Begegnung anderer Art

Neue Audio-DVDs „2+2+2“ bei MDG


(nmz) -

Vor kurzem war hier zu lesen (Ausgabe 6/00 S. 20), dass der DVD die Video-Zukunft gehöre. Wie wahr und unwahr zugleich diese Feststellung ist, kann man im Tonstudio des Tonmeisters Werner Dabringhaus in Detmold, der zusammen mit Reimund Grimm Inhaber des bekannten Klassik-Labels MDG ist, erleben.

Ein Artikel von Diether Steppuhn

Vor kurzem war hier zu lesen (Ausgabe 6/00 S. 20), dass der DVD die Video-Zukunft gehöre. Wie wahr und unwahr zugleich diese Feststellung ist, kann man im Tonstudio des Tonmeisters Werner Dabringhaus in Detmold, der zusammen mit Reimund Grimm Inhaber des bekannten Klassik-Labels MDG ist, erleben.Unbestreitbar wird die DVD die CD bald ablösen: Sie bietet dem heutigen Konsumenten unvorstellbar viel mehr an digitaler Aufzeichnungstechnik und erlaubt Aufnahmen, die sich vor kurzem noch niemand vorstellen konnte. Jeder Interessierte weiß inzwischen, dass er auf DVD-Video ganze Spielfilme, sogar mit Surround-Sound bekommen kann; derzeit gibt es allein bei uns in Deutschland schon eine Million solcher Heimkino-Anlagen.

Der Liebhaber klassischer Musik dagegen ist meist verwirrt, weil die großen Gerätefirmen ihn mit Zahlen und technischen Detailerläuterungen überfallen, die nur schwer verständlich sind. Dabei muss er das alles auch gar nicht wissen. Anders als passionierte Freaks hat der vor allem an der Musik interessierte Klassikfreund ja immer schon die Technik dem Fachhändler überlassen und sich auf seine Ohren, seinen eigenen Geschmack, also auf seinen persönlichen Höreindruck konzentriert, den ihm die Technik vermittelte. Er sollte es auch jetzt so halten.

Natürlich ist es hilfreich, wenn er weiß, wie die neue Digital-Technik seinen Hörgenuss verbessern kann; deshalb dazu ein paar Bemerkungen: Die DVD wurde zunächst für die Wiedergabe von Filmen entwickelt und bis jetzt auch hauptsächlich genutzt, weil sie etwa die siebenfache Datenmenge speichern kann als die herkömmliche CD, mit besonderen Tricks sogar noch viel mehr. Nachdem Cinemaxx-Kinos den Besucher mit bisher unbekannten Klangballungen überfallen, will und soll der Filmfreund das auch zu Hause so erleben – die DVD-Video schafft ihm zum Filmbild in seinem Wohnzimmer dieses Klangerlebnis mit einem neuen sechskanaligen Musikformat „5.1“: Zu den bekannten beiden Stereolautsprechern vorn rechts und links gesellen sich gleichartige hinten rechts und links, dann vorn noch ein Mittenlautsprecher für die Sprachwiedergabe (die Schauspielerstimmen kommen nämlich immer aus der Leinwandmitte) und irgendwo im Raum ein Tiefbasseffekt-Lautsprecher für besonders laute Geräusche wie Detonationen explodierender Autos oder Ähnliches. Das alles braucht fünf Kanäle und einen weiteren für den Tieftöner, daher „5.1“. Man muss aber wissen, dass die hochwertige Filmaufzeichnung soviel an DVD-Speicherplatz aufbraucht, dass für hochwertigen Klang nicht mehr viel übrig bleibt. Doch fällt das dem Filmbetrachter kaum auf, weil das Auge dem Ohr immer voraus sein will, wo doch das Ohr allein viel genauer ortet und dreidimensional zu hören vermag.

In der klassischen Musik explodieren noch keine Raumschiffe oder Granaten, sie braucht also den dazu bestimmten Tiefbasseffekt-Kanal nicht. Man sitzt auch nicht vor einer Riesenleinwand, die für Sprachübertragung einen Mittenlautsprecher nötig macht. Verzichtet man also auf die Filmaufzeichnung mit ihrem datenreduzierten „Musikbeiwerk“ und nutzt alle Möglichkeiten des neuen Formats ausschließlich für die Musik, erreicht man im Format „5.1” über hochwertige Quadrophonie hinaus mit sechs Lautsprechern hochwertigsten Stereoklang, der unterstützt wird von neuen technischen Möglichkeiten. Die Techniker sprechen dann statt von bisher 16-bit/44,1kHz von neuen Möglichkeiten mit 24-bit/96 kHz oder gar 192 kHz und diese Zahlen imponieren zu Recht, denn es handelt sich wirklich um einen überwältigenden „Quantensprung“ des Musikhörens. Für den Hörer spielt sich aber auch dann noch das ganze Klanggeschehen in einer kreisrunden Ebene ab, idealerweise in Ohrhöhe, wenn die sechs Lautsprecher richtig aufgestellt sind. Werner Dabringhaus ging noch einen Schritt weiter. Er bedient sich zwar auch der neuen DVD-Audio-Technik mit ihren sechs Übertragungskanälen, aber er nutzt sie anders: Da sind zunächst wieder die vier „Eckenlautsprecher“. Über den vorderen beiden rechts und links stehen aber außerdem noch – leicht nach außen gedreht – Lautsprecher Nr. 5 und 6 in einem Abstand, der etwa der Hälfte der vorderen Stereobreite entspricht. Diese beiden Kanäle erweitern nun das bisher flache „Rundum-Stereobild“ um eine dritte Dimension nach oben. Das hörte ich in Detmold und ich bekam eine Gänsehaut nach der anderen…

