Die Ernte eines reichhaltigen Jahrgangs

Musikpädagogische Neuheiten – ein Rundgang über die Frankfurter Musikmesse 2011


(nmz) -
Der Gang über die Musikmesse ähnelt einer Weinlese. Mit Genuss kostet man die „Ernte“ der musikpädagogischen Verlagsarbeit des zurückliegenden Jahres. Ähnlich dem Wein, der aus unterschiedlichen Anbaugebieten stammt, kann man Trends und inhaltliche Ausrichtungen bestimmten Verlagen zuordnen – gleich verschiedenen Winzern, die bestimmte „Reben“ anbauen und unterschiedliche Bedingungen und Konventionen haben.
Ein Artikel von Heike Henning

Informiert man sich im Internet über das Profil und Leitbild der Musikmesse in Frankfurt am Main, liest man Folgendes: „Die weltweite Leitmesse für Musikinstrumente und Live-Musik! … Seit über 25 Jahren ist sie der wichtigste Treffpunkt der Musikinstrumentenindustrie.“ Aufgrund des gewählten Superlatives kann man die Musikpädagogen nicht ohne weiteres hinzufügen. Für sie ist es sicher nicht der wichtigste, aber dennoch ein wichtiger Treff- und Informationspunkt. Nirgendwo bekommt man so leicht, kompakt und umfassend Einblicke in die unterschiedlichsten Bereiche der Musikpädagogik, deren Dynamik und aktuelle Entwicklung.

Zwei Verlagsfeste waren augenscheinlich: der 200. Geburtstag des Robert Lienau Musikverlags, der durch den Zusammenschluss mit dem Zimmermann Verlag nun seit 1991 ein Frankfurter Musikverlag ist, sowie die „Hochzeit“ von Breitkopf und Nepomuk. Dieser 200. Verlagsgeburtstag war in Halle 3 (Noten/Verlage) spürbarer als der 200. Geburtstag Franz Liszts, der, anders als erwartet, kaum wahrnehmbar war. So musste man eine eindeutige musikpädagogische Huldigung dieses Komponisten bei so ziemlich allen Verlagen vermissen (Ausnahme: Wiener Urtext Edition: Wege zu Franz Liszt). Beide Feste waren ein Grund zur Freude: ersteres, weil er die Halle mit guten Gerüchen füllte und physisch sättigte, was neben all den Neuheiten und Eindrücken bei einem Messebesuch zeitlich oft zu kurz kommt, und letzteres, weil die engagierte Arbeit des renommierten Schweizer Musikpädagogen und Komponisten Francis Schneider, der in seinem kleinen Verlag eine Vielzahl – teils vergriffener – musikpädagogischer Perlen wie „Üben – aber wie“ beherbergt, erfolgreich weitergeführt wird. Dies lässt auf baldige Neuauflagen schließen und hoffen.

Musikpädagogik – wissenschaftlich

Wie sehr den Verlagen an einer fundierten und innovativen Musikpädagogik gelegen ist, machen unter anderem die neu veröffentlichten, wissenschaftlichen Schriften deutlich. Diese sind von unschätzbarem Wert für die Reflexion von Unterricht und schaffen für alle an der Didaktik der Musikpädagogik Beteiligten eine Diskussions- und Reflexionsgrundlage.

Hier möchte ich an erster Stelle auf die Veröffentlichungen des Breitkopf Verlages hinweisen, weil dieser mit zwei hervorragenden Grundlagenwerken aufwartet. „Mensch, Musik und Bildung. Grundlagen einer Didaktik der musikalischen Früherziehung“ – so lautet der Titel des knapp 380-seitigen Werkes von Michael Dartsch. Ziel dieser komplexen Darstellung der Grundlagen einer Didaktik der Musikalischen Früherziehung ist es, die Fundamente für eine solche zusammenzutragen. Wie der nicht gerade bescheidene Titel mit den drei wohl größten und grundlegendsten Begriffen der Musikpädagogik vermuten lässt, verlässt die Darstellung die Grenzen der Musikpädagogik und beginnt ganz grundlegend mit ethischen Überlegungen als Ausgangspunkt in Angrenzung an Kants Unterscheidung materialer und formaler Vernunfterkenntnis. Gefolgt von einer allgemeinen Einführung in die Erziehungswissenschaft und der Bedeutung der Musik für den Menschen werden dann Inhalte, Methoden und Ziele des Unterrichtens definiert. Ein weiteres Kapitel erläutet die empirischen Ergebnisse der vom Bundesministerium geförderten Initiative „Musikalische Bildung von Anfang an“, die der Verband deutscher Musikschulen durchführte.

