Den Weg frei machen für das Neue

Das ganze Leben ist Übung: Ein Tagungsbericht vom Klavierpädagogischen Forum in Halle


(nmz) -

Professor Marco de Almeida begrüßte die teilweise weit angereisten Teilnehmer der bereits etablierten jährlichen Veranstaltung des Instituts für Klaviermethodik der Universität Halle-Wittenberg und des Vereins Pro Musica –unter ihnen zahlreiche Studenten. Mit einigen Worten zu Inhalt und Organisation des Tages bekundete er seinen Dank an die Mitarbeiter und seine Freude über die rege Teilnahme und damit die gute Akzeptanz der Veranstaltung. Mit einem Zitat von Arnold Schönberg „…der Lehrer muss den Mut haben, sich zu blamieren. Er muss sich nicht als der Unfehlbare zeigen, der alles weiß und nie irrt, sondern als der Unermüdliche, der immer sucht und vielleicht manchmal findet“, eröffnete er den inhaltlichen Teil der Veranstaltung, der dieses Mal mit sehr unterschiedlichen Beiträgen dem Klavierpädagogen neue Denk- und Handlungsansätze bot.

Ein Artikel von Ruth-Iris Frey-Samlowski

Rudolf Kratzert bekam reichlich Zeit, sein neu erschienenes Buch „Technik des Klavierspiels – ein Handbuch für Pianisten“ vorzustellen. Zunächst schilderte er, wie wenig Zeit ihm für ein solch wichtiges Werk vom Verlag zur Verfügung stand: er bekam nur eineinhalb Jahre Zeit, seine jahrzehntelange geistige Vorarbeit und Erfahrung zusammenzufassen. Eine ausführliche Einführung zu seiner Person, seinem Werdegang und seinen grundlegenden Gedanken bildete den Schwerpunkt seines Vortrages. Er schilderte auch die vielen Probleme, die das Schreiben eines solchen Buches mit sich brachte, bevor er dann noch kurz dem Zuhörer einige Gedanken zum Inhalt seines Buches mit auf den Weg gab: In Anlehnung an die Alexandertechnik herrsche in diesem Buch das Prinzip des Experiments: „Das ganze Leben ist Übung“ mit dem Ziel „von selbst heranzugehen“, denn Gewohntes stehe meist dem Erlernen von Neuem im Weg. So stehe die Erfahrung, weil sie mit Erinnerung gekoppelt ist, oft der neuen Erfahrung und der dafür nötigen Offenheit im Weg. Ziel des Buches sei es, mit einer praktischen – nicht etwa theoretischen – Systematik Lösungsvorschläge ähnlich einer verständlichen Gebrauchsanweisung zu geben. Die fünf Hauptteile des Buches definierte er sodann wie folgt: I. „Einleitende Betrachtungen“ mit Hinweisen für den Benutzer; II. „Funktionelles Denken vor aller Pianistik“; III. „Die pianistische Technik“ hingegen gehe dann ins Detail, während sich in den Teilen IV. „Die Technik des Klavierübens“ und V. „Die Technik des pianistischen Vortrags“ kleine Essays aneinander reihten.

Gesangliches Spiel

Professor Sigrid Lehmstedt zeichnete in ihrem Vortrag zunächst sehr ausführlich den Lebenslauf von Friedrich Wieck nach. Sie beleuchtete sodann seine eigene musikalische Ausbildung und formulierte ausführlich seine „Prinzipien für den Anfangsunterricht“. Hier betonte sie, dass sich Wieck in seinen Ansichten zum Klavierunterricht erheblich von seinen Zeitgenossen unterschied. Als seine Prinzipien zum Anfängerunterricht stellte sie heraus: Ausbildung des Gehörs, Spiel nach Gehör, Spielen von Übungen, die vom Schüler selbst erfunden wurden, frühes Transponieren, Kennenlernen der Klangmöglichkeiten des Klaviers, Orientierung über schwarze und weiße Tasten und Übungen zur Entwicklung des Rhythmus. Dann widmete sie sich den nach dem Tode des Vaters von der Tochter Marie Wieck im Peters Verlag und vom Sohn Alwin Wieck bei Simrock herausgegebenen Materialien von Friedrich Wieck. Während Marie die Übungen progressiv nicht geordnet und auch Übungen von ihr selbst und anderen hinzugefügt hatte, beteuerte Alwin, dass er nur die Skizzen seines Vaters mit Hilfe seiner Schwester Clara geordnet und in einem praktischen und einem theoretischen Teil veröffentlicht hätte.

