Das Label, bei dem nichts vergriffen ist

Robert von Bahr über seine Firmenphilosophie und sein Label BIS Records


(nmz) -
Vor mehr als 40 Jahren gründete Robert von Bahr (Jg. 1943) in seiner Heimat Schweden das Label BIS Records. Er leitet es bis heute. Rund zweieinhalbtausend Einspielungen sind im Lauf der Zeit zusammengekommen – und jede der Scheiben ist erhältlich. Im Interview mit Burkhard Schäfer erklärt der fließend Deutsch sprechende Schwede, was ihn antreibt. Und das ist nicht das Geld.
Ein Artikel von Burkhard Schäfer, Robert von Bahr

neue musikzeitung: Herr von Bahr, wie fing alles an?

Robert von Bahr: BIS gibt es seit 1973. Ich war damals mit einer Flötistin verheiratet, von deren Begabung ich so überzeugt war, dass ich in Schweden verschiedene Plattenfirmen zwecks einer Aufnahme anschrieb. Keiner antwortete mir zuerst darauf. Erst als ich ein Masterband verschickte – mit den Werken, die ich für diese Platte vorgesehen hatte – bekam ich Antwort. Aber alle lehnten ab und begründeten dies unterschiedlich: Klassik, eine unbekannte Künstlerin und dann auch noch moderne Musik. Das ging für sie alles gar nicht. Zum Schluss konnte ich dann doch ein Label dazu überreden, die Platte herauszubringen. Allerdings unter der Bedingung, dass die Firma das Band frei und gratis – mit den von mir bezahlten Musikern – bekam. Text, Bild und alles drum herum erhielten sie von mir umsonst oder finanziert. Der Deal war dann, dass wir 500 Stück abnehmen sollten. Die Platte wurde extrem beliebt und mehrere Tausend davon verkauften sich. Anschließend kam das Label wieder auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht noch eine weitere Platte mit ihnen machen will. Ich sagte zu – und so fing das Ganze an.

nmz: Sind Sie ein ausgebildeter Tonmeister?

von Bahr: Nein, ich bin diesbezüglich Autodidakt. Aber ich hatte bereits seit Ewigkeiten als Archiv-Einspieler für die Stockholmer Philharmonie gearbeitet und brachte von daher ein sehr erfahrenes Gehör mit.

nmz: Wie ist der Label-Name BIS entstanden?

von Bahr: Das geht auf unsere Familiengeschichte zurück. Den Namen habe ich von meinem Großvater. Meine Mutter war Primaballerina bei der finnischen Oper, ihr Vater war Cellist in der Helsinki Philharmonie und sein Vater wiederum ein Komponist – dabei ein sehr gefürchteter Musikkritiker. Er verwendete als Namenssignatur das Kürzel BIS. Damit unterzeichnete er seine Rezensionen. Mit Biss geschrieben hat er übrigens auch (lacht). BIS ist kurz, prägnant und international leicht auszusprechen.

nmz: Vor der CD-Ära haben Sie schon LPs produziert. Bis wann?

von Bahr: Ungefähr bis 1985. Mit CDs fingen wir ziemlich vom ersten Tag ihrer technischen Machbarkeit an. Unsere CD-Premiere war im Jahr 1983. BIS war folglich auch das erste Label auf der Welt, das von Schallplatten völlig auf CDs umgestiegen ist. Heute ist BIS in Schweden konkurrenzlos. Wir waren die Ersten, die auf SACD umgestiegen sind, seit 2006 machen wir quasi alles in Super-Audio-Qualität.

nmz: Was ist die Besonderheit Ihres Labels? Gibt es ein Alleinstellungsmerkmal?

von Bahr: Den ganzen Bestand, den wir aufgenommen haben, gibt es auf CDs und auf Lager. Es ist nichts vergriffen. Alles wird vorgehalten, kein einziger Titel aus dem Programm gestrichen.

nmz: Aber das ist doch sicher nicht rentabel, oder?

von Bahr: Nein. Oder besser Jein. Denn man kann nicht alles mit Geld aufwiegen. Es hat für mich auch mit anderen Werten zu tun, damit, wie man eine Firma führt. Wenn ich von den alten Aufnahmen gleich 100 Stück pressen muss, aber in der Folge pro Jahr nur zwei Stück davon verkaufe, ist das aus dem rein betriebswirtschaftlichen Aspekt heraus keine so gute Idee. Aber es gibt andere Maßstäbe. Zum Beispiel den Good Will – bei den Komponisten, den Künstlern und vor allem bei den Geschäften und Endkunden. Die wissen, dass wir das einzige Label sind, wo man zu jeder Zeit alles bestellen und bekommen kann. Und zwar direkt. Das gibt uns in der Branche einen sehr guten Ruf. Darauf kann man keinen Eins-zu-Eins Geldwert setzen. Ich bin aber froh, wenn jemand solch eine alte Aufnahme haben möchte und sie dann von uns auch zuverlässig bekommen kann. Und: Nach 20 Jahren BIS waren immer noch mehr als die Hälfte unserer CDs Weltersteinspielungen.