Diesem Werk wird zu Recht ein zentraler Platz in der Ausbildung der Elementaren Musikpädagogen zukommen, obgleich hierfür eine einfachere Ausdrucksweise, eine kleinere Gliederung mit zusammenfassenden Thesen und eine Bebilderung oder graphische Darstellung einzelner Inhalte wünschenswert gewesen wäre. In dieser Form ist es schwer verdaulich für einen vorwiegend künstlerisch-praktisch orientierten Menschen, der die eigentliche Zielgruppe des Buches darstellt.

Ein weiterer großer Gewinn für die Musikpädagogik ist Andreas Doernes „Umfassend musizieren. Grundlagen einer Integralen Instrumentalpädagogik“ (Breitkopf). Im ersten Teil des Buches wird das Musizieren in seinen einzelnen Dimensionen (körperliche, emotionale, kognitive, wahrnehmungsbezogene, spirituelle, kommunikative, geschichtliche und modale Dimension) betrachtet – kurzum: eine Deskription der Phänomenologie des Musizierens. Dies soll die Weite abbilden, auf die der Autor das Adjektiv umfassend im Titel bezieht. Danach wird der Blick auf die Einheit des Musizierens gerichtet. Hier versucht der Autor, die Perspektive des musizierenden Menschen einzunehmen. Im zweiten Teil werden die Konsequenzen für die Praxis des postulierten integralen Instrumentalunterrichts thematisiert. Was der Autor damit meint, beschreibt er selber sehr treffend im Vorwort, „integral deshalb, weil sie (die Instrumentalpädagogik) nicht bloß im summativen, sondern in einem Einheit stiftenden Sinne umfassend ist“. Das ist nicht die einzige Frucht, die Musikpädagogen von Doernes Arbeit in diesem Jahr ernten können. Verweisen möchte ich an dieser Stelle auch auf die letzte wissenschaftliche (kleine, aber feine) Schrift „Musik bildet. Der Musikkindergarten Berlin. Ein Modell“, die Breitkopf uns in diesem Jahr als Neuerscheinung anbietet. Hier wird das faszinierende Modell des Musikkindergartens Berlin aus musikpädagogischer Sicht umrissen. Es ist wünschenswert, dass diese kleine Schrift dazu beiträgt, dass sich Barenboims (Initiator des Musikkindergarten Berlin Projekts) Wunsch erfüllt, „dass sich viele von der Idee anstecken lassen. Alle Kinder brauchen Musik“. All denen, die dieses Projekt noch nicht kennen, sei das Büchlein besonders empfohlen.

Instrumentalpädagogik – Schwerpunkt Klavier

Die Verlage werden nicht müde, die Entwicklung der Methodik und Didaktik des Instrumentalunterrichts weiter voranzutreiben. So wurden dieses Jahr wieder zahlreiche, neue Instrumentalschulen für ganz unterschiedliche Instrumente herausgegeben. Auch hier spiegeln sich stabile Trends und Neigungen. Der VdM veröffentlichte 2010 eine Graphik, in der die Beliebtheit der Instrumente 1976–2009 nachvollzogen werden kann. (www.musikschulen.de/musikschulen/fa…). Steigender Beliebtheit erfreuen sich Querflöte und Violine, obgleich die Spitzenreiter in der Beliebtheitsskala Klavier, Gitarre und Blockflöte sind.

Dieser Entwicklung tragen die Verlage deutlich Rechnung. Besonders erfreulich ist die Bandbreite bei den Veröffentlichungen im Bereich Klavier. Pianisten wie Ludovico Einaudi verdanken ihren Erfolgszug besonders der Musik, der sie sich verschrieben haben. Ludovico Einaudi ist ein Meister der Entschleunigung. Seine Musik schöpft aus der Kraft des Minimalen, reduziert auf das Wesentliche einer künstlerischen Aussage. Wenn ich Schüler frage, was ihnen an dieser Musik gefällt, dann nennen diese meistens sehr spontan die Stimmung oder die Atmosphäre und natürlich die Überschaubarkeit technischer Anforderungen. Für diesen Bereich ist der von Vladimir Sterzer bei Dux herausgegebende Klavierband „Phantasia mea. Classic Pop Piano“ (Vorgängerwerk: Mundus Meus) zu nennen. Die darin enthaltenen Kompositionen nehmen den Pianisten mit auf eine musikalische Reise hinein in gefühlsvolle Klangwelten und geheimnisvolle Atmosphären. Die beiliegende CD mit allen Titeln hilft Autodidakten und Laien beim Aneignungsprozess. Leider erklingt kein mechanisches Instrument. Um in die angestrebte Atmosphäre zu kommen, müssen die Stücke also erst vom Spieler bewältigt werden. Vielleicht ist dies aber Teil des didaktischen Prinzips, dass eine Interpretation nicht übernommen werden kann.

