Das Geheimnis des Erfolgs: Musiker hautnah erleben

Fünf Jahre „Rhapsody in School“: Interview und Werkstattbericht


(nmz) -
Der Verband Deutscher Schulmusiker (VDS) hat den Pianisten Lars Vogt mit der Leo-Kestenberg-Medaille 2010 ausgezeichnet. Die musikpädagogische Auszeichnung wurde im Rahmen eines Nachtkonzertes am 30. September im Clara-Schumann-Saal von Dr. Hoch‘s Konservatorium in Frankfurt/Main überreicht. Lars Vogt, einer der führenden Vertreter der mittleren Pianisten-Generation in Deutschland, erhielt den Preis für die von ihm 2005 gegründete Initiative „Rhapsody in School“. In ihr engagieren sich zahlreiche Musiker dafür, dass Schüler mit klassischer Musik in Kontakt kommen, indem sie in ihrer Freizeit vor Schulklassen spielen.
Ein Artikel von Andreas Kolb, Sabine von Imhoff, Tobias Hell

„Denn klassische Musik“ , so der Initiator Lars Vogt, „gehört immer weniger zu den Dingen, die ein Kind in seiner Familie ganz selbstverständlich mitbekommt. Sie hat nur eine Chance, akzeptiert oder im Idealfalle geliebt zu werden, wenn Kinder damit irgendwann, am besten aktiv, in Kontakt waren, und selbst erlebt haben, was Musik bewirken kann: Die Möglichkeit, die ganze Varianz menschli­cher Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, alles, was uns als Menschen ausmacht.“ „Musiker hautnah“ – das ist das Geheimnis des Erfolgs von „Rhapsody in School“. Andreas Kolb von der neuen musikzeitung unterhielt sich mit der Projektleiterin Sabine von Imhoff.

neue musikzeitung: Nicolas Altstaedt, Lisa Batiashvili, Claudio Bohorquez, Gábor Boldoczki, Boulanger Trio, Fauré Quartett, Daniel Hope, Dorothee Oberlinger, Christian Tetzlaff, Jörg Widmann, Tabea Zimmermann – exemplarisch die Buchstaben A bis Z genommen: Wie kommt ein Schulprojekt zu so einer ausgezeichneten Künstlerliste?

Sabine von Imhoff: Der Grundstock ist die Clique um das Festival „Spannungen“ in Heimbach. Dort ist Lars Vogt Gründer und künstlerischer Leiter, und so lag es nahe, dass er auch seine Künstlerfreunde einlud. Als dann einige berühmte Kollegen dabei waren, wurde es immer leichter, auch jüngere Künstler dazu zu gewinnen. Später hat sich das dann auch durch meine Kontakte erweitert, und heute haben wir etwa 125 Musiker „im Angebot“. Inzwischen ist unser Projekt in Künstlerkreisen so bekannt, dass die Musiker auf mich zukommen und fragen, ob sie mitmachen dürfen. Sie alle arbeiten übrigens ehrenamtlich.

nmz: Wie oft gastieren denn einzelne Solisten an Schulen?

von Imhoff: Einmal im Monat bis einmal im Jahr. Die Cellisten führen die Liste an, zum Beispiel Alban Gerhardt und Daniel Müller-Schott. Es ist toll, was „Rhapsoden“ leisten! In einer Schulstunde mit anschließender großer Pause bringt man kein volles Konzertprogramm unter, aber mit den Fragen der Schüler gehen schon ein bis zwei Stunden drauf. Viele Künstler sagen, es sei für sie eine Bereicherung und zusätzliche Probensituation, gewissermaßen das Einspielen vor dem Konzert, das dann oft am selben Abend noch stattfindet – meist mit spontanen oder von uns organisierten Besuchen der Schulklassen.

nmz: Welche pädagogische Vorbildung bringen die Künstler mit?

von Imhoff: Das ist nicht das, was wir voraussetzen. Wir wollen das Unmittelbare. Es sind das Charisma und das Können unserer Musiker, was die Kinder in den Bann zieht. Kinder merken, wenn jemand was zu sagen hat. Der Funke springt eigentlich immer sofort über, und der Stellenwert der klassischen Musik erhält eine Aufwertung.

nmz: Wie werden Schulen ausgewählt?

