Die Hormone müssen irgendwo hin

Höhle des Löwen, Kontrastmittel Corona und Bach – die Sopranistin Anna Prohaska im Interview


(nmz) -
Die Sopranistin Anna Prohaska hat im Lockdown Balkonkonzerte gegeben, CD- und Konzertprogramme ausgeheckt und ist unfreiwillig in die Rolle der Selbstvermarkterin geschlüpft. Ein Gespräch über Steinzeitinstinkte, entschleunigte Tournee-Visionen und Bach in der Unterhose.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

neue musikzeitung: Wir sprechen uns zwischen zwei Spielen der Fußball-Europameisterschaft. Wie geht es Ihnen, wenn Sie die vielen Menschen im Stadion sehen?

Anna Prohaska: Ich bin da hin- und hergerissen: Auf der einen Seite denkt man, dass der Fußball eine Vorreiter-Rolle einnehmen kann, gerade auch wenn man an die großen Pop- und Rockkonzerte denkt. Aber andererseits dürfen wir auf dem riesigen Gendarmenmarkt eine Freischütz-Aufführung aus dem Konzerthaus nur für 500 Zuschauer nach draußen übertragen. Das ist schon ein bisschen unfair.

nmz: Was haben Sie in den vergangenen Monaten am meisten vermisst?

Prohaska: Beruflich gesehen das Publikum! Wir Sänger sind ja eher Vermittler zwischen den Kreativen und dem Publikum, und dieses dritte Element, das wir als akustische Rückkopplung brauchen, das fehlte einfach. Es ist ein Riesenunterschied, ob man für tote Kameras und Mikrofone singt oder für ein Publikum. Beim Applaus erfährt man ja eine Art Katharsis. Es geht nicht um Bravo-Stürme, sondern um diesen rituellen Abschluss einer Vorstellung. Der Vorhang fällt, man hört den Applaus und danach lässt man den Abend bei einem Bier oder einem Glas Wein ausklingen. Stattdessen ist man vollgepumpt mit Adrenalin nach Hause gegangen und konnte nicht schlafen. Das Gefühl beim Auftritt ist ja ein atavistisches: wie bei einem Steinzeitmensch, der ein Mammut erlegt hat. Wir gehen in die Höhle des Löwen, gehen in die Arena und bekämpfen da die wilden Tiere. Das sind die gleichen hormonellen Vorgänge und diese Hormone müssen ja irgendwo hin! Ohne Publikum ist das wie ein Kochtopf mit Deckel drauf.

nmz: Hat sich an Ihrem Singen, an ihrer Performance etwas geändert?

Prohaska: Nicht unbedingt. Man kennt das ja aus den Proben. Da ist manchmal eine Haupt- oder Generalprobe ohne Publikum noch intensiver als die Premiere. Es kann sich da schon eine große Spannung aufbauen. Wir sind zum Beispiel bei einer Produktion von Händels „Saul“ in Wien so damit umgegangen, dass wir einen richtigen Opernfilm daraus gemacht haben. Da haben wir gesagt: Wir spielen jetzt füreinander, für uns und für Händel! So kann man sich auch in einen performativen Zustand hineinsteigern.

nmz: Hatten Sie weitere positive Erfahrungen mit solchen Stream-Formaten?

Prohaska: Man kann da schon einen künstlerischen Rahmen schaffen. Bei Pergolesis „Stabat Mater“, das ich mit Philippe Jaroussky und dem Konzerthausorchester aufgeführt habe, hat zum Beispiel Ralf Pleger die Lichtregie gemacht. Das war wirklich sehr subtil und eindrücklich. Gar nicht effekthascherisch, sondern die Musik unterstreichend, unterstützend. Das hat uns auch bei der Aufzeichnung im leeren, von den Stühlen freigeräumten Konzerthaus in einen ganz anderen Zustand versetzt.

nmz: Weil Ihre Agentur in Kurzarbeit war, mussten Sie zum Teil Management-Aufgaben selbst übernehmen. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Prohaska: Das war gar nicht so schlimm! Ich habe viel gelernt dabei, gerade was die Akquise von Konzert- und Aufnahmeorten betrifft. Teilweise ging es auch um Sponsorengelder und man lernt dieses unangenehme Gefühl zu überwinden, sich selbst anpreisen zu müssen. Man lernt auch die Partner besser einzuschätzen. Da gibt es die, die einfach auf der eigenen Energie- und Erfolgswelle mitsurfen wollen. Die investieren nicht viel und bereiten sich nicht sonderlich vor. Und es gibt die, die richtig mitziehen und selbst Zugpferde sind. Wie in vielen anderen Bereich war Corona wirklich ein Kontrastmittel, das die Spreu vom Weizen getrennt hat.

nmz: Sie haben einige CDs bei Alpha Classics veröffentlicht. Sind Sie noch mit der Deutschen Grammophon verbunden?

Prohaska: Exklusiv bin ich nicht mehr bei der DG, aber wir haben noch ein gutes Verhältnis. Es war einfach so, dass ich das Gefühl hatte, bei Alpha meine etwas individualistischeren Programmideen besser realisieren zu können.

nmz: Schon bei der DG haben Sie thematisch konzipierte Alben gemacht. Inwieweit ist das Konzept, inwieweit Vermarktung?

