Den Druck aus der Pflege nehmen

Würzburger Musiktherapeuten wollen Lebensqualität bei Demenz steigern


(nmz) -
Man kann beieinandersitzen und im Fotoalbum blättern. Erzählen. Oder singen. All das wirkt zum einen beruhigend, zum anderen aktivierend auf Menschen mit Demenz. Eine noch stärkere Wirkung entfaltet sich, wird gemeinsam „situativ“ gesungen oder erzählt: Mit Bewegung. Und Berührung. Wie stark diese Wirkung ist, darum geht es in der Studie „Homeside“, die seit Herbst 2019 in fünf Ländern läuft. Der deutsche Projektstandort befindet sich an der Hochschule in Würzburg. Projektleiter ist Thomas Wosch.
Ein Artikel von Pat Christ

„Homeside“ hilft, einen neuen Weg zu entdecken, das Zusammensein mit einem demenziell veränderten Menschen gut zu gestalten. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass häusliche Pflege oft sehr stark belastet. Das bizarre Verhalten des an Demenz Erkrankten hält auf Trab. Die demenziell bedingte Vergesslichkeit zerrt an den Nerven. Auch kommen die Angehörigen kaum noch aus dem Haus. In der randomisiert kontrollierten Wirkungsstudie „Homeside“ wollen Forscher aus Würzburg, Melbourne, Cambridge, Oslo und Krakau herausfinden, ob es mit situativ eingesetzter Musik oder mit situativem Lesen gelingt, die Lebensqualität zu steigern. Und welche der beiden Methoden besser wirkt.

Die EU ist Geldgeber der Studie, die noch bis Sommer 2022 läuft. Außerdem wird sie vom Bundesbildungsministerium gefördert. Das 13-köpfige Würzburger Team besteht unter anderem aus Musiktherapeuten, Psychologen und Gesundheitsökonomen. Laura Blauth leitet die Versuche. Pandemiebedingt wird die Studie seit Herbst letzten Jahres via Videokonferenz durchgeführt. Ursprünglich waren Hausbesuche geplant gewesen. „Doch damit die Ergebnisse valide sind, kann nur eine Möglichkeit in allen fünf Ländern akzeptiert werden, entweder persönlich vor Ort oder via Video“, so Thomas Wosch. Wegen der permanenten Lockdown-Gefahr einigte man sich auf die Online-Variante.

Weites Betätigungsfeld

Die Studie erfüllt ein Desiderat der Forschung: Bisher ist nicht bekannt, inwiefern und wie gut Musiktherapie bei der häuslichen Pflege demenziell veränderter Personen hilft. Stellt sich eine positive Wirkung heraus, würde sich Musiktherapeuten ein weites Betätigungsfeld eröffnen. Aktuell kümmern sich Wosch zufolge in Deutschland 1,3 Millionen Angehörige um Menschen mit Demenz. Möglicherweise profitieren diese stark von jenen Experten, wie sie der Professor für Musiktherapie im Masterstudiengang „Musiktherapie für Empowerment und Inklusion“ ausbildet. Die neuen Studierenden, die im Oktober eingestiegen sind, befassen sich darum mit Erkenntnissen aus „Homeside“.

Kaum ein alter Mensch, der mit Künsten gar nichts am Hut hätte. Viele Senioren lieben es, zu singen. Viele hören gerne Gedichte. Oder Märchen. Dieser Umstand macht das Projekt so relevant. Um die 60 pflegende Angehörige sind aktuell in die Studie integriert. Ein Drittel wird zum situativen Singen, ein Drittel zu situativem Lesen angeleitet. Ein Drittel dient als Kontrollgruppe: Diese Angehörigen tun, was sie bisher getan haben. Sie gehen zum Beispiel zur Physiotherapie. Oder in eine Demenzgruppe. Untersucht werden sie nach genau demselben Schema wie die beiden Interventionsgruppen. Nach Abschluss der Studie bekommen auch sie als Belohnung eine musiktherapeutische Intervention.

Dass das Projekt nun über den Computerbildschirm stattfindet, hat sich bisher als nicht nachteilig erwiesen. Im Vorfeld allerdings war die Skepsis groß gewesen, berichtet Interventionskoordinatorin Carina Petrowitz: „Zu Beginn hatte ich das für unmöglich gehalten.“

Virtuelle Interventionen

Doch die Anleitung der Angehörigen, hat sich inzwischen vielfach bestätigt, funktioniert auch via Internet gut. Die zweistündigen virtuellen Interventionen bringen nach Petrowitz’ Erkenntnissen sogar zusätzliche positive Effekte: Die Pflegenden sind stolz, technische Herausforderung gemeistert zu haben. Und um Stolz und Zufriedenheit aufgrund von Kompetenzzuwachs geht es ja in der Studie „Homeside“.

Die Würzburger Forscher beschäftigen sich nicht nur intensiv mit der Frage, ob Musik oder Literatur, wird sie gemeinsam ganzheitlich erlebt, die Lebensqualität steigern kann. Sie untersuchen außerdem ökonomische Aspekte: Lassen sich zum Beispiel Medikamente, Arztbesuche oder Klinikaufenthalte reduzieren, wenn Musik oder Literatur gemeinsam mit allen Sinnen erfahren wird? „Erste Eindrücke weisen darauf hin“, sagt Wosch. Zurückzuführen scheint der Effekt darauf, dass die Zufriedenheit der Angehörigen und der Demenzkranken durch den Einbezug von Künsten steigt. Außerdem verbessert sich offenbar die Beziehungsqualität. Beides vermag, Pflege-Burnout zu verhindern.

Viele Angehörige gehen aus dem Bauch heraus bereits gut und wertschätzend mit demenziell veränderten Senioren um. Das wird im Projekt auch nicht außer acht gelassen. Ziel ist eine Erweiterung der vorhandenen Kompetenzen. Und es geht darum, zu reflektieren, warum das, was man bisher intuitiv getan hat, funktioniert. Oder manchmal auch nicht. Holt es den demenziell veränderten Menschen aus seiner Inaktivität heraus? Oder vermag es, seine Übererregung zu dämpfen? Jedes Paar ist für ein halbes Jahr in die Studie integriert. Innerhalb von drei Monaten gibt es drei Online-Interventionen von jeweils zwei Stunden. Alle zwei Wochen werden Fragen per Telefon beantwortet.

Antennen für Bedürfnisse

Menschen, die jenseits der neunzig sind, haben in aller Regel mit einem ganzen Bündel an Krankheiten zu tun. Auch das wird in der Studie berücksichtigt. „Die Altersspanne der Menschen mit Demenz geht in ‚Homeside‘ aktuell von 50 bis 92 Jahre“, so Wosch. Bei Senioren über 80 kommen zur Demenz oft noch Bewegungseinschränkungen. Dann kann natürlich nicht gemeinsam im Raum getanzt werden. Wosch: „Bewegungen im Sitzen sind jedoch oft noch möglich“ Die pflegenden Angehörigen sollen mindestens wöchentlich situativ musizieren oder lesen. Sie führen darüber Tagebücher und kennzeichnen durch Ankreuzen und Smileys, was sie auf welche Weise getan haben. Im besten Fall bildet sich allmählich eine Antenne für die Bedürfnisse des demenziell veränderten Ehegatten, des altersverwirrten Vaters oder der Mutter heraus. Es werden Lieder entdeckt, die der Mensch mit Demenz einst gern sang. Oder die er mit schönen Erlebnissen verknüpft. Etwa mit einem tollen Urlaub.

 

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