Das 20. Jahrhundert auch musikalisch durchmessen

Über Roberto Gerhard aus Anlass seines 50. Todestags


(nmz) -
Das Leben der um die vorletzte Jahrhundertwende Geborenen stand, vor allem in unseren Breiten, unter dem Unstern von gleich zwei Weltkriegen. Und wer da die nackte Existenz gerade noch retten konnte, der sah sich sogleich stets gefährdet durch die Vor- oder Nachhut der jeweiligen blutigen Ereignisse. Mit heiler Haut davongekommen und einigermaßen exemplarisch ist dabei der 1896 geborene und 1970 gestorbene katalanische Komponist Roberto Gerhard.
Ein Artikel von Bojan Budisavljevic

Verlor er als 20-Jähriger im Ersten Weltkrieg seinen geschätzten Klavierlehrer Enrique Granados durch ein deutsches U-Boot, so im Vorfeld des Zweiten das heimatliche Spanien. Als kultureller Exponent der katalanischen Moderne und der Zweiten Republik kehrte er, nachdem diese von stalinistischer Infiltration geschwächt und vom Francofaschismus zerstört wurde, Spanien den Rücken. Dass sich dort die Zustände und die Kunst so bald nicht liberalisieren würden, das beobachtete er betrübt seit 1939 bis an sein Lebensende vom ebenso weltoffenen wie wissenssatten Cambridge aus, wo er als Forschungsstipendiat des King’s College und freier Komponist seinen Lebensunterhalt bestritt mit Aufträgen sowie mit Musiken für die BBC und das Theater.

Und überhaupt scheint Weltoffenheit der Grund gewesen zu sein für Gerhards katalanische Option: nicht der Geburt wegen, sondern als bewusste Entscheidung des im dortigen Valls geborenen Sohns einer Elsässerin und eines schweizer Weinhändlers. Auch eine Entscheidung für die Kunst der spanischen Halbinsel, die Gerhard nie losgelassen hat und in die ihn Felipe Pedrell, der „Vater der spanischen Musik“ und Lehrer von Granados, de Falla und Albéniz, eingeführt hat. Denn ebenso wie Skrjabin und Wagner, so gehörten bei Pedrell gleichermaßen zu den Unterrichtsgegenständen die Kunst- und die Volksmusik der iberischen Halbinsel. Deren Rhythmen, Formeln und Farben, ja selbst Zitate, findet man in Gerhards gesamtems Œeuvre, jedoch niemals anbiedernd oder epigonal, sondern stets formvollendet aus dem Werk selbst entwickelt, zwingend logisch. Das hatte seine Gründe.

„An Moses und Aron habe ich seit Barcelona nicht mehr arbeiten können!“

Denn nach Pedrells Tod 1922 geht Gerhard nicht nach Paris etwa zu Ravel, was zumindest atmosphärisch nahegelegen hätte. Er wählt den ganz anderen Weg nach Wien, wird von Arnold Schönberg als Meisterschüler angenommen und folgt diesem wie Hanns Eisler 1925 nach Berlin an die Preußische Akademie der Künste. um dort dann gemeinsam mit Winfried Zillig, Egon Wellesz, Karl Rankl und Nikos Skalkottas die zweite Generation der Schönberg-Schüler zu bilden. Der unterrichtete bei weitem nicht nur Komposition nach seiner dodekaphonen Methode – die freilich auch, sondern auch, wie Eisler bemerkte, „ein richtiges Verständnis der musikalischen Tradition der Klassiker… die strenge, saubere, ehrliche Handwerkslehre.“

Noch bevor er seine Studien 1929 abschloss und nach Spanien zurückkehrte, vermittelte Gerhard indessen seinem Lehrer Auftritte und Vorträge in Barcelona, der dort auf eine aufgeschlossene Kulturszene traf und nicht zuletzt auf Musiker wie Pau Casals oder die legendäre Sängerin Conxita Badia (später die Lehrerin von Monserrat Caballé). Auch war es Gerhard, der Schönberg zu einem seiner vielleicht schönsten Jahre verhalf, als der Asthmakranke auch des politischen Klimas wegen von 1931 an den beträchtlich verlängerten Jahresurlaub in Barcelona verbrachte, inmitten kunstsinniger Freunde, mit mediterraner Küche und Blick aufs Mittelmeer. Dort wurde im Mai 1932 Schönbergs Tochter Nuria geboren, und dort fiel ihm die schwere Arbeit an „Moses und Aron“ so leicht, dass er sein unvollendetes opus mag­num bis zum zweiten Akt eben ‚vollenden‘ konnte ‑ um es dann liegen zu lassen. Als musikalische Celebrität zu gelten, tat ihm sichtlich gut, wozu auch die Konzerte mit dem seinerzeit avancierten Orquesta Pau Casals beitrugen, welche sowohl Webern als auch Schönberg selbst leiteten. Keine Frage daher, dass ab 1933 Barcelona als Emigrationsort für die Schönbergs in Frage kam. Doch alle Pläne, nachzulesen im neuerschienenen Briefwechsel zwischen Schönberg und Gerhard, zerschlugen sich, und die Familie fand Zuflucht in den USA.

