Carnegie-Kids und virtuelle Konzertbesucher

Berliner Gespräche über die Zukunft des Sinfoniekonzerts im 21. Jahrhundert


(nmz) -

Das Berliner Konzertleben floriert trotz der Finanzkrise der Stadt. Während Daniel Barenboim (Staatskapelle) wie Christian Thielemann (Orchester der Deutschen Oper) um den so genannten „deutschen Klang“ ringt, setzen Kent Nagano (Deutsches Symphonie-Orchester) sowie Eliahu Inbal und Michael Gielen (Berliner Sinfonie-Orchester) auf Experimente. Sogar Krisen können zu ungeahnten Steigerungen führen, wie in den letzten Monaten Claudio Abbado beim Berliner Philharmonischen Orchester bewies. Der sonst so wortkarge Maestro erklärte jüngst auf einer Pressekonferenz, dass nach seiner Operation das Musizieren mit diesem Orchester für ihn die beste Medizin war. Nie zuvor habe er so viel Harmonie mit seinen Musikern gespürt. Auch Orchestervorstand Peter Riegelbauer sprach von der „wunderbaren Verbundenheit in einer großartigen“ Saison, mit Höhepunkten wie „Tristan“ in Tokio und triumphalen Beethoven-Zyklen in Rom und Wien. Leuchtende Augen auf allen Gesichtern, auch auf dem Franz Xaver Ohnesorgs, des künftigen Philharmonikerintendanten, der schon vor seinem offiziellen Amtsantritt aus New York angereist war.

Ein Artikel von Albrecht Dümling

Das Berliner Konzertleben floriert trotz der Finanzkrise der Stadt. Während Daniel Barenboim (Staatskapelle) wie Christian Thielemann (Orchester der Deutschen Oper) um den so genannten „deutschen Klang“ ringt, setzen Kent Nagano (Deutsches Symphonie-Orchester) sowie Eliahu Inbal und Michael Gielen (Berliner Sinfonie-Orchester) auf Experimente. Sogar Krisen können zu ungeahnten Steigerungen führen, wie in den letzten Monaten Claudio Abbado beim Berliner Philharmonischen Orchester bewies. Der sonst so wortkarge Maestro erklärte jüngst auf einer Pressekonferenz, dass nach seiner Operation das Musizieren mit diesem Orchester für ihn die beste Medizin war. Nie zuvor habe er so viel Harmonie mit seinen Musikern gespürt. Auch Orchestervorstand Peter Riegelbauer sprach von der „wunderbaren Verbundenheit in einer großartigen“ Saison, mit Höhepunkten wie „Tristan“ in Tokio und triumphalen Beethoven-Zyklen in Rom und Wien. Leuchtende Augen auf allen Gesichtern, auch auf dem Franz Xaver Ohnesorgs, des künftigen Philharmonikerintendanten, der schon vor seinem offiziellen Amtsantritt aus New York angereist war.Nach Mahlers siebenter Symphonie mit Simon Rattle hatte sich das Orchester vor zwei Jahren für den Briten als künftigen Chefdirigenten entschieden. Als nun Abbado dieses Werk erstmals mit „seinen“ Musikern aufführte, gelang ihm noch mehr: über originelle Details hinaus machte er die widersprüchliche Konzeption hörbar. Hohe Erwartungen richten sich deshalb auf die gemeinsamen Programme in der Saison 2001/2002, der letzten Abbados als Chefdirigent. Der Übergang zu Rattle vollzieht sich konfliktlos – wenngleich der Brite seinen Vertrag noch nicht unterzeichnet hat. Hinzu kommen umfangreiche Konzertreisen. Ohnesorg, gebürtiger Bayer wie die beiden Orchestervorstände, freute sich besonders, dass die Berliner im Oktober unter Abbado die nächste Saison der Carnegie Hall eröffnen werden; als amtierender Intendant wird er dann jenes Haus besuchen, dem er als Künstlerischer Direktor gegenwärtig noch vorsteht.