Die Referentin stellte im weiteren Verlauf Ihres Vortrages einige dieser Übungen zu Themenkomplexen wie Lagenspiel, ablösende Hände, übergreifende Arme, Skalen, Chromatik, Terzen, Sexten, Oktaven, Arpeggien, Akkorde, Repetition und Ornamentik bei Marie und Alwin Wieck kontrastiv gegenüber, ließ den Zuhörer die Notentexte per Overheadfolie mitlesen, zeigte die praktische Umsetzung anhand von Schülervideos in Vorspielsituationen und kommentierte die Übungen und Videos dezent.

Diskussion: „Basistechnik“

Die Organisatoren hatten in der Zeiteinteilung für das Klavierpädagogische Forum viel Zeit für kleine Diskussionen und für Gespräche in kleinen Runden ermöglicht und eine Podiumsdiskussion zum Thema „Basistechnik“ in den Mittelpunkt gestellt.
Auf das Podium geladen waren Prof. Sigrid Lehmstedt, Prof. Elgin Roth, Rudolf Kratzert sowie Gerhard Herrgott. Moderiert wurde die Diskussion durch Prof. Marco Almeida. Vor dem Hintergrund eines persönlichen Statements beleuchtete jeder der geladenen Diskutanten das Thema jeweils aus sehr persönlicher Sicht.
Fantasie im Anfangsunterricht

Lájos Papp war mit seiner „Präsentation meiner klavierpädagogischen Werke (Anfangsunterricht)“ der dritte Referent. Sein erfrischend lebendiger Vortrag begann mit einem Appell an die Pädagogen, mit dem Unterrichtsmaterial kreativ umzugehen und mit den Kindern viel zu singen, wie es Kodály schon empfohlen hatte. Die Stimme sei das Instrument im Menschen und immer dabei. Kinderlieder seien überall ähnlich, Kind sei Kind und damit Mensch.

Die Problematik unter den Menschen entstünde dann mit dem Erwachsensein, mit dem Bewusstsein der Nationalitätszugehörigkeit. Zum Vorstellen des umfangreichen Papp’-
schen Werkes reichte hier nicht die Zeit. So ging er kurz auf seine Klavierschule ein und erläuterte die farbige Notation, die in Band eins bis zum Spielstück No. 35 eingehalten wird. Des Weiteren stellte er eines seiner neuesten Werke vor: „Der himmlische Baum“.
Nachdem er dieses uralte Märchen inhaltlich erläutert hatte, erklärte er, dass bei den Kindern über den Märchentext die Klangvorstellung und die Fantasie angeregt würden, um Klangreichtum zu erzeugen. Er spielte sein Werk am Flügel Stück um Stück selbst vor und erklärte, wo und wodurch die Klangvorstellung besonders angeregt werde und wie auch unterschiedliche Anschlagsarten hier über den Text verlangt und vom Kind liebend gern umgesetzt würden. Ähnlich verhalte es sich mit der Geschichte vom Räuber Hotzenplotz, die er als zweites, ähnliches Werk erklärte und teilweise vorspielte.

Alexandertechnik als Basis

Den Schluss des Klavierpädagogischen Forums bestritt wiederum Rudolf Kratzert, der noch eine Einführung in die Alexandertechnik als Basistechnik für Berufsmusiker vortrug – zum einen, um dem interessierten Zuhörer einen Einblick in die Einheit von Alexandertechnik und Musizieren zu vermitteln und zum anderen, um seinen Workshop am nächsten Tag vorzubereiten.

Seine Ziele seien hier, so der Referent, dem suchenden Menschen (zum Beispiel dem erkrankten Musiker) einerseits zu zeigen, wo ein „gewohnheitsmäßiger fehlerhafter Selbstgebrauch besteht“ und andererseits zu zeigen, wie „manuelle Stimuli und verbale Anweisungen“ bei ihrer genauer Befolgung zu einem „immer besser werdenden Gebrauch von sich selbst“ (das heißt des betroffenen Musikers) führen.

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