Die besten Bücher für den Kompositionsunterricht

Absolute Beginners 2022/09


(nmz) -
Als eine meiner wichtigsten Aufgaben als Lehrer sehe ich es an, meine Studierenden zum Lesen und damit zum eigenständigen Denken anzuregen (auch wenn dies im Zeitalter von TikTok und Instagram immer mehr aus der Mode zu kommen scheint). Folgende Bücher spielen daher in meinem Unterricht eine wichtige Rolle und können von mir bedingungslos sowohl Lehrenden als auch Studierenden wärmstens empfohlen werden:
Ein Artikel von Moritz Eggert

1) „Instrumentation in der Musik des 20. Jahrhunderts: Akustik – Instrumente – Zusammenwirken“ von W. Gieseler, L. Lombardi und R. Weyer (Moeck-Verlag 1985, mehrere Auflagen): Ein gewichtiger Klassiker des Kompositionsunterrichts im Großformat und nach wie vor ein unentbehrliches Nachschlagewerk. Noch wichtiger als die hilfreichen Instrumentenzusammenfassungen auf jeweils zwei prallvollen Seiten finde ich die zahlreichen gut ausgesuchten Partiturbeispiele, da sie eine große stilistische Bandbreite repräsentieren und zur weiteren Beschäftigung mit unterschiedlichsten kompositorischen Stilen anregen. Meine Ausgabe ist so zerlesen und so oft ausgeliehen, dass ich sie dringend einmal wieder ersetz-en müsste, so oft greife ich zu diesem Buch!

2) „Beiträge zu einer Harmonielehre 2000“ von Claus Kühnl (Friedrich Hofmeister Musikverlag 2022): Dieser gerade erst erschienene Band behandelt nach den Worten des Autors nur einen kleinen Teil verschiedener harmonischer Komponierkonzepte des 20. (und 21.) Jahrhunderts, ist aber ein beeindruckender Versuch, diese in einen erweiterten historischen Kontext zu stellen und Verbindungen aufzuzeigen. Dabei schildert Kühnl seine Beispiele so anschaulich und lebendig, dass die eigene Fantasie sofort zu arbeiten beginnt. Getoppt wird das Ganze durch einen Anhang, der nicht nur Fans von Spektralmusik unentbehrliche Werkzeuge zur Verfügung stellt. Mögen noch viele weitere Bände folgen!

3) „The Music of the Temporalists“ von André Pogoriloffsky (CreateSpace Publishing 2011, nur auf Englisch erhältlich): Dieser Roman ist ein absoluter Geheimtipp! So wie Edwin Abbott einst das „Flächenland“ (die 2. Dimension) bereiste, schildert Pogoriloffsky hier seinen fiktiven Besuch in einer Parallelwelt, in der Musik nach vollkommen anderen Prinzipien funktioniert als in unserer Welt. Bei den dort wohnenden „Temporalisten“ versteht man Musik nicht als Manifestation von Klang, sondern von Zeit, was so detailliert geschildert wird, dass man fast meint, sich diese wundersame Musik vorstellen zu können. Für mich die beste Lektüre für Studierende, die sich in ihren kompositorischen Methoden verbissen haben und mal einen ganz frischen Blick auf die Materie brauchen. Denn wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass die musikalischen Gesetze, nach denen die uns bekannte Musik funktioniert, nur einen Bruchteil der Möglichkeiten von Musik darstellen.

4) „The Art Spirit – Der Weg zur Kunst“ von Robert Henri (Piet Meyer Verlag 2015): Robert Henri war der erste bedeutende amerikanische Kunstpädagoge und selbst ein bedeutender Maler; aus seinen Klassen gingen unter anderem Man Ray und Edward Hopper hervor. Warum ich ein Buch über Bildende Kunst Komponierenden empfehle? Weil die in den vielen verschiedenen Essays enthaltenen Gedanken zur künstlerischen Arbeit so elementare Weisheiten enthalten, dass sie für alle künstlerisch Schaffenden anregend sein können, egal ob sie dichten, schreiben, malen oder komponieren. Im englischen Sprachraum ist dieses 1923 erstmals erschienene Buch gerade bei Literaten ein Standardwerk, in Deutschland leider kaum bekannt. In gewisser Weise ist Henri der ideale Kompositionslehrer, denn gegen jegliche Negativität und den Wahn, ständig irgendwelche Zwänge erfüllen zu müssen, formuliert er ein zutiefst humanistisches und positives Bild des künstlerischen Arbeitens. Wer dieses Buch liest, bekommt die Kraft, Selbstzweifel und Krisen zu überwinden, während man gleichzeitig tiefe Erkenntnisse über den künstlerischen Schaffensprozess gewinnt.

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