Der Glaube an die Macht der Musik

Immer wieder neu: das Festival Young Euro Classic zum zwölften Mal


(nmz) -
Das venezolanische Modell „El Sistema“ macht Schule. Kolumbien hat nach diesem Vorbild 1991 eine eigene Organisation zur Musikerziehung geschaffen, die Batuta Nationalstiftung. Ihr Ausgangspunkt war der Glaube an die Macht der Musik, die Kinder zu Persönlichkeiten entwickeln und ihnen eine Zukunft ermöglichen kann. 47.000 Kinder, vor allem aus sozial schwachen Familien, sind inzwischen in dieses Programm einbezogen, das auf Gruppenunterricht basiert. In 106 Städten Kolumbiens entstanden nicht weniger als 284 Orchesterzentren. Die 80 besten Nachwuchstalente im Alter zwischen 14 und 19 Jahren bilden das Orquesta Sinfónica Juvenil Batuta Bogotá, das auf seiner ersten Europa-Reise nun nach Berlin kam.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Als Musterbeispiel pädagogischer Musik in den besten Traditionen von Bach und Bartók kamen die symphonischen Orchestervariationen „Ramón el Camaleón“ (Ramon, das Chamäleon) des 1961 geborenen Kolumbianers Luis Fernando Franco Duque zur europäischen Erstaufführung. Eine Indio-Melodie wandert dabei in Variationen von wachsendem Schwierigkeitsgrad durch die verschiedenen Instrumentengruppen. Das Engagement und die Perfektion, mit der die oft sehr jungen Musiker dieses abwechslungsreiche Werk bewältigten, überraschten und bewegten. Spürbar trägt dieses Erziehungsmodell Früchte.

Auch das Spiel von Camilo Sánchez, des jungen Solisten des hochvirtuosen Violinkonzerts von Aram Chatschaturjan, berührte, obwohl ihm offenbar kein besonders gutes Instrument zur Verfügung stand. In „La Noche de los Mayas“ des Mexikaners Silvestre Revueltas bewiesen die Jugendlichen, dass sie nicht nur lautstark, sondern auch in kontrolliertem Pianissimo spielen können. Bei der folkloristischen Zugabe rissen sie mit süd-amerikanischen Rhythmen und Tanzeinlagen die Konzertbesucher von ihren Stühlen. Ähnliches hatte man schon zur Festivaleröffnung erlebt, als die oft dunkelhäutigen Mitglieder des brasilianischen Orquestra Juvenil da Bahia nach einer hochseriösen ersten Programmhälfte (Liszt, Chopin) bei vitaleren Stücken ihren eigenen Lebensnerv fanden.

Kulturen verbinden

Das Jugendorchesterfestival Young Euro Classic, das längst seine Beschränkung auf Europa aufgegeben hat, ruhte sich auch in seiner zwölften Saison nicht auf den Lorbeeren aus. In diesem Sommer präsentierte es Musik als Mittel der Völkerverständigung, aber auch als ein Instrument zum sozialen Aufstieg. Dies illustrierten neben den Gastspielen aus Brasilien und Kolumbien sowie des YOA Orchestra of the Americas das für diese Saison gegründete Young Euro Classic Festivalorchester Türkei-Deutschland. Anlässlich des Beginns der Migration aus der Türkei nach Deutschland vor 50 Jahren haben sich hier deutsche Studierende der Folkwang Universität Essen und Musikstudierende aus ganz Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund vereint. Finanziert durch eine Vielzahl von Spenden, geleitet durch den Dirigenten Cem Mansur und moderiert durch die Journalistin Hatice Akyün spielten sie gemeinsam Werke aus beiden Musikkulturen und durften sich wie die Moderatorin sagte, „mal wie Deutsche, mal wie Türken“ fühlen. Zur Uraufführung kamen zwei türkische Auftragswerke, die auf unterschiedliche Weise traditionelle Instrumente einsetzten. Der als Filmmusikkomponist bekannte Oguzhan Balci wollte mit „Istanbul Hatirasi“ (Erinnerungen an Istanbul) Eindrücke eines deutschen Türkeibesuchers wiedergeben. Das Orchester griff dabei Motive der Kanun-Zither, welche die türkische Metropole repräsentierten, farb- und variantenreich auf – eine türkische Version von Gershwins „Amerikaner in Paris“. Der 1979 geborene Atac Sezer, ein Schüler unter anderem von Dieter Schnebel und Matthias Pintscher, stellte in „mirror-reversed“ das Soloinstrument Kemence in einen avantgardistischeren Kontext. Leider stammten wohl nur wenige der Zuhörer, die zum Schluss eine straffe Wiedergabe von Beethovens Erster Symphonie erlebten, aus der Türkei.

