Das Kompetenzspektrum weit auffächern

Der Freiburger Gitarrenprofessor Michael Hampel im Gespräch


(nmz) -
Seit 2019 ist Michael Hampel Professor für Gitarre an der Hochschule für Musik Freiburg. Zuvor hatte er diese Position an der Hochschule für Musik Trossingen inne, wo er unter anderem das studentische Hochschulensemble „Open Source Guitars“ gründete. Über neue Wege in der Gitarrenausbildung hat Juan Martin Koch mit ihm gesprochen
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Herr Hampel, Sie hatten kürzlich ein kleines Gitarrenfestival an Ihrer Hochschule. Wie ist es gelaufen?

Sehr gut! Wir hatten die Möglichkeit, die Veranstaltung hochschulintern im Rahmen eines Meis­terkurses durchzuführen. Für uns war besonders der erste Abend wichtig, für den wir uns die Frage gestellt hatten: Was ist Virtuosentum in einer neuen Zeit? Solo-Performances sollten ja möglichst einer erweiterten Inszenierung folgen als nur ein Stuhl und Repertoire. Da gab es die verschiedensten Beiträge, bei denen zum Beispiel das Publikum anders eingebunden wurde oder Monitore, Leinwandprojektionen, Musik und eigenes Spiel vom Solisten computergestützt koordiniert wurden. Ich selbst habe als Teil einer Installation mitgewirkt … Da gibt es so viele Möglichkeiten, und das ist genau das, was ich mit dem Studiengang in Freiburg entwickeln möchte.

Zunächst erst einmal zurück zum Grundsätzlichen: Wie viele Studierende mit Hauptfach Gitarre gibt es in Deutschland? Haben Sie da einen Überblick, ich habe keine Statistik dazu gefunden…

Ich schätze mal: An den zirka 30 Hochschulen und Konservatorien im Schnitt jeweils eine Klasse mit acht Bachelorstudierenden Gitarre, also zirka 240 Studierende Gitarre mit angestrebter pädagogischer Unterrichtsqualifikation bzw. etwa 30 Absolvent*innen bundesweit pro Semester. Die treffen auf den Bedarf von mindesten 1.500 Musikschulen, bei einem bevorstehenden bzw. aktuell stattfindenden Generationswechsel von Lehrenden dort für eines der beliebtesten Instrumente überhaupt. Das deckt den Bedarf bei weitem nicht.

Wie sind die Zahlen bei Ihnen in Freiburg?

Wir haben 14 Hauptfachstudierende, die Klasse bei mir war sehr schnell voll. Wir haben aber auch eine große Nachfrage in Form eines ersten oder zweiten Instrumentalfachs in der Schulmusik, Hauptfachs in der Elementaren Musikpädagogik et cetera.

Klassischer Lehrberuf

Der Anteil derer, die anschließend rein klassisch konzertieren und/oder unterrichten, dürfte gering sein, oder?

So ist es. An den Musikschulen gibt es natürlich eine sehr große Nachfrage für Gitarrenunterricht, und dafür bilden wir wie gesagt sehr wenige Absolvent*innen aus. In Baden-Württemberg ging es in der Hochschuldebatte 2014 auch darum, dass es nur zwei Professuren für Gitarre gab, jetzt gibt es drei oder vier. Gitarre ist nach dem Studium ein klassischer Lehrberuf. Die großen Konzertkarrieren sind so marginal, dass es utopisch ist, darauf zu setzen.

Und an den Musikschulen ist dann ja die Nachfrage so, dass es nicht nur um klassische Gitarre geht, sondern auch um Rock, Pop und Jazz …

Absolut! Das sieht man an den Stellenausschreibungen. Da ist oft E-Gitarre mit gefragt. Die Hochschulen müssen darüber nachdenken, wie sie das integrieren.

Dann wäre also Ihr Anspruch, dass Studierende bei Ihnen einen entsprechend größeren Werkzeugkasten an die Hand bekommen?

