Beethoven ist personifizierte Regelverletzung

Das Karajan-Institut Salzburg und die Telekom rufen zur Vollendung der 10. Sinfonie auf


(nmz) -
Das Unvollendete vollenden: viele haben es versucht. Mozarts Requiem lockte zahlreiche Bearbeiter von Süßmayer bis Robert Levin an, Alban Bergs Opernfragment „Lulu“ ließ Friedrich Cerha nicht ruhen, und auch Schuberts „Unvollendete“ zog eine stattliche Zahl von musikalischen „Restauratoren“ an. Immer waren menschliche Hirne mit mehr oder weniger ausgeprägter Stilsicherheit am Werk. In der gegenwärtigen Ära der zumindest partiellen Digitaleuphorie wird auch der Job des Bearbeiters zunehmend dem Kollegen Algorithmus anvertraut.
Ein Artikel von Mathias Nofze

So wie im Projekt „Beethovens Unvollendete“, das vom Karajan-Institut Salzburg koordiniert und von der Deutschen Telekom mit Sitz in Bonn finanziert wird. Nichts Geringeres als die Vollendung von Beethovens zehnter Sinfonie mittels Künstlicher Intelligenz ist geplant. Wieder flirtet der Algorithmus mit der Kunst, wieder will man wissen, ob die Maschine Mensch werden kann. Vor gut einem Jahr hat schon einmal ein IT-Konzern versucht, Künstliche Intelligenz kreativ werden zu lassen. Das Unvollendete war in diesem Fall „die“ Unvollendete, nämlich Franz Schuberts letzte Sinfonie, überliefert in zwei Sätzen (nebst Skizzen für einen dritten). In der Londoner Cadogan-Hall erlebte das Publikum im Februar 2019 das Werk in vier Sätzen in einer Live-Aufführung durch ein Orchester. Zunächst die beiden Schubert‘schen Originalsätze, dann die Sätze drei und vier als Produkte eines Algorithmus’ aus dem Hause des chinesischen IT-Giganten Huawei. Die Software hatte die ersten beiden Sätze analysiert und Melodien für eine Fortsetzung vorgeschlagen. Huawei feierte das Ergebnis als Beweis dafür, wie Künstliche Intelligenz (KI) „die Grenzen des menschlich Machbaren“ überschreite. Viele Kritiker sahen eher die Grenzen des Zumutbaren unterschritten. Von „Fahrstuhlmusik“ und klingender „Plörre“ war die Rede.

Die Ambitionen und Erwartungen sind im Fall von Beethovens Zehnter vergleichbar, die Ausgangslage ist aber noch schwieriger. Beethovens zehnte Sinfonie ist mehr Mythos als Werk, von ihr existieren nur wenige Skizzen und ein paar schriftlich fixierte Überlegungen. Es lässt sich nur erahnen, was Beethoven aus einem flüchtig hingeworfenen Motiv gemacht hätte – wenn er es nicht sogar verworfen hätte. Und auch die Endgestalt muss ziemlich unklar bleiben. Eine vorhandene Sinfonie, etwa die Neunte, einfach als Muster nehmen, verbietet sich, weil Beethoven wie kaum ein anderer immer neue Wege gesucht hat. Dass er laut handschriftlicher Notizen „alte Tonarten“ und einen „cantique eclesiastique“ einbauen und das Finale als „Feyer des Bachus“ gestalten wollte, macht die Vollendungsbemühungen eher schwieriger als leichter. Der britische Musikwissenschaftler Barry Cooper stellte 1988 seinen Versuch vor, aus vorhandenen Skizzen den ersten Satz einer Zehnten zu rekonstruieren.

Das Projektteam lässt sich von derlei Unwägbarkeiten nicht schrecken. Man wolle „eine mögliche Version der Zehnten Sinfonie“ erstellen, heißt es in einer offiziellen Darstellung des Vorhabens. Also mehr als nur etwas unverbindlich nach Klassik Klingendes, in dem dann und wann eines der Beethoven‘schen Motive vorbeizieht. Um nicht wie Huawei Schiffbruch zu erleiden, setzt man auf „Seriosität und Fachkenntnis“. Das Projektteam ist interdisziplinär zusammengesetzt, Kopf der Truppe ist Matthias Röder, Leiter des Karajan-Instituts in Salzburg. Ahmed Elgammal, Direktor des „Art & Artificial Intelligence Lab“ an der Rutgers-University in New Jersey, entwickelt die Software. Er wird dabei unterstützt von Mark Gotham von der Cornell-University im US-Bundesstaat New York, Komponist und Spezialist auf dem Feld der Musikinformatik. Dabei ist außerdem der Österreicher Walter Werzowa, der als „Guru“ des Audio-Branding gilt, ein Ruf, den er sich vor allem durch die Kreation des Intel-Jingles erworben hat. Mit dabei ist auch die Leiterin des Archivs des Bonner Beethovenhauses, Christine Siegert. 

