Das Gesamtkunstwerk im digitalen Zeitalter

Neue Wagner-DVDs: der „Fura dels Baus“-Ring aus Valencia und Jonas Kaufmanns Lohengrin


(nmz) -
Ein beliebtes Gedankenspiel ist es, sich vorzustellen, welche Musik ein Komponist der Vergangenheit heutzutage schreiben würde, auch wenn dieses meist dazu missbraucht wird, die zeitgenössische E- gegen die U-Musik auszuspielen. Im Falle Richard Wagners müssten die Fragen wohl ein wenig anders lauten: Aus welchen Kunstsparten würde sich der Gesamtkunstwerkler heutzutage seine Bühnenwelten zusammenbauen? Und wie weit würde er sich dabei in digitale Welten vorwagen?
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Dies geht einem unwillkürlich durch den Kopf, sobald man per DVD in die Bilderfluten eintaucht, die 2008 von den katalanischen Theatervisionären der „Fura dels Baus“ unter der Leitung von Carlus Padrissa in ihrem „Ring des Nibelungen“ aus Valencia entfesselt wurden. Dabei fasziniert nicht nur die technische Brillanz der ungemein variablen Projektionen, sondern vor allem auch deren Musikalität, ihre perfekt mit der Partitur mitschwingende Rhythmisierung. Das Bonus-„Making-of“ macht da einiges klarer: Angesteuert werden die als elementare Bestandteile des Bühnenbilds eingesetzten Filmsequenzen von einem Keyboard, dessen Spieler dem Dirigat genauso folgt wie das Orchester. Die Bilder werden also von den Noten des Klavierauszugs ausgelöst und erfahren außerdem dadurch eine Dynamisierung in den Raum hinein, dass über die Rückwände hinaus zahllose mobile Projektionsflächen zur Verfügung stehen.

Neben großartigen Bildfindungen (das Rheingold als goldener Fötus, der dann in Nibelheim geklont wird) ist da zwar auch manches zu bestaunen, das über eine gewisse Fantasy-Naivität nicht hinausgeht (Flugsequenzen über eine beschneite Gebirgslandschaft wie im 3-D-Kuppelkino der 1980er-Jahre oder die, freilich wunderschöne, durch Wälsungenliebe zum Erblühen gebrachte Esche). Ihnen zur Seite stehen aber die immer wieder atemberaubenden, bei aller Akrobatik nie zum Selbstzweck verkommenden Konstellationen, zu denen sich die Fura-Truppe schwebend oder kriechend zusammenballt und deren eindringlichste Ausprägungen vielleicht die menschlichen Mobiles sind: Im „Rheingold“ fügen sich die als reine Verfügungsmasse der Götter benutzten Körper zu einer luftigen Walhall-Konstruktion, in der „Walküre“ hängen die toten Krieger in prekärer Balance in den Seilen. Auch die kopfüber wie Schlachttiere weiterverarbeiteten Leiber in der Nibelheimer Klonfabrik gehören in diese Bildwelt.

Mehrdimensional ausgenutzt wird der Bühnenraum außerdem mit Hilfe der von sichtbaren Bühnenarbeitern (eine Anspielung auf den Chéreau-Ring) bedienten Kranpodesten, mit denen sich die Götter buchstäblich über alles und alle erheben, was aufgrund der für die Sänger winzigen Spielfläche reizvolle, wenn auch mitunter bewusst statische Dialogszenen auslöst.

Stichwort Chéreau: Eine vergleichbar stringente Interpretation haben Padrissa und sein Team mit ihrer schon jetzt als „Ring des neuen Jahrhunderts“ apostrophierten Produktion nicht zu bieten, auch das Niveau der Chérau’schen Personenregie wird, ungeachtet vieler schauspielerisch guter Momente, nicht erreicht. Die im Grunde ziemlich textgetreue Umsetzung der Handlung gibt aber den visuellen Innovationen zum trotz einerseits den Blick auf jene Themen frei, die dem Ring seine zeitlose Aktualität verleihen, und schärft andererseits die Wahrnehmung für die Musik. Und die erfährt unter Zubin Mehtas ebenso souveräner wie dramatisch zupackender Leitung von dem jungen, nur an manchen Stellen ein wenig geheimnislos tönenden, ansonsten aber bewundernswerten Orchester und einer erstaunlich hochklassigen Sängerbesetzung eine eindringliche Umsetzung.

Hier ist bis in die kleineren Rollen hinein fast durchweg textverständlich artikulierter, mitunter erstklassiger Wagnergesang zu hören, was bei Namen wie Matti Salminen (Fasolt, Hunding und, hier am besten: Hagen), Peter Seiffert oder Petra Maria Schnitzer (ein herrliches Wälsungen-Geschwis­terpaar) wenig überrascht. Wie gut aber auch Jennifer Wilsons Brünhilde, Lance Ryans Siegfried (bis auf manche Vokalverfärbungen) und vor allem Juha Uusitalos Wotan klingen, dafür sind diese Scheiben nun das erfreuliche, aufnahme- wie bildtechnisch exzellente Dokument (C Major/Naxos, auch auf Blu-ray).

Ebenso wie Lance Ryan (als Siegfried) wird auch Jonas Kaufmann heuer sein Bayreuth-Debüt geben. Auf seinen Lohengrin kann man sich mit dem Münchner Mitschnitt einstimmen, der eine bereits erstaunlich reife Durchdringung der Riesenpartie und großen Mut zur Mezza voce erkennen lässt. Zusammen mit der hinreißenden lyrischen Intensität der Anja Harteros ergeben sich Momente großer musikdramatischer Innenspannung, die das wenig erkenntnisfördernde Bemühen von Richard Jones’ Häuslebauer-Inszenierung und das klangfarblich fein abschattierte, gleichzeitig aber immer wieder auch seltsam unbeteiligte Dirigat Kent Naganos zur Nebensache degradieren. Ein Dokument somit auch dies (2 DVDs, Decca/Universal).

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