Ja, das ist ein Kernthema. Als ich nach Freiburg gekommen bin, habe ich ein ganz tolles Hauptfachmodul vorgefunden. Mein Kollege Andreas Doerne, Professor für Musikpädagogik, und Stefan Goeritz, Leiter der Musikschule Waldkirch, haben das entworfen. Da ist explizit ein Anteil an Weltmusik, Jazz und anderen Stilistiken vorgesehen, aus denen die Studierenden auswählen können. Das ist ein Reformprojekt, wie ich es von anderen Hochschulen nicht kenne. Wir machen keine Abstriche beim künstlerischen Anspruch an die klassische Ausbildung, aber die Absolvent*innen sollen breit aufgestellt sein.

Was sind darüber hinaus die Besonderheiten der Gitarrenausbildung in Freiburg?

Neben der größeren stilistischen Vielfalt ist es das Peer Learning. Der Wissenstransfer soll sehr stark auch untereinander stattfinden, vieles passiert in Seminaren. Die kommunikativen und sozialen Kompetenzen sollen in dem Sinne mit einfließen, dass die Gruppe stärker ist als jeder für sich allein. Es geht auch um neue Rollenverständnisse, die über das klassische Lehrer-Schüler-Modell hinausgehen.

Die Studierenden sollen sich also auch gegenseitig unterrichten?

Ja, das ist alles in diesem Konzept enthalten. Ich konnte das allerdings noch nicht in der Praxis evaluieren, denn die Pandemie erlaubt uns nur in wenigen Ausnahmen einen Unterricht, der über zwei Personen hinausgeht.

Sie haben die verschiedenen Stilistiken angesprochen. Das wird alles an der Hochschule angeboten?

Ja, jeder hat Anspruch darauf, auch in Jazzgitarre, Weltmusik, Flamenco oder anderen Stilen ausgebildet zu werden. Das wird dann zum Teil von Lehrbeauftragten abgedeckt. Auch Combos und Ensembles werden gebildet – solche traten jetzt auch bei unserem Festival auf.

Sie kamen aus Trossingen nach Freiburg, wo Sie das Ensemble „Open Source Guitars“ gegründet hatten. Welche Erfahrungen haben Sie von dort mitgenommen?

„Open Source Guitars“ hat auch ganz stark auf Peer Learning und Selbstständigkeit gesetzt. Ich wollte ein größeres Kompetenzspektrum auffächern, als ich selbst es abdecken kann. Wenn man Projekte kreiert, bei denen viele verschiedene Dinge gefordert werden, dann passiert da sehr viel. In Freiburg möchte ich nun zusätzlich stilungebundene Formate entwickeln. Das Konzept Gitarre soll weiter gedacht werden, auch mit experimentellen Instrumenten.

Welche Rolle spielen dabei neue Kompositionen, neue Arrangements?

Arrangement für den Unterricht spielt schon im Konzept von Andreas Doerne und  Stefan Goeritz eine große Rolle. Für mich ist außerdem die Zusammenarbeit mit dem Institut für Neue Musik im Haus sehr wichtig. Der Leiter des Instituts und Professor für Komposition, Johannes Schöllhorn, ist ja auch ein relativ neuer Kollege, in Freiburg herrscht mit den vielen neu besetzten Stellen ohnehin ein tolles Klima gerade, eine echte Aufbruchstimmung. Auch freie Improvisation und eigene Autorenschaft mit experimentellen Instrumenten finde ich ganz wichtig.

Welche Erkenntnisse für den Unterricht haben Sie aus der Corona-Zeit gewonnen?