Im Projekt geht man Schritt für Schritt vor. Zunächst wurde die KI mit einer ausreichenden Datenbasis versehen. Dazu zählten Werke von Beet­hoven, aber auch von Mozart und Haydn sowie von Beethovens Zeitgenossen. Die KI, so Elgammal, nutzt dafür Techniken der Sprachverarbeitung: „Letztendlich haben wir einige Module verwendet, die von der natürlichen Sprachverarbeitung (Natural Language Processing) inspiriert sind. Die natürlich für die Musikgenerierung angepasst wurden, und die wir versucht haben, weiter voranzutreiben.“ Die KI sucht nach Ähnlichkeiten zwischen den von Beethoven skizzierten Motiven, Thementeilen oder kurzen Überleitungspassagen und dem, was in ihrem Fundus schlummert. „Was KI uns gestattet, ist die Möglichkeit, den weiteren Verlauf eines Satzes in 20, in 100 verschiedenen Fassungen anzubieten. Und das ist unendlich faszinierend, denn wenn es algorithmisch sehr gut gemacht wird, dann ist jeder Versuch plausibel“, so Robert Levin. Der amerikanische Musikwissenschaftler ist als Spezialist für den Wiener klassischen Stil mit im Team. Er hat unter anderem eine viel beachtete Ergänzung des Mozart‘schen Requiems vorgelegt.

Der Musikjournalist Raoul Möhrchen allerdings bleibt skeptisch. „Der Algorithmus ist ja ein Regelwerk, das Gelerntes, Angefüttertes anwendet. Gerade im Falle von Beethoven läuft das dem Charakter und der Ästhetik und der Eigenbestimmung komplett konträr. Beethoven ist personifizierte Regelverletzung.“ Man könne aus dem Projekt vielleicht viel über KI-Technologie lernen, nicht aber über Beethoven. Walter Werzowa ist da anderer Meinung: „Ich glaube, dass die Künstliche Intelligenz den Menschen mehr und mehr versteht, sich einfühlen und etwas lernen kann – und damit auch etwas komponieren kann, das uns zutiefst berührt und berührend ist.“

KI erobert immer mehr das Feld der Musik: sie liefert Choräle im Bachstil, Entspannungsmusik, den persönlichen Pop-Song in zwei Minuten oder Jazzsoli, Der amerikanische Komponist David Cope kreierte ein Programm mit dem hübschen Namen „Emily Howell“, das Werke à la Chopin, Mahler oder Beet­hoven auswirft, während eine „Iamus“ getaufte Software Musik in gediegen zeitgenössischer Klangsprache produziert. Aber auch Komponisten wie Orm Finnendahl oder Brian Ferneyhough und andere nutzen algorithmische Verfahren. Und im Experten-Team ist man sich sicher: auch Beethoven, lebte er heute, hätte eine KI verwendet.

Am 28. April 2020 sollte Beethovens vollendete Zehnte in Bonn durch das Beethovenorchester uraufgeführt werden. Ein neuer Termin stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Ob das Ganze mehr als nur ein Event im Jubeljahr wird, bleibt abzuwarten. Barry Cooper, der 1988 auf der Grundlage der vorhandenen Skizzen einen Rekonstruktionsversuch des ersten Satzes der Zehnten vorlegte, äußerte sich skeptisch. Als man ihm erste Ergebnisse der KI vorführte, war sein Urteil: „langweilig“. „Menschliche Intelligenz“ könne „Plausibleres“ komponieren. Pierre Henry, Begründer der musique concrète, ging schon vor gut 40 Jahren einen völlig anderen Weg. Er fügte Audioschnipsel aus Aufnahmen aller neun Beethoven-Sinfonien zu einer zweistündigen Klangcollage zusammen. Uraufgeführt wurde das 1979 unter dem Titel „La Dixième“ – in der Bonner Beethovenhalle.
  

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