Chancen und Problemfelder im Beziehungssystem Stimme

Eindrücke vom 15. Symposium zur Kinder- und Jugendstimme in Leipzig


(nmz) -
Eckhard Schiffer, Facharzt für Nervenheilkunde und Chefarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, brachte es auf den Punkt: „Singen ist eine Alternative zum Saufen. Hier werden Botenstoffe freigesetzt, für die man sonst Antidepressiva bräuchte“. Doch das ist nicht die einzige positive Wirkung, die dem Singen nachgesagt wird. Beim 15. Symposium zur Kinder- und Jugendstimme in der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig machte man sich auf die Spur dieser Wirkungen, beleuchtete das Beziehungsgefüge, in dem sich die Stimme von Geburt an bewegt, und widmete sich mit dem Themenkomplex „Sexueller Missbrauch“ auch deutlich brisanteren Aspekten, durch die manche Einrichtung in der Vergangenheit in Misskredit geraten war.
Ein Artikel von Guido Krawinkel

Das Leipziger Symposium hat sich seit geraumer Zeit zum interdisziplinären Branchentreff der Vokalszene entwickelt. Zu Gast sind nicht nur Chorleiter und Mediziner, auch Therapeuten jeglicher Fachrichtung, Stimmbildner oder Sänger zählen seit Jahren zum Stammpublikum. Eine bunte Mischung, aber eine, die immer wieder erkenntnisreiche thematische Schnittmengen rund um die Kinder- und Jugendstimme und fachkundige Multiplikatoren zusammenbringt. Das zeigte sich schon bei der Eröffnung, die vom Singkreis Deuerling und ihrem Leiter Robert Göstl gestaltet wurde und ein regelrechter „Coup de theâtre“ war. Zunächst war der Saal völlig dunkel, doch plötzlich setzte eine Kinderstimme aus dem „Off“ ein. Sinnfälliger konnte man wohl kaum vor Augen und Ohren führen, wie eine einzelne Stimme eine Umgebung verändern kann und wie auch die Umgebung die Wahrnehmung dieser Stimme verändert.

Singen, das heißt bei weitem nicht nur Töne produzieren, sei es alleine oder in der Gruppe. Singen bedeutet auch, Teil eines komplexen Beziehungsgefüges zu sein. Mit dem ersten Schrei fängt alles an. Ab diesem Zeitpunkt tritt der Mensch in Beziehung zu seiner Umwelt – und seine Umwelt zu ihm. In seinem Vortrag über das „Beziehungsgeflecht Chor“ verglich Raimund Wippermann, Leiter des Mädchenchors am Essener Dom, Professor für Chorleitung und Rektor der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf, eben dieses Beziehungsgefüge mit Zahnrädern, die ineinandergreifen: „Wenn ich ein Rad bewege oder sich eines der Räder aus eigenem Antrieb bewegt, bewegen sich alle anderen Räder mit.“

Die eigene Stimme und die Umwelt

Eine wichtige Rolle spielte in Leipzig die Beziehung zur eigenen Stimme und jene zu ihrer Umwelt. Der erste Schrei ist auch die erste (inter)aktive stimmliche Kontaktaufnahme mit der Welt außerhalb des Mutterleibes, wie Michel Fuchs vom Universitätsklinikum Leipzig in seinem Eröffnungsvortrag referierte. Auch im Laufe der Entwicklung eines Kindes sei die Stimme ein wesentlicher Baustein. Schon bei fünfjährigen Kindern sind bestimmte Regionen im Gehirn, die für die Sprachverarbeitung zuständig sind, so aktiv wie bei Erwachsenen. Aber nicht allein die Wahrnehmung von Stimmen hat seit dem frühesten Säuglingsalter Auswirkungen auf das Gehirn. Kinder, die in einem Chor singen, haben laut Fuchs eine deutlich bessere Klangwahrnehmung als nicht singende Kinder. Im Idealfall identifiziere sich ein Kind mit seiner eigenen Stimme. Gerade in der Pubertät finden dann aber mehr oder weniger große Veränderungen statt, ist die Beziehung zur eigenen Stimme mitunter problematisch.

Neben soziokulturellen und genetischen gibt es auch andere innere und äußere Einflüsse auf die menschliche Stimme, etwa auch durch Erkrankungen. Auf den Grund der vielfältigen Wechselbeziehung von Stimme und Umwelt geht man in Leipzig im Rahmen einer großangelegten Studie, die bei LIFE, dem Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen angesiedelt ist.

