Der lange Abschied vom Kirchturmdenken

Viel Sonne, etwas Schatten – der 2. Orchestergipfel Rheinland-Pfalz in Mainz


(nmz) -
Schon einmal, 2013, lud der Landesmusikrat Rheinland-Pfalz die Orches­ter des Landes zum Orchestergipfel in die Landeshauptstadt Mainz – wider Erwarten ein Riesenerfolg. Vier Jahre später gab es am 11. Juni eine attraktive Neuauflage – unter strahlendem Sonnenschein, aber nicht ganz ohne Schatten.
Ein Artikel von Andreas Hauff

Kurz nach 14 Uhr ertönt vor dem Mainzer Staatstheater Aaron Coplands „Fanfare for the common man“, unter Leitung des Mainzer GMDs Hartmut Bäumer spielen die vereinten Blechbläser der fünf Sinfonieorchester aus Kaiserslautern, Koblenz, Ludwigshafen, Mainz und Trier. Der Titel des Eröffnungsstückes ist programmatisch: Sinfonieorches­ter sind nicht verschnarchte Beamten­ensembles, an denen sich in exklusiven Sälen allmählich aussterbende elitäre Kreise vergnügen, sondern sie sind ein wichtiger, aktiver und sichtbarer Faktor des öffentlichen Kulturlebens. An diesem besonderen Sonntag stehen nicht nur die Kammerkonzerte und Kinderprogramme an den verschiedensten Stellen der Innenstadt bei freiem Eintritt jedermann offen, sondern sogar das abendliche Wandelkonzert an den fünf großen Spielstätten. Die Orchester verzichten auf Honorare. Bei der Politik ist die Botschaft angekommen: Oberbürgermeister Michael Ebling fordert die Bürger in seiner kurzen Eröffnungsrede sogar ausdrücklich auf, das Kulturangebot der Orchester nicht nur an diesem strahlenden Sonntag, sondern auch übers Jahr wahrzunehmen.

Geboren wurde die Idee des Orches­tergipfels aus der Krise der 2000er Jahre. 2003 schlug der damalige Kultusminister Jürgen Zöllner die Fusion der Orchester in Mainz und Ludwigshafen und die deutliche Schrumpfung der Rheinischen Philharmonie in Koblenz vor. Anders als erwartet, entwickelte sich in der Öffentlichkeit  eine Stimmung zugunsten der Orches­ter. Mehr als 100.000 Menschen unterstützten durch ihre Unterschrift den Protest gegen die sogenannte Orches­terreform. Die Orchester ihrerseits erkannten, dass ihre Existenz kein Selbstläufer war und sie die Kommunikation mit dem Publikum brauchten. Insbesondere in Mainz und Kob-lenz ging spürbar ein Ruck durch die Reihen auf dem Podium. Doch kaum schien das Schlimmste abgewendet, geriet das Städtische Orchester Trier­ unter Beschuss. Bedroht durch klamme Finanzen, den schlechten baulichen Zustand des Theaters und kommunalpolitischen Dilettantismus, scheint es immer noch nicht ganz außerhalb der Gefahrenzone. Und die nach Rücknahme des ursprünglichen Zöllner-Plans erfolgte Reduzierung der Planstellen in den Orchestern bleibt bis heute ein Problem.

Big Five in Wurfnähe

Kultusminister Konrad Wolf freut sich  nun bei der Eröffnung, dass jeder Bürger des Landes in zumutbarer Entfernung von seinem Wohnort ein Sinfonieorchester erleben kann. Selbstverständlich ist das nicht. Die größeren Städte liegen in Rheinland-Pfalz eher an der Landesgrenze als in der Landesmitte, Mentalitätsunterschiede und kulturelle Zentrifugalkräfte sind hoch. Von der Landeshauptstadt Mainz aus blickt man gerne nach Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt; die Pfalz orientiert sich in Richtung Mannheim und Karlsruhe; Trier liegt nahe an Saarbrücken und Luxemburg; und von Koblenz aus ist es nicht weit nach Bonn und Köln. Peter Stieber, Präsident des Landesmusikrates, berichtet, dass sich Intendanten und Chefdirigenten der fünf großen Orchester zum Teil erst während der Gipfel-Vorbereitung überhaupt kennenlernten. Diesmal haben sich nicht nur die Blechbläser zur Eröffnungsfanfare, sondern auch die Fagottisten aller Orchester zusammengetan – sogar für ein längeres Kammermusikprogramm. Und etliche Orchestermitglieder nehmen zwischendurch die Gelegenheit wahr, sich hörend einen Eindruck von der Arbeit ihrer Kollegen zu verschaffen.