Europa und USA

Enge Verbindungen zwischen dem Konzertleben Europas und der USA zeigten sich auch wenige Tage danach bei einer Veranstaltung der American Academy. Diese in einer Wannsee-Villa beheimatete Einrichtung, die sich dank der großzügigen Unterstützung durch Alberto Vilar künftig noch intensiver als bisher Musikthemen widmen wird, hatte zu einer Diskussion unter dem Titel „The Future of the Symphony Orchestra in the 21th Century“ geladen. Esa-Pekka Salonen, der aus Finnland stammende Chefdiri-gent des Los Angeles Philharmonic Orchestras, debattierte unter der Leitung von dessen früherem Intendanten Ernest Fleischmann, einem gebürtigen Frankfurter, mit Ohnesorg. Aber obwohl Fleischmann wiederholt die Orchestersituation ansprach, richtete sich das Interesse doch vor allem auf die Zukunft des Konzertlebens.

Salonen warnte vor sinkenden Abonnentenzahlen, zumal gerade jüngere Hörer in ihrer Neigung zu mehr Spontaneität eine Festlegung auf beispielsweise zwölf Konzerte pro Saison meist ablehnten. Von einem solchen Publikum sei kaum noch Regelmäßigkeit zu erwarten. In der jüngeren Generation gilt das Konzertleben häufig als spießig und verschroben; es müsse deshalb ein Bewusstsein erzeugt werden, dass Strawinskys „Sacre“ ähnlich „cool“ ist wie ein Konzert der Rockgruppe „Metallica“. Mit „good noisy music“ habe das Los Angeles Philharmonic Orchestra bereits gute Erfahrungen gesammelt. Als Beispiel für eine gelungene Präsentation neuer Musik nannte der Finne auch ein mehrwöchiges multimediales Strawinsky-Festival, bei dem jeder Abend durch Video-Clips mit der Stimme des Meisters eröffnet wurde.

Ohnesorg machte seinem Namen alle Ehre, indem er ohne jeden Pessimismus dem Konzertbetrieb große Chancen gab. Das Live-Erlebnis, das Geheimnis der Aura im Konzertsaal sei der Musikkonserve allemal überlegen. Auch Probleme beim Kartenverkauf ließen sich lösen. Anders als etwa in München oder Berlin besteht etwa das Publikum der Kölner Philharmonie nur zu einem Drittel aus Abonnenten. Wer regelmäßig, wie etwa das Gewandhaus-Orchester Leipzig, die Hörerbedürfnisse analysiert, könne die Angebotsstruktur darauf abstimmen und beispielsweise kleine, nur aus drei Veranstaltungen bestehende Zyklen konzipieren. Kluges Marketing müsse ergänzt werden durch die Heranbildung eines neuen Publikums, was für die USA eine weitaus größere Herausforderung darstellt als das gegenwärtig noch durch Musikunterricht „verwöhnte“ Deutsch-land. Immer wieder müsse man inhaltliche Bezüge ansprechen. Ein guter Musikmanager müsse die Neugier seines Publikums anstacheln, ohne dabei zu Versprechungen à la „Das größte Erlebnis Ihres Lebens!“ zu greifen.
Eine Mitschuld am Desinteresse der Jugend gab Salonen seinen Komponistenkollegen, die sich entweder nicht genügend dem Sinfonieorchester widmeten oder bewusst dessen Klangcharakter negierten. Nach dem Aufblühen des Serialismus von Darmstadt habe es über Jahrzehnte keine idiomatischen Orchesterwerke gegeben. Heute beobachte er allerdings schon Gegentendenzen, eine stärkere Hinwendung der Komponisten zum Konzertleben. Uraufführungen neuer Musik müssten, so ergänzte Fleischmann, den Ereignischarakter einer Film-, Buch- oder Theaterpremiere erhalten und beispielsweise durch Interviews vorbereitet werden. Allerdings gab Ohnesorg zu bedenken, dass sich Literaturverleger bei Premieren viel stärker engagierten als Musikverleger vor Uraufführungen. Wohl deshalb habe kürzlich Hans Werner Henze den Verlag gewechselt.

Salonen erwähnte die Konjunktur von Spezialensembles für alte und neue Musik, die das Repertoire des traditionellen Sinfonieorchesters mehr und mehr auf Klassik und Romantik einengten. Um sich gegenüber Ensembles wie The English Concert oder Ensemble Modern behaupten zu können, müssten Sinfonieorchester in Besetzung und Proben flexibler organisiert werden. Ohnesorg hörte hier mit gespitzten Ohren zu. Er sprach von den Musikern des Berliner Philharmonischen Orchesters, die „alles können“, aber auch eine flexible Organisationsstruktur brauchen. Im Jahre 2002 werde er zusammen mit Simon Rattle dazu mehr erzählen können. Von einer Krise der Musik könne jedenfalls nicht die Rede sein, allenfalls von einer Krise der Institutionen.