Ein spektakuläres Ergebnis der dortigen Forschungen: Die weibliche Stimme ist in den letzten Jahrzehnten deutlich tiefer geworden. Lag die weibliche Stimmlage vor 20 Jahren noch eine ganze Oktave über der von Männern, tut sie dies heute nur noch um eine Quinte. Thematisiert wurden ferner die Auswirkungen des sozioökonomischen Status auf die Stimme, die in Korrelation dazu lauter beziehungsweise leiser werden kann oder die Ursachen für Stimmähnlichkeiten, die genetisch der soziokulturell bedingt sein können.

Auch die sozialen und medizinischen Auswirkungen des Singens wurden in Leipzig thematisiert: Für Eckhard Schiffer ist das Singen ein Mittel, um das Gehirn zu trainieren. Statt etwa in Kindergärten ständig neue Frühförderungsprogramme einzuführen, plädiert er für bewährte Rezepte: „Viel singen.“ Das kann auch im Alter noch positive Auswirkungen haben, weshalb er Großeltern den Rat gibt: „Lieber mit den Enkeln spielen als Kreuzfahrten machen.“ Interessant war auch für Musiker die Diskussion medizinischer Fragestellungen, sei es als Falldiskussion konkreter Krankheitsbilder, die auch Praktikern wichtige Hinweise auf den Umgang mit und die Behandlungsmöglichkeiten von Stimmstörungen geben kann, oder als anekdotische Berichte aus der phoniatrischen Praxis.

Die heilende Wirkung von Musik und insbesondere der Stimme wird in zahlreichen Musiktherapien benutzt, etwa bei der Vokalen Psychotherapie, die die amerikanische Psychotherapeutin Diane Austin entwickelt hat. Bei dieser Form der Psychotherapie bedienen sich Patient und Therapeut der Stimme und des Singens als Schlüssel zu den Emotionen. Sie treten frei-assoziativ singend miteinander in Kontakt, wie die Berliner Musiktherapeutin und Sängerin Tina Hörhold in Leipzig mit Beispielen aus ihrer Praxis und Videoeinspielungen eindrucksvoll vorführte.

Pädagogische Konzepte

Einen weiteren wichtigen Themenschwerpunkt bildeten in Leipzig pädagogische Konzepte und Hilfen für die alltägliche Arbeit. So gab es einen Workshop zur Complete Vocal Technique und zu Weltmusik für Grundschulkinder, die die Referenten Pit Bude und Josephine Kronfli auf eigenen Reisen durch die Welt zusammengetragen und adaptiert hatten. Außerdem gab es einen Workshop zur Verbindung von sozialem und musikalischem Lernen durch Beziehungsarbeit, bei dem Dietmar John das Spannungsfeld von Regeln und Freiheit, Improvisation und Konvention sowie Identität und Abgrenzung praktisch wie theoretisch beleuchtete.

Die Einbeziehung Alter Musik in die Kinderchorarbeit, etwa durch die Hinzunahme eines Countertenors, führte Franz Vitzthum zusammen mit Kindern des Kinderchors Deuerling und ihrem Leiter Robert Göstl mit zum Teil verblüffenden Effekten vor. Welche methodischen Möglichkeiten man hat und vor allem welche neuen klanglichen wie pädagogischen Chancen eine solche Kombination nicht zuletzt aufgrund des speziellen Obertonspektrums der Counterstimme bietet, war hier ein Thema, aber auch wie man mit einfachsten Mitteln aus einer schlichten Melodie einen mehrstimmigen Satz machen kann.

Ein weites Feld bot auch der Themenkomplex „Sexueller Missbrauch“ der unter anderem anhand von konkreten Beispielen und der pädagogischen Praxis mit ihrem ständigen Spagat zwischen Nähe und Distanz thematisiert wurde. Die Nähe ist pädagogisch zwar kaum vermeidbar, allerdings sind die Ausgangsbedingungen, Empfindlichkeiten und Schamgrenzen hier sehr individuell. Die richtige Dosierung von Nähe und Distanz ist jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung. Diesbezüglich warfen die Sängerin  Ilse-Christine Otto und der Psychiater und Psychotherapeut Michael Kroll wichtige Fragen auf und sensibilisierten für dieses Thema.

Roland Büchner, musikalischer Leiter der Regensburger Domspatzen, berichtete von der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, die nicht nur sein Haus lange beschäftigt haben, und wie sie die alltägliche Arbeit aber auch den Umgang miteinander verändert haben. Präventionskonzepte, das wurde auch bei dem Vortrag des Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für dieses Thema, Johannes-Wilhelm Röhrig, deutlich, sind wichtig, aber nur ein erster Schritt. Ebenso wichtig sei es, falschen Verdächtigungen vorzubeugen.

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