Beinahe ein Gesamtkunstwerk

Zur Nussknacker-Produktion des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich


(nmz) -

Marie und Fritz spielen vor einem dürren Weihnachtsbaum in einem trostlosen Wohnzimmer irgendwo im Elendsviertel. Der Pate Drosselmeyer, im Trenchcoat und mit heruntergezogenem Schlapphut, verteilt großzügig Bananen, Waschmaschinen und einen Fön – und gleichzeitig Angst und Schrecken unter seinen Kumpanen und Damen aus der Halb- und Unterwelt. Nur wenig erinnert den Zuschauer an die Geschichte des Nussknackers mit Lichterbaum, Familienglück, Mäusekönig und Maries vorsichtigem Blick in die Welt der Erwachsenen. Keine Geschichte für Kinder möchte man meinen – doch gebannt sehen 1.000 Schüler zwischen sechs und zehn im Festspielhaus St. Pölten auf die Bühne, wenn Fritz den geheimnisvollen Drosselmeyer mithilfe seiner Freunde fesselt und den kleinen Nussknacker seiner Schwester Marie zerbricht.

Ein Artikel von Constanze Wimmer

Schließlich kennen die meisten von ihnen inzwischen beide Geschichten zum „Nussknacker“: das Märchen der kleinen Holzfigur in seinem Kampf gegen den Mäusekönig genauso wie die Interpretation des Choreografen Nicolas Musin, der Kindern und Erwachsenen von einem Fest des Träumens und der Phantasie erzählt, das gegen die Einsamkeit und Traurigkeit der Welt helfen soll.

Bettina Büttner, seit Sommer 2003 die neue Musikvermittlerin des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, hat für die erste Produktion des Orchesters des Vermittlungsprogramm „Tonspiele“ ein umfassendes Vorbereitungspaket für Schulen zusammengestellt: sie berichtet darin ebenso von unterschiedlichen Zugängen zu einer Geschichte wie vom Leben Tschaikowskis oder den Orchesterinstrumenten und dem Ballett als Kunstform. Sogar Bastelanleitungen für Weihnachtsschmuck finden sich im kindgerecht aufbereiteten Material neben praktischen Arbeitsblättern und Infotexten für Lehrer/-innen. „Ich war mir nicht sicher, ob die Lehrer/-innen sich bevormundet fühlen würden“, meint Bettina Büttner. Ganz im Gegenteil, das Feedback aus der Grundschule war überwältigend. Nicht zuletzt durch die engagierte Vorbereitungs-arbeit der Orchestermusiker im Klassenzimmer. In zweistündigen Workshops führten die Musiker die Kinder über Rhythmusspiele und Singübungen zur Aneignung von Orchestermusik. Im Falle des Nussknackers brachten sie eine vereinfachte Melodie des Marsches aus dem ersten Akt mit: ta tatata ta ta ta ta ta, strichen die Triole und ließen die Kinder dazu einen Text erfinden: „Kekse backen tu ich gern“. Mit Begeisterung teilten sich daraufhin die Gruppen in Stabspiel-Instrumentalisten, Sängern und Pantomimen, die zur Musik typisch weihnachtliche Gesten wie Geschenke einpacken oder Keksteig ausrollen ausführten… beinahe ein Gesamtkunstwerk, abgerundet durch Malen zur Musik des Blumenwalzers.

„Wie kann ich auf einfachste Weise eine Melodie produzieren? Man unternimmt alles, damit das Kind schnell ein Erfolgserlebnis hat“ erzählt Thomas Hajek, zweiter Geiger bei den Tonkünstlern nach seinem ersten Workshop in der Klasse. „Eine Lehrerin hat zu mir gesagt: Ihr wirkt so unbekümmert natürlich durch eure Fehler.“ Dies versteht er als Aufforderung an seine noch zurückhaltenden Kollegen, den Weg in die Schule als Bereicherung für sich selbst zu erfahren. Im Moment nehmen 15 von insgesamt 99 Tonkünstlern am Vermittlungsprogramm „Tonspiele“ teil. Die meisten von ihnen bringen keine pädagogische Vorbildung von der Hochschule mit. Sie durchlaufen einen so genannten „Inset-Workshop“, der ihnen in groben Zügen das Rüstzeug für die jeweilige Produktion an die Hand gibt, das sie in der Schule anwenden können.

Als Coach für den „Nussknacker“ fungierte Albert Landertinger, der bereits das Vermittlungsprogramm beim Brucknerorchester Linz ins Leben gerufen hat. Die nächste Produktion, die im Frühjahr für Schüler zwischen 10 und 14 Jahren stattfindet, wird Hanne Muthspiel-Payer, Flötistin und Musikpädagogin, betreuen, die gerade den Pilotstudiengang Musikvermittlung/Konzertpädagogik an der Musikhochschule Detmold abschließt.
Für das darauf folgende Projekt wünscht sich Bettina Büttner, es bereits ausschließlich mit Musikern aus dem Orchester konzipieren und durchführen zu können. Aber auch internationaler Erfahrungsinput ist nach wie vor gefragt. Im nächsten Herbst gibt es einen Workshop für alle Musiker mit – erraten: Paul Rissmann.

Neben dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und dem Brucknerorchester Linz ging unlängst übrigens auch das erste Wiener Orchester mit seinem neuen Vermittlungsprogramm an die Öffentlichkeit: „Das Orchester zum Anfassen“ nennt sich die Initiative der Wiener Symphoniker: Dietmar Flosdorf gestaltet dabei gemeinsam mit Orchestermusikern jeweils fünf aufeinanderfolgende und aufeinander aufbauende Workshops in einer Schulklasse. Welches der Kinder, das heute an den unterschiedlichen Vermittlungsprogrammen teilnimmt, in zwanzig Jahren nun tatsächlich an der Konzerthaus-Kasse steht, um eine Karte zu erstehen, bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist Leben in die Jugendarbeit der österreichischen Orchester gekommen.

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