Grenzen überschreiten

Schule macht auch das Divan-Orchester Daniel Barenboims, welches durch Musik politische Spannungen und Grenzen zu überschreiten sucht. Um für den Südkaukasus, einer ähnlich brisanten Krisenregion wie Israel, Zeichen zu setzen, entstand für das diesjährige Festival die Young Euro Classic Akademie Südkaukasus, in der jeweils drei junge Künstler aus Georgien, Deutschland, Aserbaidschan und Armenien zusammen musizierten. Flankiert von Mozart, Beethoven und Bartók kamen Werke des Deutschen Hauke Berheide, des Aserbeidschaners Firudin Allahverdi, der Armenierin Narine Khachatryan und des Georgiers Levan Gomelauri zur Uraufführung. Während die Armenierin die Verzweiflungsschreie des 44. Psalms auf die Gegenwart übertrug, verwendete der Georgier eine alte Fabel, die ebenfalls ein resignatives Bild zeichnete.

Eine Krisenregion ist auch das immer noch geteilte Korea, an dessen Landesgrenze Daniel Barenboim kürzlich mit seinem Orchester auftrat. Die an deutschen Hochschulen besonders zahlreichen Musikstudenten aus Südkorea bilden das KOSYM Youth Orchestra, das sich allerdings bei Soloklarinette, Posaune und Fagott fremde Hilfe holen musste. Der von den Bregenzer Festspielen bekannte Dirigent Jong-Hoon Bae steuerte souverän durch das ungleichgewichtige Programm. Dem anspruchsvollen 3. Violinkonzert von Isang Yun (mit der ausgezeichneten Mi-Kyung Lee als Solistin) standen gefällige Orchestrierungen koreanischer Lieder gegen-

über, die an italienische Opernarien erinnerten. Tatsächlich versteht sich Korea als „das Italien Asiens“.  Auch Dmitri Schostakowitsch gab sich in seiner Filmmusik „Die Hornisse“ als Italiener. Das Orchester spielte sie anstelle der ursprünglich angekündigten 5. Symphonie des Russen.

An das vor genau zwanzig Jahren von den Außenministern Deutschlands, Polens und Frankreichs gegründete Weimarer Dreieck erinnerte das Konzert des Polska Orkiestra Sinfonia Iuventus, das unter der präzisen Leitung von Tadeusz Wojciechowski Werke aus den drei Nationen spielte. Schon bei Hindemiths anspruchsvoller Ouvertüre zu „Neues vom Tage“ zeigte es seinen hohen Standard, ebenso bei der Symphonie concertante von Karol Szymanowski mit dem Klaviersolisten Jan Krzysztof Broja und nicht zuletzt in der Symphonie fantastique von Berlioz, einer Herausforderung für jedes Jugendorchester.

Die unermüdliche Festivalchefin Gabriele Minz und Dieter Rexroth, der ideenreiche künstlerische Leiter, begnügen sich nicht mit dem Bekannten. So präsentierte Young Euro Classic in diesem Jahr zum ersten Mal eine Oper. In einer gemeinsamen Produktion des NJO Orchestra of the 19th Century mit der Dutch National Opera Academy war Rossinis komischer Einakter „Il signor Bruschino“ sogar szenisch zu erleben. Dank eines geglückten Zusammenspiels von Dirigent (Richard Egarr), Regie (Floris Visser), Dramaturgie (Klaus Bertisch), Design (Dieuwke van Reij) und Licht (Alex Brok) stimmte hier einfach alles. Von den Sängern ist vor allem der Darsteller der Titelfigur, der Bassist Tim Kuypers, hervorzuheben.

Bislang hat es bei Young Euro Classic insgesamt schon 145 deutsche Erst- und Uraufführungen gegeben. Zu den Erstaufführungen dieses Jahres gehörte die erwähnte Komposition des Kolumbianers sowie „Sonhos Percutidos“ des Brasilianers Wellington Gomes, eine intelligente Synthese afro-brasilianischer und  europäischer Rhythmik. In Peter Ruzickas Komposition „Aulodie“, die emotionale Grenzzustände erkundet, stand der Oboist Albrecht Mayer einem kleinen Streicher-Schlagzeug-Ensemble gegenüber. Aber nicht dieses und nicht Steffen Schleiermachers „Schwirrender Stillstand“, eine intelligente Studie zum Thema „Nullwachstum“, erkor die Publikumsjury schließlich für den Europäischen Komponistenpreis, sondern die von der Fachkritik eher skeptisch gesehenen AQUA-Oratoriumsskizzen der Venezolaner Alberto und Gonzalo Grau. 

Bei allen 17 Konzerten gab es volle Säle, auch am Klaviertag und sogar bei unbekannten Gästen. Begeisterte Ovationen gehörten einfach dazu. Die Patin Katja Ebstein sprach schon vor dem Auftritt der Musiker von einem unvergesslichen Abend. Zu hoffen bleibt, dass Young Euro Classics mit Hilfe des bewährten Teams Minz/Rexroth und der Verbindung von öffentlicher und privater Förderung auch weiterhin auf Entdeckungskurs bleiben kann. Immerhin hat die Stiftung Deutsche Klassenlotterie schon für die nächsten drei Jahre ihre Förderung zugesagt.

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