Biografisches, Anekdotisches, Historisches

Hans-Jürgen Schaals Werk zu Jazz-Standards schließt eine Lücke · Ein Interview


(nmz) -

Es kommt nicht so oft vor, dass man ein Buch aufschlägt, von dem man sich fragt, warum es nicht schon längst auf dem Markt ist. Hans-Jürgen Schaal ist dies mit seinem bei Bärenreiter erschienenen Kompendium „Jazz-Standards. Das Lexikon“ zweifellos gelungen. In Zusammenarbeit mit einem 13-köpfigen Team hat er als Herausgeber und Hauptautor zu 340 zentralen Stücken des Jazz (der Verlag untertreibt hier mit seiner Angabe) Texte von jeweils ein bis drei Seiten zusammengestellt, die sich in wechselnder Gewichtung der Entstehung eines Songs, seinen Komponisten und Textern und den Interpretationen durch die Großen des Jazz widmen. Mit Hans-Jürgen Schaal hat sich für die neue musikzeitung Juan Martin Koch unterhalten.

Ein Artikel von Juan Martin Koch

Es kommt nicht so oft vor, dass man ein Buch aufschlägt, von dem man sich fragt, warum es nicht schon längst auf dem Markt ist. Hans-Jürgen Schaal ist dies mit seinem bei Bärenreiter erschienenen Kompendium „Jazz-Standards. Das Lexikon“ zweifellos gelungen. In Zusammenarbeit mit einem 13-köpfigen Team hat er als Herausgeber und Hauptautor zu 340 zentralen Stücken des Jazz (der Verlag untertreibt hier mit seiner Angabe) Texte von jeweils ein bis drei Seiten zusammengestellt, die sich in wechselnder Gewichtung der Entstehung eines Songs, seinen Komponisten und Textern und den Interpretationen durch die Großen des Jazz widmen. Mit Hans-Jürgen Schaal hat sich für die neue musikzeitung Juan Martin Koch unterhalten.
nmz: War es schon immer Ihr Traum, Autor eines „Standard“-Werkes zu werden?

Hans-Jürgen Schaal: Nein, ich bin da eher zufällig reingerutscht. Die Idee ging ursprünglich von Ulfert Goeman aus, den ich Anfang der 90er-Jahre kennen gelernt habe, als wir beide in einer ähnlichen Situation waren: Wir gaben Jazz-CDs heraus und waren mit Fragen nach den Komponisten, den korrekten Titeln oder den Originalverlagen der Stücke befasst. Warum gibt es eigentlich kein entsprechendes Kompendium?, fragte sich Goeman. Das könnte nicht nur uns, sondern auch anderen nützen.
Ich hielt das für eine gute Idee und konnte den Bärenreiter-Verlag dafür gewinnen. Die Verantwortlichen dort haben aber klar gemacht, dass ihnen kein trockenes Nachschlagewerk für Experten vorschwebte, sondern ein Buch mit journalistischem Einschlag, das auch Geschichten für ein breiteres Publikum erzählt.

: Entsprechend frei sind die Autoren ja dann auch mit der Vorgabe umgegangen, einen „Lexikon-Eintrag“ zu verfassen: Biografisches, Anekdotisches, Enzyklopädisches, Historisches, sogar Wissenschaftliches bei der Beschreibung von Akkordfolgen oder Melodien ist zu finden.

: Ja, denn ich habe den Autoren weitgehende Freiheit gelassen, wo sie die Schwerpunkte setzen wollten. Sie sollten das herauspflücken können, was interessant und erzählenswert ist. Es hängt ja auch ganz stark mit der Quellenlage zusammen.
Wenn über einen Komponisten kaum etwas bekannt ist, kann man auch wenig zu diesem Aspekt schreiben.

: Mit dieser Freiheit hängt aber vielleicht auch ein Manko des Buches zusammen, dass nämlich je nach Autor auch die Angaben zu den kommentierten Aufnahmen unterschiedlich präzise sind. Hätte sich hier der Lexikon-Anspruch nicht stärker durchsetzen lassen?

: Das war eine grundsätzliche Entscheidung. Der CD-Markt wandelt sich so rasch, dass etwa eine Diskografie aus dem Jahr 1994, was die Bestellnummern und Zusammenstellungen betrifft, im Jahr 2001 kaum mehr auf dem aktuellen Stand ist. Es wechseln die Labels, eine Platte aus den 50er-Jahren ist heute auf einer CD unter ganz anderem Titel erhältlich. Da wollten wir offen bleiben und haben durch das Aufnahmejahr, das ja meistens angegeben ist, die Interpretationen schon identifizierbar gemacht.

: Gibt es greifbare Gemeinsamkeiten über die Jahrzehnte und die Stilrichtungen hinweg, die einen zum „Standard“ gewordenen Song oder ein Thema ausmachen?

: Das glaube ich nicht. Ich würde Standards ganz einfach definieren als die Stücke, die am bekanntesten sind und am meisten gespielt werden im Jazz. Und die kommen ja aus ganz unterschiedlichen Quellen, zum Teil noch aus der schwarzen Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts, aus dem Ragtime, aus dem klassischen Blues, aus den Broadway-Shows, den Hollywood-Filmen und natürlich aus den Kompositionsküchen der Musiker selbst.

: Daran schließt sich natürlich die unvermeidliche Frage nach den Auswahlkriterien an…

: Die Zahl der Stücke ist gezwungenermaßen willkürlich, es könnten auch 500 sein oder 2.000. Wir haben zunächst eine Vorauswahl gemacht, zum Teil nach statistischen Kriterien: Es sollte soundso viele ernsthafte Jazz-Aufnahmen über einige Jahrzehnte hinweg geben und eine Variationsbreite mit einer gewissen Interpretationstradition sichtbar sein. Nach Eingang der Texte habe ich dann Lücken, die sich in meinen Augen noch auftaten, ergänzt. Wie in den ersten Rezensionen zu lesen ist, werden natürlich einzelne Stücke vermisst: „Old Man River“, weitere Titel von Sonny Rollins, oder wenigstens einer von Bud Powell… Ganz klar, auch ich vermisse sie.

: In Ihrem Vorwort betonen Sie die große Bedeutung der Sängerinnen und Sänger für die Interpretationsgeschichte vieler Standards. Was macht eine im Sinne des Jazz gültige Aufnahme vom Vokalen her aus?

: Dazu gehört natürlich vieles. Zum Beispiel muss ein Sänger fast wie ein Jazzinstrumentalist mit einer Melodie umgehen können, er muss verschiedene Intonationsvarianten beherrschen, verschiedene Schattierungen des Ausdrucks, und natürlich muss der Rahmen „jazzig“ aufgefasst sein.
Objektive Maßstäbe aber kann es nicht geben, jeder Autor hat gewisse Vorlieben und Vorstellungen. Und das macht ja auch die Vielfalt dieses Buches aus, dass nicht kategorisch gesagt wird: das ist guter, das schlechter Jazz.

: Haben Sie Pläne für ein weiteres Buch?

: Natürlich habe ich Lust mehr Bücher zu machen und habe auch schon Ideen dafür. Aber nicht gleich, und dann vielleicht auch lieber im Alleingang… Ich habe bei der Arbeit viele Standards zu lieben gelernt. Es gibt einige, die mich sicher weiter beschäftigen werden, und einen, über den ich gerne einen Roman schreiben würde, aber mehr verrate ich jetzt wirklich nicht.

Hans-Jürgen Schaal: Jazz-Standards. Das Lexikon, Bärenreiter Verlag, 590 Seiten, 68 Mark

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