Breite, spezifische Singförderung für Jungen ist gefragt

Leserbrief zum Artikel „Bildungschancen, das springende Sternchen“, nmz 7-8/2021, Seite 1


(nmz) -
[…] Wie steht es um die gleichen Bildungschancen im Kinderchor und Knabenchor, also in der Altersgruppe bis 12 Jahre? Um dieser Frage nachzugehen, habe ich mich bemüht, festzustellen, in wie vielen Kinderchören unsere Kinder Angebote zum Singen erhalten. Dabei stellte sich heraus, dass die im Internet verfügbaren statistischen Zahlen […] von Verbänden und Kirchen vielfach Kinderchöre und Jugendchöre zusammenzählen oder sogar Instrumentalkreise in die Zahlen mit einbeziehen. Spezifische Zahlen von Schulen und Musikschulen konnte ich bisher dazu nicht finden. […]
Ein Artikel von Leserbrief

Gehen wir als Arbeitshypothese vorsichtig von zirka 10.000 Kinderchören und von zirka 50 Knabenchören in Deutschland aus. Damit ist das quantitative Verhältnis von Kinderchören und traditionellen Knabenchören hinreichend beschrieben. Knabenchöre sind mit 0,5 Prozent nur ein marginaler Faktor in der Statistik der Kinderchöre.

Das koedukative Modell hat sich bei den Kinderchören nicht als Erfolgsmodell erwiesen. Das zeigt sich schon daran, dass Kinderchöre zu 90 Prozent aus Mädchen bestehen. In den meisten Kinderchören werden faktisch fast ausschließlich Mädchen stimmlich gefördert. Es sind also nicht die Mädchen, sondern die Knaben, die in der Breite der stimmlich-musikalischen Förderung keine gleichen Bildungschancen haben. Diese Tatsache ist nichts Neues, sie ist allen Trägern von Kinderchören und allen Kinderchorleiter(n)*innen (!) hinlänglich bekannt. Was wir für die Zukunftssicherung unserer Chorkultur brauchen, ist keine Gendergerechtigkeitsdebatte über Spitzenförderung, sondern eine breit angelegte spezifische Singförderung der Jungen, als Basisförderung mit eigenen Kinderchören für Jungen. Kein Wunder, dass Buben in der Breite der Gesellschaft nicht mehr singen und der traditionelle Knabenchor quasi die letzte Bastion des Singens für Buben darstellt. Kein Wunder, dass das Problem sich längst fortgepflanzt hat, dass Männerchöre verschwinden und etwa Kirchenchöre zur Gleichstimmigkeit zurückkehren oder Kooperationen bilden müssen, um singfähig zu bleiben, und auch viele andere klassische gemischte Chöre eklatanten Mangel an qualifizierten Männerstimmen beklagen. […]

In der stimmlichen Entwicklung bis zum Beginn der Pubertät […] sind Mädchen in ihrer physischen Entwicklung den Jungen etwa zwei Jahre voraus. Im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren erreichen die Knaben ihre höchste stimmliche Leistungsfähigkeit, während im selben Entwicklungszeitraum Mädchen nicht selten […] eine leistungsschwächere Phase durchlaufen. Dafür ist aber die Mädchenstimme mit 14 Jahren schon weitgehend zur jungen Frauenstimme gereift […]. Auch bei „Jugend musiziert“ kann man sich immer wieder von der hohen Leistungsfähigkeit sehr junger Frauenstimmen überzeugen. Die leistungsstarken Mädchenchöre sind deshalb in der Regel keine echten Kinderchöre, sondern eher Jugendchöre, und setzen als Leistungsträger auf die Altersgruppe oberhalb von 12 Jahren, ein Alter in dem die Knabenstimmen unmittelbar vor dem Stimmwechsel stehen oder schon im Stimmwechsel sind. […]

Nun bleibt noch der von Herrn Göstl aufgegriffene Einwand, dass die Knaben in den elitären Knabenchören in weit höherem Maße eine individuelle stimmliche und spezialisierte musikalische Ausbildung erhalten, als die Mädchen gleichen Alters. Der Vorwurf lässt sich nicht ausräumen, aber relativieren und mit der Realität des Konzertbetriebs konfrontieren. Wenn man in Betracht zieht, dass Jungen im traditionellen Knabenchor von etwa sechs Jahren an bis zum Stimmwechsel im günstigsten Fall drei bis vier Jahre zur Ausbildung haben, und dann für anspruchsvolle konzertante Aufgaben im Chor und solistische Aufgaben nur zirka zwei bis drei Jahre bleiben, dann wird auch klar, warum die Ausbildung so effizient wie möglich sein muss, um das Niveau zu erreichen, das Veranstalter im Kulturbetrieb erwarten. […] Mädchen können nicht selten fast bruchlos von der Mädchenstimme in die Frauenstimme wechseln und bleiben meist in ihrer Stimmlage. Sie haben deshalb für ihre stimmliche Entwicklung viel mehr Zeit und Kontinuität als die Buben, die den Stimmwechsel als einen gravierenden Einschnitt in ihrer musikalischen Entwicklung zu verarbeiten haben und als Männerstimme später das Repertoire in einer anderen Stimmlage neu erarbeiten müssen. Auch historische Gründe spielen im Konzertbetrieb eine nicht zu unterschätzende Rolle. […] In einer Zeit, in der die historisch-informierte Aufführungspraxis im Konzertleben eine große Rolle spielt, werden von den Veranstaltern, Dirigenten und Regisseuren für die infrage stehenden Chorwerke und solistischen Partien […] Knabenchöre und Knabensolisten auf hohem stimmlichen und musikalischen Leistungsniveau verlangt und engagiert. Ich halte es für eine Illusion, zu glauben, dass Mädchenchöre und Mädchensolistinnen auf dem Musikmarkt deren tradierte Aufgaben übernehmen könnten. […]

Ernst Leopold Schmid, Trostberg


Bildungschancen, das springende Sternchen
Die Diskussion über Knabenchorsänger*innen ist keine juristische · Von Robert Göstl

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