Nicht alle Kinderprogramme sind gut besucht, denn mit dem SWR-Sommerfestival im Mainzer Funkhaus und dem Hessentag im benachbarten Rüsselsheim ist dem Orchestergipfel in dieser Zielgruppe eine starke Konkurrenz erwachsen. Beim ebenso ansprechenden wie kindgemäß anspruchsvollen Programm des Kaiserslauterner Pfalztheater-Orchesters „Von der Muse geküsst“ im lauschigen Innenhof der Maria-Ward-Schule fehlt die avisierte Altersklasse fast völlig. Dafür nutzen zahlreiche ältere Musikliebhaber die Chance, anhand von solistischer Holzbläser-Literatur in die griechische Mythologie einzutauchen. Aus der sengenden Sommersonne ziehen sie sich unter Bäume und Dachvorsprünge zurück. Dies zeigt sich auch beim Flanieren durch die Altstadt.Viele Passanten bleiben bei den zahlreichen Kammer-ensembles stehen und lauschen – sofern sie ein schattiges Plätzchen finden.

Als sich am Spätnachmittag der Himmel zuzieht, beginnen die Wandelkonzerte. Wer gut zu Fuß ist, sein Fahrrad mitgebracht hat oder den  bereitgestellten Shuttlebus nutzt, kann alle fünf Orchester als „Marathon“ hintereinander hören; weniger Ehrgeizigen schlägt die Regie eine Dreier­- Runde vor, schnell und mit kurzen Wegen – oder als gemütlichen Spaziergang am Rhein entlang. Jedes Ensemble präsentiert eine halbe Stunde Programm, dazwischen liegen 30 Minuten Pause. Hektik kommt da nicht auf, doch findet der Marathon-Läufer seinen Platz nur noch hinten und am Rande. Denn am Abend wird dieser zweite Orchestergipfel nicht weniger gut angenommen als sein Vorgänger – besonders gut im katholischen Martinsdom und in der evangelischen Christuskirche; beide sind auch übers Jahr kirchenmusikalische Zentren.

Gelungene Programmregie

Um einiges subtiler als vor vier Jahren ist die Programmregie. Den Reigen eröffnet die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in der Christuskirche mit einer angenehm durchsichtigen Interpretation von Beet­hovens Klavierkonzert Nr. 2, B-Dur; der junge Pianist Frank Dupree dirigiert vom Flügel aus. Erst im Oktober hat hier der Bachchor mit einem denkwürdigen Beethoven-Programm den Tag der Deutschen Einheit begangen. Im Kurfürstlichen Schloss, bundesweit bekannt als Austragungsort der Fastnachtssitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“, spielt das Orches­ter des Pfalztheaters Kaiserslautern unter GMD Uwe Sander mit Richard Strauss’ „Don Juan“ und dem 3. Satz aus Tschaikowskys „Pathetique“ bravourös zwei orchestrale Shownummern. Ein „Heimspiel“ hat das Philharmonische Staatsorchester Mainz mit GMD Bäumer im Staatstheater; es nutzt die inzwischen gewonnene Hör-Konzentration für eine ausdrucksgeladene Interpretation von Paul Hindemiths Sinfonie „Mathis der Maler“; die dazugehörige Oper stand bis Anfang Mai noch auf dem Spielplan. Das Philharmonische Orchester Trier unter GMD Victor Puhl hat sich für das Konzert im Dom mit dem dortigen Mädchenchor zusammengetan. Die Chorstücke aus Giovanni Pergolesis „Stabat mater“ werden umrahmt von Leopold Stokowskis Orchesterfassung von Bachs Toccata und Fuge d-Moll und dem „Karfreitagszauber“ aus Richard Wagners „Parsifal“. Waren junge Leute im Studierenden-Alter und jünger bislang schon gut vertreten, so steigt ihre Anzahl zum Schlussakt in der Rheingoldhalle noch einmal merklich an. Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie aus Koblenz spielt sinfonische Filmmusiken von John Williams. Chefdirigent Enrico Delamboye kommt um zwei Zugaben nicht herum.

Nachklänge und Bedenken

Zufrieden und reich an musikalischen Eindrücken geht man in die warme Sommernachtsdämmerung – auch wenn sich beim genauen Hinschauen und Hinhören zwei leise Misstöne oder Schatten einschleichen. Die Ludwigshafener Staatsphilharmonie war weder mit Chefdirigent noch Intendant vertreten; offensichtlich findet hier die eingetretene Krise schon ihren Niederschlag. Und von der ursprünglichen ambitionierten Idee eines ganzen Orchester-Wochenendes ist nur das animierte Vorabend-Sinfoniekonzert des Mainzer Orchesters unter dem agilen Gastdirigenten Antony Hermus mit einem spannenden russischen Programm (Ljadow, Rachmaninow, Prokofiew) übriggeblieben. Die von der Deutschen Orchesterstiftung und etlichen Mitveranstaltern an der Musikhochschule geplante Fachtagung „Orchester und Schule“ hingegen fiel mangels Beteiligung aus. In der Vorbereitung habe man das Thema für einen Selbstläufer gehalten, berichtet LMR-Präsident Stieber. Tatsächlich steht es um dieses Arbeitsfeld weit weniger gut als einige geglückte Kooperationen und Projekte suggerieren.
  

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