nmz: Lassen Sie uns über Ihr Flaggschiff, die riesige Sibelius-Edition, sprechen. Die ist ja als einzige komplett, oder?

von Bahr: Sibelius ist wahrscheinlich die Musik, von der wir am meisten aufgenommen haben. Davon haben wir wirklich alles im Programm. Wenn er zwei Noten auf Toilettenpapier notiert hat, dann haben wir das eingespielt (lacht). Und das andere Flaggschiff dürften die Bach-Kantaten mit dem Bach Collegium Japan unter Masaaki Suzuki sein. Die Sibelius-Aufnahmen interessieren auch mich besonders. Mein Großvater, der Cellist, hat Sibelius-Stücke uraufgeführt. Sein Vater hat ebenfalls Werke von Sibelius uraufgeführt und war auch Sibelius’ Verleger, das heißt, er hatte den Komponisten in seinem Verlag. Und dessen Vater wiederum war Sibelius’ Instrumentenmacher. Hinzu kommt, dass meine Mutter für Sibelius getanzt hat. Sie sehen: Ich entkomme diesem Komponisten nicht (lacht).

nmz: Das nennt man dann wohl „erblich vorbelastet“ …

von Bahr: Wir haben tatsächlich ziemlich gute Verbindungen zu Sibelius gehabt und so war es ganz natürlich, dass ich mich so ausführlich mit seiner Musik beschäftige – bis hin zur Gesamteinspielung seiner Werke.

nmz: Welche Projekte würden Sie denn gerne noch realisieren?

von Bahr: Es gibt da zwei Werke, die ich noch gerne machen würde, wenn ich dafür das Geld zusammenbekomme: einmal – aus persönlichen Gründen – das „War Requiem“ von Benjamin Britten. Dabei habe ich meine erste Frau kennengelernt und ich finde das Requiem einfach fantastisch. Zum zweiten die „Lukas-Passion“ von Krzysztof Penderecki – ein unglaubliches Werk! Wenn es eine Surround-Aufnahme wird und die vier Chöre an vier verschiedenen Stellen stehen – was für eine wunderbare Vorstellung für eine SACD! Die beiden Werke hätte ich noch gerne im Repertoire. Und  nicht zu vergessen, auch das Requiem von György Ligeti, dessen Uraufführung ich miterlebt habe.

nmz: Die physische CD oder SACD ist das eine – das andere ist der ganze Online-Bereich. Wie steht BIS dazu?

von Bahr: Downloading ist rentabel, wird aber immer weniger wichtig. Die Zukunft gehört dem Streaming – leider! Die Labels verdienen daran kaum etwas. Wir haben aber leider keine Wahl, wir sind quasi gezwungen, da mitzumachen, sonst geht es mit einem bergab. Ich kenne nur ein Label, das sich dem verweigert: Hyperion Records aus England – eine tolle Firma! Ich begreife nicht, wie die das schaffen. Jetzt frage ich Sie mal was: Was, denken Sie, verdiene ich, wenn jemand auf Spotify eine 40-minütige Sinfonie von Allan Pettersson einmal streamt?

nmz: Vielleicht einen Cent?

von Bahr: Da würde ich fast reich (lacht). Nein, ich bekomme weniger als 0,1 Cent.

nmz: Für eine ganze Sinfonie? 

von Bahr: Es spielt überhaupt keine Rolle, ob es dreißig Sekunden oder vierzig Minuten sind. Das macht gar keinen Unterschied. Aber ich habe keine andere Wahl und muss dabei mitmachen.

nmz: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Vor allem in Hinblick auf die SACD-Ausrichtung?

von Bahr: Wir sind das größte Label auf der Welt für SACDs und es gibt immer Leute, für die Sound und Klang von großer Wichtigkeit sind. Diese Hörer besitzen eine teure Surround-Anlage zuhause – und wollen entsprechend gute Tonträger. Die kosten zwar mehr bei der Aufnahme und Herstellung, aber diese Kosten schlucke ich. Denn wir kriegen dafür Good Will – und das ist und bleibt mir wichtig.
nmz: Herr von Bahr, danke dafür. Sie haben jetzt noch das Schlusswort. Nochmals: Was ist BIS?

von Bahr: Die Kunden wissen, dass wir als Label nichts veröffentlichen, was nicht der Top-Klasse entspricht und so geben sie auch neuen, unbekannten Künstlern oder Komponisten eine Chance. Ich führe das Label nicht des Geldes wegen.

Ich habe eine gewisse kaufmännische Begabung und die könnte ich, wenn ich sie nur für den Profit nutzen wollte, besser anbringen als mit einem CD-Label. Doch es gibt so viel gute Musik, die sonst keine Chance hat. Und es gibt viele herausragende Künstler, denen auch keine Chance gegeben wird: Christian Poltéra, Christian Lindberg, Jewgeni Sudbin und viele andere. Wenn man mit solchen Künstlern arbeiten kann, ist das für mich eine persönliche Befriedigung.

Ich möchte deshalb mein Leben dafür nutzen.

Die Fragen stellte Burkhard Schäfer 

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