von Imhoff: Wir haben inzwischen ein gewisses Kontingent an Schulen, aber es kommen ständig Interessenten dazu. Manchmal müssen wir recherchieren und eine Schule suchen. Dann spreche ich die jeweiligen Kooperationspartner (Orchester, Veranstalter) vor Ort an. Die neue Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Schulmusiker ist eine große Hilfe und hat schon viele fruchtbare Schulkontakte erbracht.

nmz: An wen richtet sich das Projekt?

von Imhoff: An alle Schulen im Bundesgebiet und im deutschsprachigen Ausland sowie an Deutsche und Internationale Schulen im Ausland. Ideal bei Grundschulen sind die Klassen 3 und 4, denn dann sind die Schüler schon konzentrierter und können sich auch Notizen machen. Bei weiterführenden Schulen nehmen wir gerne die Klassen 5 und 6, in denen man die Schüler noch motivieren kann, vielleicht auch selbst mal so ein Instrument zu erlernen.

nmz: Wie finanziert sich „Rhapsody in School“?

von Imhoff: Durch die Vermittlung von „Kinder zum Olymp!“, der Jugend­initiative der Kulturstiftung der Länder (zu deren Netzwerk wir gehören) bekamen wir eine Anschubförderung durch die PwC-Stiftung; danach unterstützten uns mit kleineren Beträgen die RheinEnergie Stiftung, der Henle Verlag und die Audi Sommerkonzerte. Nun bitten wir um Spenden der Schulen und suchen einen bundesweiten Sponsor, auch mit Hilfe unseres Fördervereins www.musker-hautnah.de. Wir freuen uns über jeden neuen Kontakt und jede Art von Unterstützung!

Das Gespräch führte Andreas Kolb

Live im Klassenzimmer: Flötenvirtuose Stefan Temmingh in München

Im ersten Moment schauen die Neuntklässler des Münchner Luitpold-Gymnasiums schon noch etwas skeptisch. Beinahe verdächtig ruhig ist es im Musiksaal. Und das, obwohl die Lehrerin ihre Schüler zur Vorwarnung eigentlich als „sehr lebhaft“ angekündigt hatte. Aber schließlich ist das an diesem Dienstagmorgen auch keine gewöhnliche Unterrichtsstunde. Denn im Rahmen des Projekts „Rhapsody in School“ hat sich hier Flötenvirtuose Stefan Temmingh angekündigt, der gleich ohne große Worte einsteigt und die Meute mit einer ersten musikalischen Einlage abrupt zum Verstummen bringt. Auf die anschließende Frage, wie alt das eben gehörte Stück denn wohl gewesen sein könnte, herrscht dann zunächst immer noch schüchternes Schweigen. Doch nur so lange, bis es endlich aus einem der Schüler herausplatzt: „Ganz schön alt!“

Und auch wenn das wahrscheinlich nicht ganz die Antwort war, die sich der Gastlehrer erwartet oder erhofft hätte, kommt selbst ihm dabei das Lachen, und das Eis ist gebrochen. Ab dem Moment geht es gleich viel munterer zu im Klassenzimmer, und auf den dritten Anlauf ist auch die Entstehungszeit 15. Jahrhundert endlich erraten. Letztlich geht es Temmingh bei seiner Unterrichtsstunde aber nicht um trockene Zahlen und Fakten. Von denen gibt es in der Schule schließlich schon genug. Es will unter den Jugendlichen einfach nur Interesse für klassische Musik wecken und zeigen, dass seine Kunst nicht nur von alten Leuten in Frack und Abendkleid gehört werden kann. „Ich würde mir wünschen, dass Ihr das einfach mal mit offenen Ohren anhört. Vielleicht sogar ausnahmsweise mehr als nur einmal. Denn je öfter man etwas hört, umso mehr versteht man. Und je mehr man versteht, umso mehr Spaß macht es.“ Die Probe aufs Exempel folgt gleich danach mit einem Sprung ins 21. Jahrhundert. Wenn auch nicht mit der Titelmelodie zu den „Simpsons“, die vom jungen Publikum eigentlich gewünscht wird. Stattdessen geht es auf eine musikalische Safari von Helga Pogatschar, die durch ihr vom CD-Player eingespieltes Löwengebrüll und andere tierische Zwischenrufe für gute Laune sorgt und durchaus beabsichtigte Lacher erntet. Und das nicht nur, weil hier mit beinahe akrobatischem Geschick gleich zwei Flöten auf einmal gespielt werden müssen. Dieses Stück schlägt auch bei der sechsten Klasse ganz besonders ein, die nach einer kurzen Verschnaufpause in den Genuss der zweiten Stunde kommt. Und nachdem man es in dieser Jahrgangsstufe auch mit der coolen Gelassenheit noch nicht so genau nimmt, wird Temmingh hier gleich von Anfang an mit Fragen gelöchert. So sehr, dass er mit seinem vorbereiteten Programm beinahe nicht mehr hinterher kommt. Besonders all die verschiedenen Flöten, die sich in unterschiedlichsten Größen und Tonhöhen auf dem zugeklappten Flügel stapeln, wecken immer wieder die Neugier der Schüler. Dass viele dieser Instrumente extra für ihn gebaut wurden und Tausende von Euro kosten, sorgt da für große Augen. Vor allem aber, dass man allein vom Musik­machen tatsächlich leben kann. All das scheint sogar noch spannender als Temminghs Heimat Südafrika, über die er eigentlich gerne noch mehr erzäh­len wollte. „Das wissen wir doch eh schon aus dem Internet.“