Ich saß also auf dem schon immer „idealen Stereoplatz“ in der Ecke des von den Lautsprechern und mir gebildeten gleichschenkligen Dreiecks. Über ein eigens dafür konstruiertes Mischpult erklang dann nacheinander folgendes: erst Mono aus der Mitte; dann eine alte Stereo-„Pingpong“-Aufnahme mit übertriebenen Seiteneffekten; dann eine moderne Stereo-Aufnahme mit Raumanteil auch in die Tiefe; dann eine neue Abmischung im Format „5.1“ aus den sechs Lautsprechern, die noch mehr Raumgefühl vermittelte; dann kam das Neue wie eine Offenbarung: MDGs „2+2+2- Raumklang – dreidimensional!“, demonstriert mit einer Chorszene aus einem Händel-Oratorium – das Orchester erkennbar in seiner genauen Anordnung auf dem Podium, dahinter auf einem Podest deutlich erhöht der Chor, weiter dahinter wieder deutlich höher im völlig natürlichen Entfernungsempfinden die Orgel: der Kirchenraum war fast mit Händen zu fassen. Schließlich gab es – in der französischen Kathedrale von Rouen aufgenommen – Widors berühmte Orgeltoccata, beginnend im Fortissimo des vollen Werks im klanggefüllten ganzen Kirchenraum, dann diminuierend über ein Pianissimo, das sich hoch oben und nach hinten in das unter der Deckenwölbung liegende „Récit“-Orgelwerk zurückzog, um dann wieder im Crescendo mit vollem Werk in den ganzen Raum zurückzukehren, bis ich das Gefühl hatte, dass im fff-Schlussakkord sogar der Boden zu vibrieren begann. Etwas Vergleichbares habe ich aus Lautsprechern in einem ganz normal großen Raum noch nie gehört!

Zweierlei blieb aus diesem Erlebnis im Gedächtnis haften. Zum einen gibt es mit der neuen dreidimensionalen Wiedergabetechnik keinen festen „Stereo-Einzelplatz“ mehr wie bisher: Geht man durchs Zimmer, so bleibt der Raumklang an jedem neuen Ort erhalten, wenn auch – wie in der Wirklichkeit – das Ohr weiter links dem Orchester näher ist als vorher; und das geschieht auch bei einem Gang nach rechts, wenn man die Kontrabässe rechts auf dem Podium vor sich brummen hört. Das ist über die Erfahrung des „echten“ Klangbilds hinaus ein unschätzbarer Gewinn für mehrere Musikgenießer im heimischen Konzertsaal – bisher hatte ja immer nur eine Person den optimalen Stereo-Hörplatz.

Zum zweiten beeindruckte nicht nur die eigentlich simple Idee der Anordnung von sechs Lautsprechern aus jenen Kanälen, die jede DVD zur Verfügung stellt, sondern auch die sicher nicht unwichtige Tatsache, dass nur die vorderen beiden Stereolautsprecher hochwertige Erzeugnisse waren, während die anderen vier als Surround-Ausstattung heute in jedem Supermarkt preiswert zu erstehen sind.

Der Musikfreund fragt natürlich sofort, ob das alles zukunftsfähig ist und sich durchsetzen wird. Die Antwort ist einfach: Es liegt an ihm; denn es gibt bereits die ersten MDG-DVD-Audio-Aufnahmen in diesem Format „2+2+2“, in denen Tonmeister Werner Dabringhaus die sechs Tonspuren schon in der von ihm „erfundenen“ dreidimensionalen Anordnung so aufbereitet hat, dass jeder hochwertige DVD-Audio-Player in Verbindung mit einem Sechs-Kanal-Verstärker diese „Raummusik“ erklingen lassen kann. Die Aufnahmen sind vor kurzem schon auf „normalen“ CDs erschienen: Auf MDG 901 0960-5 („normal“: 301 0960-2) gibt es in einer zweiten Cartellieri-Folge Klarinetten- und Flötenkonzerte dieses Wiener Beethoven-Freunds wieder mit Dieter Klöcker und seinen Mitstreitern – die erste Folge auf MDG 301 0527-2 enthielt mehrere Klarinettenkonzerte – und auf MDG 940 0967-5 („normal“: 340 0967-2) dirigiert und spielt Christian Zacharias von Mozart das Klavierkonzert KV 503, die „Prager Sinfonie“ KV 504 und das Rezitativ mit Rondo für Sopran und obligates Klavier mit Orchester KV 505 „Ch’io mi scordi ti te – Non temer, amato bene“. Beide Aufnahmen gehören interpretatorisch und aufnahmetechnisch zu den hinreißenden Spitzenproduktionen des Hauses MDG mit Künstlern, die ihm seit Jahren verbunden sind und mit früheren Aufnahmen höchstes Lob und auch internationale Preise erhielten!

Dabringhaus stellte sein „2+2+2“-DVD-Format im Januar 2001 auf der MIDEM in Cannes vor. Es bleibt nur noch, dass möglichst viele Musikfreunde ihre Fachhändler darum bitten, ihnen die technischen Voraussetzungen für diese dreidimensionale „2+2+2“- Wiedergabe zu schaffen und damit ein neues überwältigendes Klangerlebnis anzubieten: Es wird überzeugen und den Wohnraum zum wirklichen Konzertsaal, zum echten Kirchenraum machen; der Klassikfreund wird schnell erkennen, wie preiswert ihm heute zu Hause ein Kunstgenuss verschafft werden kann, den auch Betuchte sich für sehr viel Geld bisher nicht verschaffen konnten.

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