Bemühungen um eine deutsch-tschechische Kulturgemeinschaft

Neuer Band der Schriftenreihe des Sudetendeutschen Musikinstituts zum Deutschen Rundfunk in der Tschechoslowakei


(nmz) -
Nach dem Ende der Habsburger Monarchie kam es 1918 zur Gründung der Tschechoslowakischen Republik, in der damals neben knapp 9 Millionen Tschechen und Slowaken über drei Millionen Deutsche lebten. Deren Sprache und Kultur wurde allerdings benachteiligt und verdrängt. Schon im Jahr 1923, noch vor den Nachbarländern Deutschland und Österreich,­ führte die junge Republik einen in tschechischer Sprache sendenden Rundfunk ein.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Auf Initiative des Prager deutschen Volksbildungsvereins „Urania“ kam es ab 1925 zu Rundfunksendungen auch in deutscher Sprache. Der Umfang von zunächst nur drei kurzen Wortsendungen pro Woche wurde schrittweise erweitert. Die „Deutsche Sendung“ aus Prag wurde ab 1927 durch Sendungen aus Brünn und ab 1929 aus Mährisch-Ostrau ergänzt. Allerdings erst auf Druck aus Deutschland startete schließlich im April 1938 ein eigener deutschsprachiger Sender, der Sender Melnik. Dieser konnte jedoch das Ende der Republik nicht mehr aufhalten. Schon lange erfreuten sich unter den deutschsprachigen Hörern die Sender des Deutschen Reichs größerer Beliebtheit.

Da die deutschsprachigen Sendungen auf den Volksbildungsverein „Urania“ zurückgingen, standen wissenschaftliche Vorträge über medizinische, literarische, technische und musikalische Themen im Vordergrund. Gestützt auf das Zentralarchiv des Tschechischen Rundfunks hatte Eckhard Jirgens schon 2005 eine umfangreiche Bestandsaufnahme der deutschsprachigen Sendungen in der 1. Tschechoslowakischen Republik veröffentlicht. Sein jetzt vorgelegtes Werk konzentriert sich auf die Musiksendungen. Von den 150 Typoskripten zu musikbezogenen Vorträgen, die sich Dank der damaligen Rundfunk-Zensur erhalten haben, wurden 130 ausgewählt und um 60 Texte aus den Zeitschriften „Radiojournal“ und „Europastunde“ ergänzt.

Autoren der Musiksendungen waren oft führende Mitglieder der Prager „Urania“ wie Edwin Janetschek, der über die Frage sprach „Wie höre ich musikalisch richtig im Rundfunk?“ (nur konzentriert und nach sorgfältiger Vorbereitung) und in mehreren Folgen die Entwicklung der mehrstimmigen Vokalmusik behandelte. Zu den vielbeschäftigten Autoren zählten auch Leo Schleißner, der sich den Instrumenten des Orchesters und der Geschichte der Klaviermusik widmete, oder der Musikwissenschaftler Paul Nettl. Interessanter als solche Überblicksvorlesungen oder detaillierte Einführungen in das Musikprogramm der folgenden Woche wirken heute die grundsätzlichen Beiträge von Leo Kestenberg über Musikerziehung oder von Viktor Ullmann über das Verhältnis von Tonalität und Atonalität (letztere bewertet er ähnlich kritisch wie sein Kollege Oskar Baum). In einem dringlichen Appell forderte 1931 Robert Volkner, der Direktor des Prager Deutschen Theaters, sein Publikum auf, dieses Haus, das im Vorjahr immerhin 55 verschiedene Opern präsentiert hatte, stärker zu unterstützen.

Unter der Überschrift „Musikalische Zeitgeschichte“ ging Edwin Janetschek in insgesamt 15 kulturgeschichtlich interessanten Folgen auf die Gegenwart ein, er beklagte 1932 das sinkende Interesse an klassischer Musik, die Sparmaßnahmen im Musikleben und die verheerende Arbeitslosigkeit unter Musikern. Dass es in Deutschland nach 1933 verstärkte Bemühungen um Hausmusik gab, würdigte er positiv, ohne sonst Hitler-Deutschland zu erwähnen. Spürbar war die „Deutsche Sendung“ um den deutsch-tschechischen Dialog, um eine „deutsch-tschechische Kulturgemeinschaft“ bemüht, weshalb Eingriffe der tschechischen Zensur kaum je nötig waren. In den Typoskripten wurden meist nur Ortsnamen geändert: aus Preßburg wurde Bratislava, aus Brünn wurde Brno.

Unter den gedruckten Texten ragen die Beiträge von Fritz Seemann heraus, etwa seine lebendige Charakterisierung der deutschböhmischen Komponisten Viktor Ullmann und Hans Krása. Seemann hatte als Komponist und Kapellmeister begonnen, bevor er sich dem Journalismus zuwandte. Stärker als seine „Urania“-Kollegen war er an den spezifischen Möglichkeiten des Rundfunks und den Bedürfnissen der Hörer interessiert. Anders als etwa Janetschek lehnte er die Ausstrahlung von Unterhaltungsmusik nicht pauschal ab, konnte sich damit jedoch nicht durchsetzen. Die deutschsprachigen Programme behielten ihren großen Wortanteil, sie beharrten auf dem Bildungsanspruch und galten deshalb als elitär. Die kaum je durch Musikbeispiele illustrierten musikgeschichtlichen Vorträge stießen auf ein sinkendes Hörerinteresse und wurden 1937 weitgehend eingestellt. Der letzte Wortmusik-Beitrag der Prager „Deutschen Sendung“ war am 26. August 1938 dem „Ausdruck von Zeit in der Musik“ gewidmet. Ihr Autor Oskar Baum starb 1941 in Prag eines natürlichen Todes. Während Leo Kestenberg, Paul Nettl, Paul Amadeus Pisk und Paul Stefan im Exil überlebten, wurden Hans Krása, Leo Schleißner, Fritz Seemann, Erich Steinhard und Viktor Ullmann, die ebenfalls als Autoren an der „Deutschen Sendung“ mitgewirkt hatten, als Juden in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet.

  • Eckhard Jirgens: Der Deutsche Rundfunk der 1. Tschechoslowakischen Republik. Musiksendungen 1925–1938: Vorträge – Artikel – Autoren (neue wege – nové cesty: Schriftenreihe des Sudetendeutschen Musikinstituts, Bd. 13), ConBrio, Regensburg 2017, 564 S., 2 Bde., € 39,90, ISBN: 978-3-940768-69-8

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