Doch auch Gerhards Zeit in Barcelona neigte sich ihrem bitteren Ende zu. Als Musikberater der republikanischen Generalitat de Catalunya wirkte er als rühriger Organisator und Archivar, konnte 1936 noch die Weltmusiktage der IGNM – gegen den heftigen Widerstand Hanns Eislers, der als Vorsitzender des Internationalen Musikbüros natürlich für Moskau warb – nach Barcelona holen; dort wurden dann sowohl Gerhards Ballettmusik ,Ariel‘ als auch Bergs Violinkonzert durch Hermann Scherchen uraufgeführt. Als der Bürgerkrieg dann endgültig ausgebrochen war, beschleunigte sich das Siechtum der Spanischen Republik. Weihnachten 1938 begann die franquistische Offensive in Katalonien, am 26. Januar brach die Verteidigung von Barcelona zusammen, im März die von Madrid. Gerhard, der sich mit seiner Frau, übrigens wie Gertrud Schönberg eine Wienerin, um den Jahreswechsel bei der IGNM-Jury in Warschau aufhielt, kehrte nicht nach Spanien zurück.

„Dodekaphonisch, aber menschlich und sogar ein bisschen göttlich.“

So Gerhard an Pau Casals über seine 1. Symphonie, die 1956 vom SWF Sinfonierochester und Hans Rosbaud in Baden-Baden uraufgeführt wurde: ein Werk von gemäßigter Strenge und herber Zuwendung. Während er Reihenprinzipien bis dahin nur an bedeutsamen Stellen seiner Werke verwendet hat, und so in einem quasi gemäßigt modernen Gestus etliche hervorragende Werke geschaffen hat, so etwa das auch virtuosen Bedürfnissen entgegenkommende umwerfende Violinkonzert (1942–45), setzt er nun, nach Schönbergs Tod, zu einer immer umfassenderen reihentechnischen Organisation seiner Musik an und damit zum Sprung in die seinerzeit aktuelle Musikavantgarde. Dies wird die Bandbreite seiner stilistischen Verwandtschaften, und keinesfalls Nachahmungen, über das gesamte musikalische Jahrhundert von de Falla über Bartók und Strawinsky schließlich zu Varèse und Boulez strecken. Während in des Ersteren „Déserts““das Tonband dem Orchesterklang gegenübergestellt ist, so wird es in Gerhards 3. Symphonie (1960) zum integralen Bestandteil von Werk und Instrumentarium; und vergleichbar der totalen Serialität des Letzteren organisiert Gerhard in der 4. Symphonie (1967), einem Auftrag zum 125. Jubiläum des New York Philharmonic, sämtliche musikalische Parameter, Tonhöhen, Tempi und Rhythmen nach seriellen Permutationen.

Wiewohl, papieren wäre solcherlei Modernität, wäre sie nicht stets getragen von einem eminent musikalischen Formgefühl und einer brillanten Instrumentationstechnik aus der Schönberg’schen Handwerkslehre sowie Gerhards spanisch-katalanischem Erbe, das er immer wieder durchschimmern lässt: Allusionen an Gitarrenklänge, Trompetenappelle, iberische Tanzrhythmen, Schlagwerkszauber. Dieses verleiht, zusammen mit einer menschenzugewandten Ansprache, Roberto Gerhards Œeuvre über alle Wandlungen hinweg eine ganz eigene, wie Verdi es genannt hätte: „tinta“. Diese wieder zum Klingen zu bringen, wäre ein Gewinn fürs Musikleben.


  • Roberto Gerhards Werke sind nahezu alle verlegt, zumeist bei Boosey & Hawkes oder bei der Oxford University Press. Aufnahmen der vier Symphonien sowie der Konzerte für Klavier, Violine und Orchester mit dem BBC Symphony Orchestra unter Matthias Bamert sind bei Chandos erschienen, ebenso die Ersteinspielung seiner Oper „La Dueña“ mit der Opera North Leeds. Die Streichquartette hat Aeos mit den Ardittis aufgenommen, einige Ensemblewerke das Collegium Novum Zürich bei Neos. Als Einstiegslektüren eignen sich: „Gerhard on Music: Selected Writings“, hg. von Meirion Bowen, London, New York: Routledge 2019, ISBN 13-987-1-138-71052-8 sowie als aufschlussreiche Neuerscheinung „Arnold Schönberg und Roberto Gerhard: Briefwechsel“, hg. von Paloma Ortiz de Urbina, Bern: Peter Lang 2019, ISBN 978-3-0343-3796-0.

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