Denken in Tönen

Zum Tod des Komponisten Wolfgang Hufschmidt


(nmz) -
Die Erkenntnis, dass Musik nicht nur tönend bewegte Form, sondern auch inhaltlich geprägt ist, war für Wolfgang Hufschmidt grundlegend. Immer wieder umkreiste sein musikalisches Denken das Verhältnis von Struktur und Semantik. Vielen seiner Werke liegen Texte zugrunde, die er aber nie bloß vertonte, sondern immer kritisch betrachtete.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Beispielhaft geschah dies in seinem „Meiss­ner Tedeum“, einem polystilistischen Werk, das zur 1.000-Jahr-Feier des Meißner Doms entstand. Dem Gotteslob in Luthers Übersetzung stehen jeweils Worte des Zweifels, verfasst von Günter Grass, gegenüber. Der antiphonal auskomponierte Kontrast bleibt bis zum Schluss, wenn auf das chorische „Amen“ das Gegen-Ensemble mit der Negation, der Umkehrung antwortet: „Nema“ – Niemand.

Hufschmidts im Mai 1968 unter abenteuerlichen Bedingungen im Meißner Dom uraufgeführtes „Tedeum“  war zugleich eine Reaktion auf die zuvor in Münster uraufgeführte „Lukas-Passion“ Krzysztof Pendereckis. Dieser unterrichtete 1966–68 Komposition an derselben Essener Folkwang-Hochschule, wo Hufschmidt ab 1968  als Dozent für Musiktheorie, ab 1971 als Professor für Komposition wirkte. An dieser Hochschule hatte er selbst von 1954 bis 1958 bei Siegfried Reda Kirchenmusik und Komposition studiert. Schon als Kirchenmusiker schuf Hufschmidt Werke, die den liturgischen Rahmen sprengen. So konzipierte er 1961 eine Oper „Die Nase“ nach Gogol und vertonte 1963 erstmals Gedichte von Bertolt Brecht.

Auch seinen Musiktheorie-Unterricht legte Hufschmidt unorthodox an als ein Denken in Tönen, in das er Analysen zeitgenössischer Musik einbezog. Er war ein begnadeter Lehrer, der die Studenten für seine Ideen begeis­tern konnte. Aus einer dreisemestrigen Analyse-Veranstaltung „Sprache und Musik – Musik als Sprache“ entstand das Buch „Willst du zu meinen Liedern meine Leier drehn?“, in dem Hufschmidt die Semantik der musikalischen Sprache in Schuberts „Winterreise“ und im „Hollywooder Liederbuch“ Hanns Eislers miteinander verglich. An Eisler, auf dessen „Johann Faustus“ er 1977 bei den Ruhrfestspielen stieß, faszinierte ihn nicht zuletzt dessen Forderung, neues musikalisches Material mit neuen Inhalten zu verbinden.

Der Schönberg-Schüler Eisler hatte eng mit Bert Brecht zusammengearbeitet. Auf Brecht-Texten basiert auch die Komposition „We shall overcome“ für Sprecher, Sänger, Chorgruppen und Instrumente (1984), die Hufschmidt in Erinnerung an die Bonner Friedensdemonstration vom Oktober 1981 schuf. Ebenso auf eine Idee Brechts ging sein großes multimediales, zusammen mit dem Dokumentarfilmer Klaus Armbruster erarbeitetes „RUHRWERK“ zurück, das 1998 in der Jahrhunderthalle Bochum uraufgeführt wurde. Das „Hohelied der Arbeit“, das der junge Brecht noch im Blick hatte, verwandelte sich nun zu einem Abgesang auf diese einst von Kohle und Stahl geprägte Industrieregion.

In eben jenem Jahr 1927, als Brecht und Weill ihr „Ruhrepos“ konzipierten, hatten in Essen der Bühnenbildner Hein Heckroth, der Choreo­graph Kurt Jooss und der Operndirektor Rudolf Schulz-Dornberg die Folkwangschule für Musik, Tanz und Sprechen gegründet. Die dahinterstehende Idee einer fruchtbaren Verbindung der Künste hat für Wolfgang Hufschmidt nicht nur im „RUHRWERK“ weiterentwickelt. Von 1988 bis 1996 war er Rektor dieser Hochschule, von 1994 bis 2009 zudem Präsident der neugegründeten Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft. Er übernahm diese Aufgabe auch deshalb, weil er sich verpflichtet sah, die Wiedervereinigung des geteilten Deutschland auch im Bereich der Kultur zu verwirklichen.

Wie das Schaffen von Klaus Huber und Dieter Schnebel wurzelt das von Wolfgang Hufschmidt in einem politisch engagierten Christentum. Liegt es an der unbequemen Komplexität und dem hohen Grad epischer Verfremdung seiner Werke, dass sie im Musikleben bislang nicht die verdiente Aufmerksamkeit erhielten? Der Komponist – zuletzt 2015 mit dem Verdienstorden des Landes Nord­rhein-Westfalen ausgezeichnet – ist am 18. Juli im Alter von 84 Jahren gestorben. 

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