Der Bettelbrief zum „Battle Piece“

Stefan Wolpe Festival und Symposium in Freiburg


(nmz) -

Was macht einen zwischenzeitlich in Deutschland so gründlich vergessenen Komponisten wie Stefan Wolpe heute interessant? Ist es jener Joschka-Effekt, der zur Zeit das hiesige politische Klima bestimmt?

Ein Artikel von Michael Zwenzner

Was macht einen zwischenzeitlich in Deutschland so gründlich vergessenen Komponisten wie Stefan Wolpe heute interessant? Ist es jener Joschka-Effekt, der zur Zeit das hiesige politische Klima bestimmt?E in Text wie folgender, von Wolpe vertont, evoziert jedenfalls Bilder von anno dazumal: „Aufruhr ist, wenn du auf der Straße bist, und es rückt die Polizei in Stärke einer Hundertschaft herbei […], und wenn sie sich schließlich vor dich pflanzt, und der Gummiknüppel dir den Buckel umtanzt und wenn du dazu nicht stille bist, sondern schimpfst, […] und dabei den Untertan vergisst – Mensch, dann weißt du, was Aufruhr ist!“

Doch nicht das Frankfurt der späten 60er-Jahre ist gemeint. Die Worte stammen von Walter Weh, Arbeiterdichter im Berlin der 20er-Jahre. Berlin, das war auch Heimat des neben Hanns Eisler wichtigsten deutschen Arbeitermusikkomponisten Stefan Wolpe. Und da die Widerständigen im Land der Untertanen noch nie sonderlich beliebt waren, hat man ihn eben gründlich vergessen, diesen Wolpe. Dies, nachdem er 1933 ins Exil gezwungen wurde, um in Jerusalem und New York in erlittener „dauernder Doppelheit der Zunge“ (Wolpe) und fast lebenslang materiell und zuletzt auch gesundheitlich prekärer Lage auszuharren. Dabei hatte er in den 50er-Jahren durchaus versucht, wieder in Deutschland Fuß zu fassen, um – so seine Tochter – „etwas zu reparieren, was zerbrochen wurde“. Wohlgemerkt: Hier versucht einer in bitterer Verkehrung der Verantwortlichkeiten „wieder gut zu machen“, einer, der von sich behaupten konnte: „Ich bin der, den Ihr nicht umgebracht habt!“

Nicht richtig zugehört

Es waren vor allem die Kranichsteiner Ferienkurse, die Wolpe den Wunsch verspüren ließen, „dazuzugehören“. Der Schöpfer kompositionstechnisch avanciertester Klaviermusik, darunter das grandiose Battle Piece von 1943–47, fühlte sich innerlich genötigt, an den Leiter der Ferienkurse Briefe zu schreiben, deren flehentlicher Unterton vielleicht Bettelbriefen gut anstünde. Immerhin, sie wurden erhört. Man ließ seine Musik aufführen in Darmstadt, man ließ ihn reden. Letzteres jedoch im doppelbödigen Wortsinn: Mehrfach hielt er Vorträge, etwa „Über neue (und nicht ganz so neue) Musik in Amerika“, oder über seine Konzeption einer spatialen Musik. Doch richtig zugehört haben damals allzu wenige, wenn man bedenkt, dass Wolpes Musik hier zu Lande erst im letzten Jahrzehnt einen gewissen Aufschwung erlebte. Dies macht sich bis dato vor allem diskografisch bemerkbar: fast 70 Werke sind auf CD erhältlich. Der nach einem WDR-Festival 1988 in Deutschland zweite groß angelegte Versuch, dem vielschichtigen Schaffen Wolpes zu größerer Öffentlichkeit zu verhelfen, fand nun mit Unterstützung der Wolpe Society (www.wolpe.org) an der Musikhochschule in Freiburg statt. Das dortige Institut für Neue Musik unter Leitung Mathias Spahlingers konnte nach mehr als einjähriger Organisationsarbeit (Martin Bergande) nicht nur mit einer illustren Schar von Wolpe-Forschern und mit der Tochter Wolpes als wichtiger Zeitzeugin aufwarten, sondern neben dem gewohnt souveränen Ensemble SurPlus unter Leitung von James Avery auch zahlreiche Studenten zu insgesamt hochkarätiger künstlerischer Performanz motivieren. Das ist angesichts der großen technischen Schwierigkeiten, die Wolpes Musik Instrumentalisten und Sängern bietet, kaum zu überschätzen. Denn hier gilt es mit schier körperlicher Kraft teils äußerst disparate Bewegungsabläufe zusammenzuzwingen. Ganz zu schweigen von den großen Anforderungen an die Auffassungsgabe bei dieser Art „zerbrochener Musik“ (Martin Zenck).

