Der lange Abschied von der Weltmusik – ein Nachruf anlässlich der WOMEX 2008 in Sevilla


(nmz) -
Ein Freund grinste mich blöd an und blinzelte so komisch, als ich ihm erzählte, dass ich letzten Herbst auf der WOMEX war. Es stellte sich dann heraus, dass er dachte, Womex heiße „Women’s Exhibition“. Ein anderer Freund fragte, was denn der Unterschied zwischen der WOMEX und zum Beispiel der MIDEM sei, bei der doch auch die ganze Welt ihre Musik präsentiere? Deshalb sei das hier geklärt: Die „World Music Exposition“ ist keine Welt-Musikmesse, sondern eine Weltmusik-Messe.
Ein Artikel von Hans-Jürgen Schaal

Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht, was Weltmusik ist. Mit den „World Music Meetings“, die Joachim-Ernst Berendt in den Achtzigern veranstaltete, hat es jedenfalls nichts zu tun. Auch nichts mit den World-Music-Erkundungen, die Don Cherry, Collin Walcott oder John McLaughlin in den Siebzigern unternahmen.

Vielleicht sollte man sagen: Weltmusik ist alles, was nicht Pop, Rock, Jazz oder Klassik ist. Jedenfalls wüsste ich nicht, was ein streng geschultes arabisches oder indisches Saiten-Ensemble und eine amateurhafte Spaß-Bläserkapelle aus Bulgarien oder Kolumbien sonst noch an Gemeinsamkeiten besitzen. Sie verhalten sich etwa wie Mandeln und Orangen: Sie sind weder Hülsenfrüchte noch Nüsse, also Weltobst. Mit anderen Worten: Musikalisch ist die World-Music-Branche voll auf den Hund gekommen.

Von einigen wirklich großen Künstlern abgesehen, die traditionelle Musikformen mit modernen Stilmitteln voranbringen, ist World Music heute ein Sammelsurium von lauten, groben, banalen Party-Acts zum Abtanzen, Mitklatschen und Mitbrüllen. Künstlerische Qualität ist kein Kriterium, aber ein bunter Hut und eine Trommel durchaus. Jeder, der an einer Saite zupfen kann und einen exotischen Kittel anzieht, darf sich Weltmusiker nennen. Kein rhythmisches Phänomen ist zu primitiv, um Tanzreflexe auszulösen. Das lernt man auf der WOMEX. Um einen Überblick zu bekommen, habe ich die üblichen Konzertveranstaltungen der Messe in Typen eingeteilt. Typ eins: Das Wüsten-Musical (wahlweise auch: Busch-Musical, Steppen-Musical, Gebirgs-Musical …). Im Wüsten-Musical sitzen ganz echte Beduinen in einem ganz echten Wüsten-Bühnenbild und führen 16 fröhliche, exakt durcharrangierte Tanz- und Gesangsnummern auf. Natürlich mit witziger Moderation, Mitklatschen und Pogo für alle. Typ zwei: Das Trommel-Ritual. Sechs bis zwölf halbnackte Trommler erzeugen mit viel unnötigem Aufwand ein durchdringendes Bum-Bum, das mal lauter und mal leiser wird. Drum herum wird getanzt, jongliert, geschwitzt, Gras geraucht oder Saxophon geblasen, es kommt nicht so drauf an. Hauptsache: Bum-Bum. Typ drei: Fehlanzeige.

Einmal fragte ich mich: Wie müsste eigentlich Weltmusik aus Deutschland aussehen? Etwa so: Man kombiniert eine oberbayerische Dorfnachwuchs-Blaskapelle mit einem Berliner Jugendclub-Heavymetal-Drummer und steckt sie alle in rheinische Karnevalskostüme. Die Musik ist unwichtig (vielleicht sächsische HipHop-Shanties?), wichtig ist: Herumhopsen, farbige Mützen und antirassistische Texte. Auf keinen Fall darf die Musik Qualität haben.

Im Messekatalog der WOMEX wurde übrigens versucht, das Jahr 2008 zum Jubiläumsjahr der World Music zu frisieren. Das geht etwa so: Vor 100 Jahren wurde die erste orientalische Oper aufgeführt, vor 90 Jahren wurde Bebo Valdés geboren, vor 60 Jahren wurde das Label Folkways gegründet und so weiter. Was in der Aufzählung fehlt: Vor 10 Jahren wurde die musikalische Kulturenvermischung zur Selbstverständlichkeit in Pop, Rock, Jazz und Klassik. Mit anderen Worten: Vor 10 Jahren starb die Weltmusik.

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