E-Gitarre unterbrochen wurde.

Auf diese Weise wurde der Teil des Publikums, der nicht aus dem Bezirk selbst stammt, aus der Mitte Berlins abgeholt und zu einer Erkundung der vermeintlichen Peripherie „entführt“. Ein Weg, den die wenigsten ohne die Verbindung mit diesem Event aus eigenem Antrieb angetreten hätten. Nach ca. 60 Minuten erreichte die Tram das Ausstellungszentrum Pyramide.

Nach kurzen freundlichen Begrüßungen des zahlreich erschienenen Publikums durch Juliane Witt, Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Soziales und Facility Management und durch die Künstlerische Leiterin des Festivals Susanne Stelzenbach, die unter anderem darauf hinwies, dass das diesjährige Festivalbudget äußerst knapp bemessen war und die Realisierung nur durch zwei private Spender/
-innen in dieser Form ermöglicht wurde, folgte das Konzert des Ensembles via nova aus Weimar.

Fünf junge Musiker/-iinnen des Ensembles präsentierten aktuelle Musik aus der Schweiz, Südkorea, Großbritannien und Deutschland. Neben Stücken von Michael Parsons, Seungwoo Paik, Helmut Zapf und Gordon Kampe, gab es vier Kompositionen, die extra für die pyramidale geschrieben wurden.

Max E. Keller, eigens für das Festival aus der Schweiz angereist, komponierte das Werk „klären und fokussieren“. Dabei setzte er sich mit dem Festivalthema dynamisch, als einem zielgerichteten Prozess auseinander. Wiederholt klärt sich darin Diffuses in eine klare Richtung, wobei der Prozess jedoch nach Erreichung seines Ziels jeweils unerwartet abbricht und zu einer neuen Bewegung findet. Es bleibt offen, ob es sich beim Erreichen des Zieles um eine Illusion handelt.

Susanne Stelzenbach stellte die Frage „Warum zerstören die Menschen ihren Planeten?“ in den Mittelpunkt ihrer, ein elektroakustisches Zuspiel einbeziehenden Komposition „die SONNE der WALD II“. Johannes K. Hildebrandt reagierte mit seinem neuen Stück „LAUF“ auf die Performance „Walk“ von Michael Parsons, indem er diese instrumental fortsetzte. Die letzte Uraufführung des Tages stammte von Stepha Schweiger, die in ihrem Werk „Rook Song“ theatrale Elemente, ein Zuspiel und Video mit einbezog. Inhaltlich geht es dabei um die Rückbesinnung auf die Natur und um den Mut, einen steinigeren Weg zu gehen, anstatt wie bisher fortzufahren. Damit verknüpft ist die Idee des Raben (engl. Rook), der schon zu Urzeiten, noch vor dem Menschen den Weg aus dem Urwald in die Steppe vollzogen haben soll. Diese sich im Verlauf der Komposition manifestierende Zeitüberbrückung verband sich auch mit dem Thema des Festivals „awareness of time“. Unter der Überschrift ERINNERN, in memoriam Georg Katzer, folgte darauf dessen legendäre multimediale szenische Aktion „L’homme machine” (Der Maschinenmensch) in der Version für Kontrabass/ Stimme/ elektroakustische Zuspiele und Video. Georg Katzer, im Mai dieses Jahres verstorben und oft zu Gast bei der pyramidale, war einer der bedeutendsten Komponisten der zeitgenössischen und elektroakustischen Musik der DDR. Der Kontrabassist Matthias Bauer beeindruckte durch seine kongeniale Interpretation des Werkes von 1998.

Das interessierte Publikum des ersten Festivaltages spendete für das spannende Programm auf hohem interpretatorischem Niveau viel Applaus. In lockerer Atmosphäre nutzten die Gäste die Möglichkeit mit den Komponistinnen und Komponisten sowie den Interpretinnen und Interpreten zu sprechen.

Am zweiten Festivaltag war die pyramidale zu Gast im Projektraum Galerie M, der seit 2018 von der Neuen Kunstinitiative Marzahn-Hellersdorf bespielt wird und mit einem genreübergreifenden Konzept Akzente setzt. Unter der Überschrift MIXTUR – audio / audiovisuell / solo erklangen Kompositionen für Akkordeon von Andreas F. Staffel, Alexandra Filonenko, Uros Rojko und Werke für Flöte/Octobassflöte von Gabriel Iranyi und Thomas Gerwin. Sie wurden beeindruckend interpretiert von Neža Torkar, Akkordeon und Klaus Schöpp, Flöten. Des weiteren waren eine elektroakustische Komposition von Clemens von Reusner und zwei neue audiovisuelle Werke zu erleben.

Der Medienkünstler NAMESI, der der Neuen Kunstinitiative Marzahn-Hellersdorf angehört, ließ sich in “Elektroakustische Studie IV vor bewegten Bildern”, durch Taymur Strengs auf sequenzartigen Verläufen und zufälligen Anordnungen aufgebaute Komposition zu einer von starken, abstrahierten Bildern dominierten virtuellen Achterbahnfahrt durch Raum und Zeit inspirieren. Der zweite interdisziplinäre Beitrag – die audiovisuelle Fotomontage „Metaphysical Seascapes“ - wurde von zwei Künstlerinnen präsentiert, die seit vielen Jahren in unterschiedlichen Kontexten zusammenarbeiten, wobei die durch Überblendungen aneinandergereihten, surreal anmutenden Meereslandschaften der aus Wien stammenden Fotokünstlerin Iris Weirich im Zusammenwirken mit Maria Marachowskas minimalistischer Klangspur eine beinahe meditative Wirkung entfalteten. Der Dialog zwischen den unterschiedlichen Kunstsparten spiegelte sich am zweiten Festivaltag auch in der besonderen Raumsituation wieder, da sich zeitgleich mit dem Festival eine Ausstellung im Rahmen der „Berlin Art Week“ mit raumgreifenden Kunstinstallationen im Aufbau befand.
Darüber hinaus ergab sich, dem Festivalmotto „awareness of time“ entsprechend, im direkt an der Marzahner Promenade gelegenen Projektraum Galerie M für einen kurzen Moment ein spontaner und völlig unerwarteter „Kulturmix“.

Während Thomas Gerwins aus kurzen Szenen und musikalischen Aktionen bestehende „Tafel-Musik“ erklang, deren Interpretation der Intention des Komponisten gemäß, tatsächlich mit den akustischen Gegebenheiten des jeweiligen Aufführungsortes spielen soll, drangen von draußen Klangfetzen von Rap-Musik aus einem Ghettoblaster herein. Ohne es zu wissen, hatten die vorbeilaufenden, jugendlichen Anwohner/-innen zu einer „akustischen Intervention“ dieses Abends beigetragen. 

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