In der Reihe Piano Moments von Zimmermann Frankfurt erschien „Klavier von mir. 7 Improvisationen für Klavier“. Der Titel wirkt etwas paradox, da ausnotierte Improvisationen eigentlich keine solchen sind. Er beschreibt wohl eher den Entstehungsprozess der Stücke. Der Komponist Jan Eric Müller- Zitzke notierte Themen, Melodien und Akkorde, die ihn inspirierten und die sich zu den Stücken zusammengefunden haben. Entstanden sind sieben sympathische, eingängige und charakterlich unterschiedliche Stücke mittleren Schwierigkeitsgrads. Weniger an der Stimmung der Stücke als vielmehr in der direkten Verbindung schöner und unterhaltsamer Musik mit dem Erarbeiten grundlegender technischer Fertigkeiten orientiert sich das von Nicolai Podgornov bei Universal Edition erschienene „Romantic Piano Album“. Podgornov reiht sich mit seinem Konzept in den Reigen bekannter Vorgänger wie Schumann, Gurlitt, Burgmüller oder Heller ein. Im ersten Band befinden sich 16, im zweiten Band, der erfreulicherweise durch eine CD ergänzt wurde, 14 mittelschwere Stücke. Mit Cole Porters „Night and Day“ bis Yann Tiersens „Comptine d‘un autre été“ aus dem Film „Die wunderbare Welt der Amélie“ erleben Spieler jeden Alters den Facettenreichtum romantischer Klavierklänge, losgelöst von der klassischen Epoche der Romantik. Für den gewöhnlichen Rezipienten ist romantisch, was danach klingt, nicht unbedingt, was aus der entsprechenden Epoche stammt. So muss auch dieser Werktitel verstanden werden.

Für den Bereich Klavier seien noch weitere wichtige Neuerscheinungen erwähnt. „Tagträume und Nachtmahre“ (Breitkopf) von Reinhard Gagel beinhaltet neun Klangbilder für Klavier mit Materialien zum Improvisieren. Es enthält Stücke mit Ideen, Tipps und Anregungen für eigene Improvisationen, die helfen sollen, improvisieren zu lernen.

Die meisten Menschen können improvisieren, auch wenn sie sich das erst einmal nicht zutrauen. Gagel ist ein Kenner auf dem Gebiet der Improvisation, nicht nur klaviermethodisch. In seiner eben bei Schott in der Reihe „üben und musizieren – texte zur instrumentalpädagogik“ erschienenen Dissertation „Improvisation als soziale Kunst. Überlegungen zum künstlerischen und didaktischen Umgang mit improvisatorischer Kreativität“ hat der Autor den Prozess der Improvisation gründlich reflektiert und durchdacht. „Der singende Wind“ (Breitkopf) lautet der Titel des außergewöhnlichen Klavierwerks von Michael Ostrzyga (ausgezeichnet mit dem Deutschen Musik­editionspreis Best Edition), das im Spannungsfeld „zwischen experimenteller Öffnung und pädagogischer Begrenzung“ komponiert wurde. Es enthält 22 Stücke und kann bereits im Anfangsunterricht eingesetzt werden. Die Stücke wollen die Fantasie ihrer Interpreten anregen und ihnen ermöglichen, die eigene innere Musik zu finden und auszudrücken. Dabei sind musikalische Parameter nur relativ notiert. Nach und nach führen die Stücke durch Verwendung von Clustern, Resonanzen, Filtereffekten und Präparierungen in die Tonsprache des 20. und 21. Jahrhunderts ein. Es finden sich Anklänge von Minimal Music und Zwölftontechnik. Auch dem Pianisten selbst werden Klänge entlockt, welche sich in das Klanggewand der Stücke einfügen. „Der singende Wind“ versteht sich als Ausgangspunkt einer musikalischen Entdeckungsreise, bei der die eigene Musikalität über unvorstellbare Wege gefordert, erfahren und erlebt werden kann. Stimmungen und Titel führen häufig in die Natur (Sternenhimmel, Der singende Wind, Meeresnebel) oder stammen aus der kindlichen Lebenswelt. Die beigefügte CD enthält alle Stücke. Zu jedem Stück gibt es zudem Ausführungshinweise, Aufgaben und Fragen, die zum Weiterdenken und Nachhören anregen. Tolles Material, stolpern muss man nur über das Wort „pädagogische Begrenzung“! Meint Ostrzyga damit die erforderliche didaktische Reduktion? Oder ist die pädagogische Begrenzung, von der der Autor spricht, vielleicht eine spieltechnische? In meiner Unterrichtstätigkeit genieße ich überwiegend die pädagogische Freiheit, die ich habe, und leide nicht unter einer Begrenzung. Hier wird der nötige Perspektivenwechsel einiger Instrumentalpädagogen wieder sichtbar: Ressourcen- statt Defizitorientierung! Berechtigterweise hält die Popularmusik beständig Einzug in den noch immer überwiegend an der Klassik orientierten Instrumentalunterricht.

