Das improvisierende Orchester als Verteilerdose

Eindrücke vom Splitter Music Festival Berlin


(nmz) -
Wie machen die das? Was naiv daherkommt, ist im Bereich der improvisierten Musik eine der zentralen Fragen, gefolgt von einer zweiten, die das „wie“ in Zusammenhang mit der Größe eines improvisierenden Ensembles stellt. Darum ging es beim Splitter Music Festival, kuratiert und geleitet von Gregor Hotz, einem der Gründer des Splitter Orchesters, eines Langzeitprojekts aus der Berliner Echtzeitmusik-Szene und im Zentrum des Festival-Geschehens stehend.
Ein Artikel von Hans-Peter Graf

Die seit 2010 bestehende Formation ist mit ihrer an zeitgenössischer E-Musik, freier Improvisation, Elektronik, Experimentalmusik und Noise ausgerichteten Ästhetik einzigartig in Deutschland. Sein Renommee konnte das Splitter Orchester beispielsweise in den Einladungen zur MaerzMusik 2014 oder zum Jazzfest Berlin 2015 erhärten. Die Einladung zu den „Internationalen Ferienkursen für Neue Musik“ 2012, um mit Matthias Spahlinger das Orchesterstück „doppelt bejaht“ zu erarbeiten, dürfte – im Rückblick – dem Ansatz des Splitter Orchesters fast idealtypisch nahe gekommen sein, realisiert doch gerade dieses Stück die Vision von selbstbestimmten und individuellen, gleichzeitig aber fürs Ganze verantwortlich gestaltenden Orchestermusikerinnen und -musikern – steuerungstechnisch realisiert über ein ausgetüfteltes System an Spielanweisungen und ohne Dirigenten.

Das mit zwei Dutzend professionell arbeitenden Composer-Performerinnen und -performern besetzte Splitter Orchester ist für eine Improvisationsgruppe groß besetzt. Im Festivalmotto „music-mining in large scale formats“ klingt das Kriterium Quantität indirekt als Spezialfall dieser Musikpraxis durch. In den je zwei Sets an vier Tagen präsentierte das Festival, immer in Bezug zum Splitter Orchester, über Projekte einzelner Mitglieder Modelle der internen Steuerung, also die Wege und Strategien, um sich zu verständigen und musikalisch zueinander zu verhalten. 

Der Eröffnungsabend mit dem etwa 30-köpfigen Insub Meta Orchestra aus Genf im ersten Set und aufgestockt um Mitglieder aus dem Splitter Orchester im zweiten Set unter der Leitung von Sabine Vogel war eine Demonstration von „codes of conduct“. Die Gäste aus Genf entfalteten mit subtilen Klangschattierungen auf sehr niedrigem dynamischen Level bis hin zur Unhörbarkeit ihre spezielle Ästhetik mit reichlichen und ausgedehnten Pausen. Gerade an ihnen zeigte sich, dass das Modell einer kollektivgeis-tigen Steuerung ab einer bestimmten Ensemblegröße nur bedingt funktioniert. Pausen oder Stille waren im Auftritt des Insub Meta Orchestras oft gleichbedeutend mit „einfach kein Klang“. So hatte man im Laufe dieses ersten Sets leider zu oft das Gefühl, einer sozialpädagogisch angehauchten Akustikübung in Achtsamkeit beizuwohnen.

Das zweite Set war mit 42 Musikern und dem auf Naht sitzenden Publikum nicht nur räumlich dicht. Sabine Vogel hatte mit dem als Sound-Painting bezeichneten Verfahren, mittels einer begrenzten Auswahl an Gesten und Zeichen die gliedernden Momente ihrer Komposition „Pando“ vorgegeben und damit die Räume für Einzel- bis Kleingruppenimprovisationen eröffnet. Zusammengenommen entstand ein feingliedrig strukturiertes Netz an Klang-ereignissen, vergleichbar einem Rhizom im heimischen Garten. Mit Sven-Åke Johanssons „Harding Greens – Symphonie für Kartonagen“ für 22-köpfiges Orchester und Les Femmes Savantes mit Margareth Kammerer und dem Programm „The Illusion Of Things Hanging Together“ waren zwei grundverschiedene Beiträge zum Thema „The Poetry of Noise“ gefasst. „Harding Greens“ ist im Prinzip ein Orchesterstück mit komplett ausnotierten Einzelstimmen und Partitur, weshalb es auch nach der Uraufführung von 2002 jetzt wiederholt werden konnte (beide Aufführungen dirigiert von Titus Engel). Als Sonderfall steht es im Improvisationskontext aufgrund der Klangvielfalt, die in der konsequent untersuchten ‚Begegnung‘ von artifiziellen Musikinstrumenten wie Streicherbögen mit dem Alltagsgegenstand Karton entstand.

Dagegen sind die Texte der kanadischen Lyrikerin Anne Carson, um im Bild zu bleiben: Transportmittel – der geistigen Art. Les Femmes Savantes mit Margareth Kammerer haben sie dekonstruiert und dann wieder instrumental, elektronisch und vokal rekonstruiert. Im Reigen der oft ausschweifenden Festivalbeiträge war die Prägnanz der als „kurze Kompositionen“ angekündigten Songs ausgesprochen wohltuend (vom Literaturtipp Anne Carson abgesehen). Darüber hinaus rückte indirekt auch ein grundsätzliches Problem von improvisierter Musik in den Vordergrund, nämlich das Problem der Schlussfindung.

Die Auftritte des Splitter Orchesters und des Trio (plus Gast) The Still um Steve Heather unter dem bezeichnenden Tagestitel „Paradox of plenty“ wiederum war ein Lehrstück zum Thema Komplexität und Ästhetik: Die Großformation mit einer freien Improvisation gegen das Trio mit Liedern hart am Rande des Kitsches – aber einem unerhört warmen, „analogen“ Sound, wie er in diesen Genres heute fast nicht mehr zu hören ist.

Die Einzelprojekte „The Pitch“ und „Transmit“ rundeten am vierten Abend unter dem Motto „waves & vibes“ das Spektrum an ästhetischen Verwandtschaftsgraden zum Splitter Orchester ab. Das geschickt konzipierte Splitter Music Festival, könnte durchaus als PR-Trailer der Echtzeitmusikszene Berlins durchgehen, wenn die einen solchen denn nötig hätte. Abbild eines funktionierenden musikalischen Netzwerkes war es allemal. Und es war die Zurschaustellung einer mächtigen ‚Verteilerdose‘ im namensgebenden Ensemble als musikalisches Kraftfeld einer Szene. 

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