Der Großtyrann und sein Komponist

Solomon Wolkows Studie über das ungleiche Duell zwischen Stalin und Schostakowitsch


(nmz) -

Wer kennt schon Wano Muradeli und seine Oper „Die große Freundschaft“? Längst wurde sie, ihrer Güte gemäß, im Mülleimer der Geschichte entsorgt. Am 11. Februar 1948 jedoch wurde sie in der „Prawda“ ausdrücklich gerühmt. Im selben Artikel wurden die Vertreter der „formalistischen, volksfremden Richtung“ an den Pranger gestellt. Schostakowitsch, Prokofjew und Chatchaturjan führten diese Liste an. In der Sowjetunion besaßen solche Listen rituelle Bedeutung. Sie signalisierten, wer um Stalins Gunst fürchten musste. Eine Art Hit-Ranking der politisch verdächtigen Komponisten.

Ein Artikel von Christoph Vratz

Stalin überwachte alles. Wehe dem, der – wenn auch nur marginal – von der vorgegebenen Staatslinie abwich. Unter den russischen Komponisten hatte Schostakowitsch, neben Prokofjew, wohl am meisten unter dem Willen des Staatsdespoten zu leiden; erstens weil Stalin genau wusste, wie begabt Schostakowitsch und wie wichtig er als Aushängeschild gegenüber dem feindlichen Westen war; zweitens weil Schostakowitsch sich in einer tragischen Zwickmühle befand: er war gewieft genug, um nach außen dem Tyrannen Gehorsam zu leisten, während er sich ihm nach innen (und teilweise auch in seiner Musik) verweigerte. Ein Schritt zu weit, und Schostakowitsch und seine Familie hätten dafür mit dem Leben zahlen müssen. 1936 wäre es fast zum großen Knall gekommen. Stalin hatte sich in eine Aufführung der „Lady Macbeth von Minsk“ begeben. Warum eigentlich erst jetzt? Denn die Oper hatte bereits einen zweijährigen Siegeszug durch etliche Städte hinter sich. Das hatte wohl Stalins Neugierde geweckt – und sein Misstrauen. Kurioserweise genau zwei Tage, nachdem Stalin die Oper gesehen hatte, erschien in der „Prawda“ ein brandmarkender Artikel. Da ist von „Chaos statt Musik“ die Rede, woran vor allem die „betont disharmonische, chaotische Flut von Tönen“ Schuld trage. Das ganze Werk sei „Gepolter, Geprassel und Gekreisch“ – ein vernichtendes Urteil. Der Verfasser dieser Zeilen gibt sich indes nicht zu erkennen, ein Zeichen dafür, dass dieser Artikel im Namen der gesamten Partei erschien.
Solomon Wolkow behauptet in seinem neuen, soeben aus dem Amerikanischen übersetzten Buch „Stalin und Schostakowitsch“, Stalin selbst habe diesen Artikel verfasst, ihn zumindest diktiert. Dafür sammelt Wolkow glaubwürdige Indizien. Vor allem die häufigen Wiederholungen einzelner Vokabeln – eines der von Stalin bevorzugten rhetorischen Mittel – nähren diesen Verdacht. Bezeichnend für dieses neue Buch ist die Umsicht, mit der sein Verfasser etliche, bis in die Gegenwart reichende Untersuchungen ausgewertet hat. Glaubwürdigkeit resultiert aber auch aus seiner eigenen Biographie. Wolkow hat die Repressalien der sowjetischen Diktatur selbst noch erfahren müssen, zudem stand er in Kontakt mit Schostakowitsch und anderen Musikern der Zeit. Sein Buch ist also auch persönliches Zeitzeugnis – allerdings nicht im Sinne einer durch zu viel Subjektivität gefährdeten Auslegung. Lediglich an Stellen, wo die reichhaltige Faktenlage sich letztgültigen Angaben verweigert, wo aus heutiger Sicht Grenzen der Beweisbarkeit erreicht sind, nutzt Wolkow persönliche Erfahrungen für seine Argumentation. Dabei bleibt er stets vorsichtig. Mit Formulierungen wie „Ich neige zu der Ansicht“ oder „dürfte gewusst haben“ unterstreicht er, dass ein Absolutheitsanspruch nicht einzulösen ist. Gleichzeitig liefert Wolkow ein entlarvendes, bedrückendes Dokument über ein bislang oft tabuisiertes Verhältnis zwischen Politik und Kunst, das ungleiche Duell zwischen Macht und Musik.

Wolkow zeigt uns auch den eher unbekannten Schostakowitsch, der zur Beschwichtigung des Tyrannen offizielle Fest- und Filmmusiken schrieb. In diesem für Stalin so wichtigen Genre konnte Schostakowitsch komponieren, ohne sich sonderlich verbiegen zu müssen. Dadurch gelang es ihm, Stalin, den Verfechter einfacher, volksnaher Melodien, zufrieden zu stellen. In seinen Sinfonien jedoch nutzte er eine subtile, widerstandsreiche Technik von Anspielungen. Am Ende des Finales seiner Vierten etwa zitiert Schostakowitsch das „Gloria“ aus Strawinskys „Oedipus Rex“. Wolkow dazu: „Und wie lautet der Text dieser Episode? ,Gloria! Wir rühmen Jokaste im pestverseuchten Theben.’ Mit anderen Worten, Schostakowitsch zog eine Parallele zwischen der damaligen Sowjetunion und der von der Pest heimgesuchten Stadt aus der griechischen Sage. Nach Schostakowitschs Verständnis war Stalins Herrschaft ein ,Gelage während der Pest’.“

Wolkow erklärt zwar zentrale Stellen in Schostakowitschs Werken, doch er lässt sich nicht auf musikwissenschaftliche Feinanalysen ein. Ihm geht es vielmehr darum, den Menschen Schostakowitsch darzustellen als jemanden, der sich zeitlebens einem irrationalen Wechselbad ausgesetzt sah: von Schmähungen und Bedrohungen auf der einen und von höchsten staatlichen Ehrungen auf der anderen Seite, von Distanz hier und erzwungener Nähe zum Diktator dort. Ein bedrückendes, wahrhaftiges Buch mit dem berechtigten Anspruch, eines der bedeutenden kulturgeschichtlichen Phänomene des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet zu haben.

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