Besonders positiv lässt sich hier Heumanns „Pianotainement. Was sie immer schon am Klavier spielen wollten“ (Schott) nennen. Hans-Günther Heumann ist ein erfahrener Arrangeur für Klaviermusik. In diesem Band finden sich 100 Hits für Klavier von Bach bis Robbie Williams gut spielbar gesetzt. Er unterteilt die Werke in sieben Gruppen: Evergreens, Film&Musical, Jazz& Blues, Spiritual and Folk, Pop&Rock, Populäre Klassik und Oper und Operette, wobei die populäre Klassik die größte unter ihnen bildet.

Taktvoll

Der Boom auf das Schlagwerk hält an. Gerade im rhythmischen Bereich können musikalische Fertigkeiten auf voraussetzungslose Art spielerisch vermittelt werden. Insbesondere nimmt die Beliebtheit des Cajón zu. So einfach dieses Instrument gebaut ist, so unspektakulär es auch aussehen mag, ist es doch zu sehr differenzierten Klängen fähig. Ganz besonders für den Rhythmus­unterricht in Gruppen hat das Cajón unvergleichliche Qualitäten. So ähneln dessen Sounds denen eines Drumsets, sind aber wesentlich leiser und somit im Gruppenunterricht erträglicher. Ideal für Bands, die auf beengten Bühnen spielen, und praktisch für Schulen, da stapelbar. Durch die genannten Vorzüge hat sich das Cajón mit seinen Spielmöglichkeiten in kürzester Zeit zum rhythmischen Allrounder entwickelt und ist damit zum Trendsetter der Percussionsszene geworden. „Magic Groove Box“ (Helbling Verlag) von Richard Filz und Ulrich Moritz versteht sich als Cajón-Schule sowie als Konzept für einen umfassenden Rhythmusunterricht. Das Werk beinhaltet neben den spieltechnischen Hinweisen auch Anregungen für eine grundlegende Rhythmusschulung, Sprech- und Bewegungsspiele, eigenständige Arrangements und Ensemble-Spielstücke für und mit Cajóns. „Cajón = Klasse. Die Schule für Holzkisten“ (Zimmermann Frankfurt) von Thomas Keemss bietet mit klaren Anleitungstexten einen guten Trommeleinstieg für Anfänger (Selbstlerner oder Multiplikatoren im Einzel-, Gruppen- und Klassenunterricht). In der „Holzkistenschule“ werden grundlegende motorische Fähigkeiten und trommlerische Fertigkeiten geschult. Schrittweise führt Keemss in die Cajón-Spielpraxis ein und vermittelt musiktheoretische Basics. Der Schule ist eine CD mit Hörbeispielen beigefügt, die als Playalong zum Zuhören, Mitspielen und Improvisieren einlädt.

Ein neues Drumset-Schulwerk, welches die Schüler/-innen Schritt für Schritt und sorgfältig in die Schlagzeugnotation einführt, ist „All about drumming. Alle Grundlagen zur Kunst des Schlagzeugspiels“ (Edition Peters) von Wolfgang Kroh. Der Autor beginnt­ mit einer Einführung in das Instrumentarium, sowie in die elementaren Spieltechniken. Somit können auch autodidaktische Anfänger mit dieser Schule arbeiten. Rhythmus und Spiele für alle gibt es in Rolf Grillos „Rhythmusspiele der Welt“ (Helbling). Richtungsweisend für das Buch ist das vorangestellte afrikanische Sprichwort „Wenn du gehen kannst, kannst du tanzen. Wenn du sprechen kannst, kannst du singen“. In ansprechendem Design und klarer Darstellung werden in dem Buch vier Kategorien von Spielen dargeboten: Bewegungsspiele mit Musik, Rhythmische Sing- und Sprechspiele, Rhythmusspiele mit Materialien sowie sportliche, tänzerische Spiele. Somit stellt das Buch eine wahre Fundgrube für sämtliche Musikpädagogen und Workshopleiter dar, egal ob diese mit Kindern oder Erwachsenen arbeiten, da Spielen eine grundlegende menschliche Aktivität ist, die Energie freisetzt und Kreativität ermöglicht. Der Mensch lässt sich auf Neues ein und entwickelt sich dadurch selbst.

In der kommenden Ausgabe folgt eine Übersicht der Neuheiten zu Streicherpädagogik, Klassenmusizieren, Vokalpädagogik und Musiktheorie.

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