Freilich müsse das Publikum immer wieder neu gewonnen werden, beispielsweise durch Freiluftkonzerte wie in Tanglewood, wie in der Hollywood Bowl oder der Berliner Waldbühne. An diesem Punkt meldete sich der Bach-Forscher Christoph Wolff zu Wort, ebenfalls zurzeit Gast der American Academy: Man müsse die noch immer existierende Trennung zwischen Musikern und Hörern aufbrechen – das Konzert als Gemeinschaftserlebnis! Bei Kinder- und Jugendkonzerten in den Wohnbezirken, so genannten Community Concerts, ist dies offenbar am leichtesten zu erreichen. Wie Ohnesorg berichtete, arbeitete die Carnegie Hall dazu mit den Lehrern der Stadt zusammen. Bei solcher Gelegenheit verteilt man Baseball-Mützen mit der Aufschrift „Carnegie Kid“ und der Homepage-Adresse der Carnegie Hall (www.carnegiehall.org). Kinder, die hier – begrüßt von Isaac Stern – eine virtuelle Tour durch den Konzertsaal und seine reiche Geschichte begännen, würden dann oft auch den Zugang zur wirklichen Carnegie Hall finden.

Zugang über das Internet

Die Homepages amerikanischer Konzertsäle und Sinfonieorchester stellen tatsächlich wirkungsvolle Eingangsportale zum klassischen Musikleben dar. Die Seite der San Francisco Symphony (www.sfsymphony.org) eröffnet mit einer aufwendigen multimedialen Animation, bietet aber auch viel Service. So lassen sich alle Programmhefttexte bereits vor den Konzerten abrufen, oft ergänzt um Hörbeispiele (Ähnliches bieten in Deutschland die Münchner Philharmoniker unter www.muenchnerphilharmoniker.de). Online erhält man auch Künstlerbiografien sowie Eintrittskarten. Ein „first-timer’s guide“ gibt witzige Verhaltensregeln für solche Menschen, die nie zuvor ein Konzert besucht haben. In der Veranstaltungsreihe „Music That Moves Us“ (Musik, die uns bewegt), die allmonatlich bewusst emotionale und persönliche Einführungen zu einem Musikstück gibt, werden in San Francisco Hörerlebnisse mit frühen Liebeserlebnissen verglichen.

Die Webseite des Orchesters von Los Angeles (www.laphil.org) enthält ein Forum, wo die Musikhörer Lob, Anregungen und Kritik artikulieren. Ein Bild zeigt als künftigen Auftrittsort des Orchesters die futuristische Walt Disney Concert Hall. Wer genau hinschaut, entdeckt hinter den silberfarbenen Kuben, die Architekt Frank Gehry hier ineinander schob, das goldfarbene Vorbild von Hans Scharouns Berliner Philharmonie. Amerikas Zukunft beruht auf der deutschen Gegenwart – und sogar auf dessen Vergangenheit. Denn niemand hatte die jetzt allenthalben gewünschte Personalisierung und Auratisierung von Musik besser verstanden als Herbert von Karajan. Wenn Franz Xaver Ohnesorg demnächst zum Berliner Philharmonischen Orchester überwechselt, dürfte er aus der Bündelung europäischer und amerikanischer Erfahrungen der Philharmonie auch inhaltlich zu jener wegweisenden Modernität ihrer Architektur verhelfen, die in den Konzertangeboten nicht immer zu erkennen war. Bis heute bietet das traditionsreiche Konzerthaus (www.konzerthaus.de) die innovativeren Programme. Die bislang noch biedere Homepage des Orchesters (www.berlin-philharmonic.com) sollte zur Gewinnung eines neuen Publikums um eine virtuelle Tour durch das Haus ergänzt werden, so detailreich wie beim Opernhaus von Sydney (www.soh.nsw.gov.au). Im Idealfall dient die Aura des Konzertortes dann auch den Komponisten und ihren Werken.

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