Und auch Musiklehrerin Bettina Zimmer hat bereits gute Vorarbeit bei ihren Schülern geleistet, die eine Woche später fast geschlossen bei Temminghs Konzert im Herkulessaal aufmarschieren. Zumindest hier hat es also schon mal funktioniert, die Begeisterung der neuen Generation zu wecken. Was Stefan Temmingh ermutigt, weiter bei „Rhapsody in School“ aktiv zu bleiben. „Zehn solche Stunden habe ich schon gemacht, und keine war wie die andere. Es ist jedes Mal wieder interessant, was die Schüler von mir wissen wollen. Wie viele dann tatsächlich weiter ins Konzert gehen, wissen wir natürlich alle nicht. Aber das Wichtigste ist einfach, ihnen zu zeigen, dass Musik etwas unglaublich Spannendes sein kann. Dann gibt es hoffentlich auch in Zukunft immer noch Publikum für uns.“

Tobias Hell

Stefan Temmingh live beim audience development. Foto: Tobias Hell

unkritisches Eigenlob

Beim Projekt “Rhapsody in School” gibt es einen offensichtlichen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Vom Ansatz her ausgezeichnet geeignet, um Schüler an Klassik heranzuführen, weiß man das Potential all der hochklassigen Musiker nämlich nicht zu nutzen.

Der Anspruch lautet, Schüler an Klassik “heranzuführen”. Was aber sind “an Klassik herangeführte” Schüler? Es sind beispielsweise welche, die Lust gefunden haben, mal selbst eine Probestunde oder ein Instrumentenkarussell bei einer Musikschule auszuprobieren. Zumindest dann und wann sollte dies das Resultat sein - ist es aber nicht. Es gibt in fünf Jahren keine Schüler, die angeregt durch solche Besuche jetzt selbst musizieren.

Auch der Wert ganzer Schulklassen, die vom Lehrer ins Konzert gekarrt werden, ist fraglich. Erst recht dann, wenn - wie man auf der Homepage des Projekts nachlesen kann - Hauptzielgruppe neben Grundschulen vor allem Gymnasien sind. Wohl deshalb, weil Gymnasiasten musikalisch vorgebildet sind und es leichter ist, sie ins Konzert zu bekommen? Es widerspricht der erklärten Intention, Schüler an Klassik “heranzuführen”, wenn ohnehin privilegierte Schüler weiter bevorzugt werden und Haupt- bzw. Realschüler leer ausgehen.

Es wäre nötig, mal ernsthaft die Ärmel hoch zu krempeln und Kooperation mit Musikschulen und Privatlehrern zu suchen (da allein schon wegen des häufigen schulischen Nachmittagsunterrichts Musikunterricht nur noch in der Schulzeit nachmittags stattfinden kann, nicht mehr wie früher in der Freizeit). Dann - und wenn der Flötist von nebenan mit ausgezeichneten pädagogischen Fähigkeiten auch beim Projekt mitmachen darf und die hochkarätigen Solisten für ihn eine Lanze brechen - wäre zu erwarten, dass außer zahlreichen sich vor Lob “Weltstars” betreffend fast überschlagenden Zeitungsmeldungen auch ein paar echte Ergebnisse im Sinne der erklärten Intention entstünden. Schüler gehören in den Mittelpunkt solch einer Initiative, nicht die Künstler und nicht das Projekt selbst.


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