Das Krisenmanagement ist ja auch ein Veränderungsmanagement. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass es bei bestimmten instruktiven Aspekten des Unterrichts – etwas vorzuspielen, etwas zu kommentieren, Fertigkeiten weiterzugeben – online durchaus Vorteile gibt. Man kann mit mehreren Kameras arbeiten, kann Dinge vorbereiten, die sich die Studierenden mehrmals in der Woche anschauen können… Andererseits ist dieser Anteil ja nicht unbedingt das Einzige oder das Wichtigste. Für ganz vieles, was bei den Studierenden nach dem Unterricht Fragen aufwirft und woran man in der Woche arbeiten muss, ist es gar nicht so gut, wenn man diese Stunde permanent wieder abspielen kann. Da treten bestimmte Dinge in den Vordergrund und andere wichtige in den Hintergrund. Wir werden in der kommenden Zeit noch einen ganz grundlegenden Blick auf das legen, was Unterricht eigentlich ist. Wir müssen aufpassen, damit die neuen Möglichkeiten nicht die Inhalte dominieren. Ich bin kein Verfechter davon, dass wir es so machen müssen, wie es immer war. Aber es ist auch bei den neuen Möglichkeiten unsere Aufgabe, einen kritischen Blick zu bewahren.

Postpandemische Zeit

Müssen die Hochschulen neue Inhalte entwickeln für die postpandemische Zeit?

Das treibt mich sehr um nach einer langen Hochschullehrerlaufbahn: Ob und wie wir der nächsten Generation helfen können, bei all dem, was an Veränderungen stattfindet. Und vielleicht auch schon stattgefunden hat, ohne dass wir es uns so angesehen hätten, wie wir es hätten tun sollen. Aber es gibt eine positive Grundtendenz in dem Sinne, dass wir mit der Nase darauf gestoßen wurden, was alles zu tun ist. Insgesamt ist es ja so, dass sich die jungen Leute Gedanken darüber machen müssen, wie ihr Beruf einmal aussehen wird. Die Umwälzungen sind so dynamisch. Ich weiß nicht, ob wir neue Inhalte entwickeln müssen. Ich denke, wir müssen uns öffnen, müssen mehr weiße Felder haben, wo Dinge passieren können, die wir nicht inhaltlich steuern, aber begleiten. Ganz wichtig ist es dabei auch, Kooperationen mit anderen Partnern zu suchen. Da können sich neue Felder aufspannen. Nur aus sich selbst heraus, aus einer Institution, die so spezialisiert ist wie eine Musikhochschule, viel Innovation hervorzubringen, ist wirklich schwierig.

Haben Sie den Eindruck, dass die Studierenden stärker über ihre künftige Rolle nachdenken?

Ich spüre das nicht und erinnere mich auch an mein Studium: Da habe ich mir kaum Gedanken gemacht und habe es einfach genossen, im Moment, in der Kunst zu sein. Die Gedanken muss ich mir jetzt als Lehrer machen. Idealerweise reagieren wir als Hochschule nicht nur auf sich verändernde Situationen, sondern machen Angebote, versuchen etwas dazu beizutragen, indem wir Inhalte entwickeln, die zukünftig vielleicht eine Rolle spielen könnten. Man sollte sich dabei nicht überschätzen, aber man darf als Hochschule auch nicht von vornherein resignieren.

Haben sich aus dem Festival, das wir eingangs erwähnten, vielleicht neue, zukunftsträchtige Formate ergeben?

Da waren sehr avancierte Programmpunkte dabei von Künstlern wie Phileas Baun aus Basel oder der neuen Gitarrenprofessorin in Trossingen, Jinhee Kim, die solche Formate bereits weiterentwickelt haben. Die Studierenden aber muss man in einen Prozess einbinden mit dem Angebot: Ihr habt hier die Bühne für euch, habt die Aufmerksamkeit des Publikums, habt euer Repertoire … Aber diese 200 Jahre alte Aufführungstradition eines Paganini, die ist nicht die einzig mögliche. Was fällt euch da noch anderes ein, was fällt uns ein? Das muss auch nicht dauernd toll sein. Dafür ist ja Hochschule auch da, dass man Dinge einfach im geschützten Rahmen ausprobiert.

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