Nicht nur Wolpes Leben, auch seine Musik ist geprägt von jenen „broken sequences“, zerbrochenen Folgen, die einem seiner Klavierstücke den Titel geben. Die gleichermaßen Kräfte zehrende wie letztlich glückhafte Überwindung größter Widerstände scheinen eine Art poetisches Programm abzugeben für die immer neuen Erkundungen musikalischen Raums. Die Kraft hierfür mag er aus der unüberschaubaren Fülle an Lebens- und Kunsteindrücken gewonnen haben, die er sammelte und in die eigene Arbeit transformierte. Zahlreiche Indizien hierfür ergaben die profunden Vorträge des Symposiums. Anne C. Shreffler etwa wies nach, wie bedeutend der Austausch mit dem experimentellen amerikanischen Dichter Charles Olson für Wolpes kompositorischen Durchbruch war. Den weithin unterschätzten Einfluss Wolpes auf seinen Schüler Morton Feldman untersuchte Felix Meyer. Martin Zenck schließlich wagte die These, dass Nonos Abschied aus Darmstadt wesentlich von Wolpe mitbeeinflusst war, lehnten doch beide die Apolitizität und Ahistorizität serieller Avantgarde mit ihren teils doktrinären Wesenszügen ab.

Zersplitterter Zeitpfeil

Immer wieder fällt in Wolpes Werken seine Zeitgestaltung besonders auf. Erstaunlich ist die unerschöpfliche Vielfalt an Bewegungstypen: Vom ungestümen Vorwärts seiner „Kampfmusiken“ bis zum auskomponierten Stillstand mancher Passagen der hochartifiziellen „Kunstmusik“ Wolpes reicht die Bandbreite musikalischer Energiezustände. Zwischen beiden Extremen begegnet man allen denkbaren Übergängen, Kontrastierungen, Überblendungen: Aus stockenden Bewegungen erwachsen unglaubliche Beschleunigungen, die ebenso schnell im „Off“ verschwinden können.

Es ergibt sich die Anmutung eines kaleidoskopisch zersplitterten Zeitpfeils. Dies in Verbindung mit zumeist ungewöhnlichen Besetzungen (zu den „broken sequences“ kommen sinnigerweise die „broken consorts“). Wolpe liebte neben dem Klavier vor allem die Bläser, deren Parts er entsprechend anspruchsvoll gestaltete, etwa in der äußerst komplexen Oboensonate (großartig Peter Veale) oder in der wunderbar klangsinnlich dargebotenen Suite im Hexachord für Oboe und Klarinette (Rosemary Yiameos, Andrea Nagy). Von den nachhaltigen Eindrücken, die man aus Freiburg mitnehmen konnte, soll hier wenigstens noch die Bearbeitung des Wolpe-Stücks „About the seventh“ durch Johannes Schöllhorn festgehalten werden: Mit immer neuen, sehr sensibel ausgehörten Instrumentierungen gewinnt Schöllhorn aus diesem kleinen zweistimmigen Satz ein knappes Dutzend sehr konzentriert wirkender, von innen heraus leuchtender Miniaturen.

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