Cluster 2012/05 - 2

Informationstod


(nmz) -
Das Internet verändert unser Leben. Das ist das Unvermeidliche. Informationen müssen in Jetztzeit erbracht werden. Der Wettbewerb um die Aktualität führt zur Verbreitung von richtigen wie falschen Informationen. Als vor dem Landgericht Hamburg die Klage der GEMA gegen YouTube verhandelt wurde, veröffentlichte die seriöse Deutsche Presseagentur über ihren Twitter-Kanal den Ausgang des Verfahrens mit zwei Meldungen, die sich widersprachen. Informationsnutzer der Deutschen Presseagentur reagierten ebenso. Spiegel Online verbreitete die falsche Meldung, andere Organe die richtige. Keine Zeit zur Prüfung. Man muss Erster sein, man muss als Erster die Information in Inhalt verwandeln. Es geht um Werbeeinnahmen, es geht um die Plötzlichkeit der Aktualität.
Ein Artikel von Martin Hufner

Das färbt auf die Berichterstattung insgesamt ab: Journalisten müssen schneller werden als die Ereignisse, auf die sie reagieren sollen. Man schreibt schneller als man denkt und viel schneller als man nachdenkt. Mit der Beschleunigung droht der Fehleranfall auf der einen Seite ebenso wie Nichtigkeit des Gesagten. Denn ein Hinterherdenken führt unzweifelhaft auf den Gedankenmüllberg des Vergangenen. 

Nachhaltiges Verhalten verlangt man für die Gestaltung der Zukunft. Nachhaltiges Verhalten stünde aber auch der Reaktion auf Aktuelles wie auf Historisches gut zu Gesicht. Viel Zukunft liegt in der Vergangenheit. Wer nur in der Gegenwart lebt, lebt gar nicht mehr, sondern wird von ihr gelebt. Das Internet hat in vielen Bereichen des Lebens dieses Phänomen zum Status quo gemacht. Keine Frage, wenn eine Katastrophe ins Haus steht, ist die Flucht in die Vergangenheit oder die Zukunft die schlechteste der Alternativen.

Aber so etwas ist eigentlich selten. Man sollte sich nur hüten, die Maßstäbe nicht zu verlieren. Sonst wird das Internet tatsächlich zu der permanenten Katastrophe, die keine andere Ursache hat als sich selbst. Empört euch, ja, zuvor aber informiert euch bitte nicht aus einem bloß maschinell erzeugten Nachrichtenstrom. Warum, bitte schön, heißt Quellenstudium wohl Quellenstudium? Im Strom schwimmen nur die geistig Faulen.

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