Prohaska: Das geht Hand in Hand würde ich sagen. Es ist aber gleichzeitig auch eine Art der Programmatik, die mich als Zuhörerin viel mehr interessiert als diese ewigen Schubert- und Schumann- oder Mendelssohn- und Mahler-Programme. Ich mische das gerne stringent an einem Thema entlang. Die Tonarten müssen am bes­ten so ineinander übergehen, dass man alles wie eine Suite spielen kann und auch den Applaus bis zu einem gewissen Grad verhindert. Zwischenapplaus ist natürlich schön, aber es ist toll, wenn man eine Art Drama kreieren kann. Diese Grundspannung ist auch wichtig, weil solche Liederabende oder Orchesterrecitals, bei denen man fast alle Nummern singt, das Anstrengendste sind, was man sich für eine Stimme vorstellen kann.

nmz: Inwieweit spiegelten die beiden CDs von 2020 – „Paradise lost“ und das Bach-Album „Redemption“ – ihren Corona-Gemütszustand wider?

Prohaska: „Paradise lost“ wurde schon im Sommer 2019 aufgenommen, aber bei Bach total! Das war eine spontane Idee. Ich hatte schon lange überlegt, wieder einmal Projekte mit Wolfgang Katschner und der Lautten Compagney zu machen und eine der Ideen war ein Sopran-Soloalbum mit unbekannteren Arien aus Bachkantaten, die eher seltener aufgeführt werden, weil man einen Chor oder weitere Solisten braucht. Bach hat so viel großartige Musik geschrieben, das ist unendlich, da braucht man mehr als ein Menschenleben dafür. Da darf man auch mal eingreifen und die Arien neu zusammenstellen, finde ich. Die Freiheit haben wir uns genommen. Das Thema „Redemption“, also Erlösung haben wir auch aus eigentherapeutischen Gründen gewählt, weil wir alle so auf Kohlen saßen zu Hause und uns die Musik so gefehlt hat. Wir wollten ein Zeichen nach außen senden, ein Zeichen des Trostes in dieser Zeit der Vereinsamung. Es ist toll, dass wir das Programm in Nürnberg beim Musikfest ION mit Live-Publikum und Fernsehübertragung machen können!

nmz: Schwingt bei Ihnen, wenn Sie Bach singen, das Liturgische mit, oder sehen Sie eher den allgemeinen spirituellen Gehalt?

Prohaska: Mich hat vor allem interessiert, wie die Einstellung des barocken Menschen, des Zeitgenossen Bachs, zum Tod, zu Krankheit aussah, was seine Jenseitsvorstellung war. Damit mussten auch wir uns ja in den letzten Monaten verstärkt beschäftigen. Der barocke Mensch hat viel stärker Hand in Hand mit dem Tod, sozusagen an seiner Seite gelebt. Wie viele Kinder sind gestorben, wie viele Frauen im Kindbett? Wie viele Krankheiten gab es, furchtbare ansteckende Seuchen, von der Pest gar nicht zu reden. Der Tod gehörte einfach zum Leben dazu. Wir haben das heute ein Stück weit verlernt. Der Tod ist ein großes Tabu. Auch der Jugendwahn schwingt da mit, dieses unbedingte Vermeiden des Alterns. Das sind die Assoziationen, die ich bei diesem Programm hatte, als ich mich mit diesen pietistischen, teils brutalen, fast sarkastischen Texten auseinandergesetzt habe: „Ich freue mich auf meinen Tod“, von Bach dann auch noch in einem tänzerischen Gigue-Rhythmus vertont!

nmz: Worin besteht für Sie die besondere Herausforderung Bach zu singen, eher im vokaltechnischen oder im interpretatorischen Bereich?

Prohaska: Bei Bach habe ich eine ganz besondere Klangvorstellung. Ich möchte vermeiden, dass das opernhaft klingt, mit zu viel Vibrato und angeschliffenen Tönen. Aber theatralisch darf es schon sein, dabei sehr textverständlich, besonders die Rezitative. Bachs Passionen sind ja geradezu Opern! Also: Dramatik ja, aber nicht opernhaft im Sinne des 19. oder 20. Jahrhunderts. Da muss man die Stimme disziplinieren, aber das kommt für mich ganz natürlich, weil ich diese Klangvorstellung habe. Gleichzeitig ist es so, dass man bei Bach in Unterhose dasteht. Du kannst dich nicht verstecken, ähnlich wie bei Mozart und Schubert. Die Begleitung ist sehr transparent, es kommt stark auf eine wirklich perfektionistische Intonation an. Man ist am besten bedient, wenn man auch über die Harmonik Bescheid weiß, wo es zur Dissonanz hingeht zum Beispiel, und über Phrasierung… Es ist eigentlich eine endlose Aufgabe, mit der man sich das ganze Leben lang beschäftigen kann. Ich merke, dass ich im Jahreskalender einfach meinen Bach brauche. Wenn der nicht zu mir kommt, muss ich ihn selbst programmieren und gehe dann auch auf Veranstalter oder das Plattenlabel zu, weil ich das für mich, für meine Seele und auch zum Ausputzen der Stimme und der Ohren brauche.

nmz: Nochmal zurück zum Anfang unseres Gesprächs: Was haben Sie nicht vermisst in der Corona-Zeit?

Prohaska: Das Reisen ist für Sänger eine ganz andere Belastung als vielleicht für eine Pianistin oder einen Geiger. Das habe ich nicht unbedingt vermisst. Ich hoffe, dass das abfärbt auf die Post-Covid-Zeit, dass man vielleicht langsamer reist, dass sich Veranstalter und Agenturen besser koordinieren, um verrückte Reisepläne zu vermeiden. Ich hoffe auch, dass sich Residenzen stärker durchsetzen, gerade für kleinere Ensembles. Die könnten dann zwei Wochen lang in einem Konzerthaus residieren und verschiedene Programme präsentieren. Das könnte auch für das Publikum sehr interessant sein. Dieses Inflationäre des immer Neuen, das muss aufhören, das ist eine programmatische Wegwerfgesellschaft, die ich traurig finde. Oder: Warum müssen fünf deutsche Orchester gleichzeitig in China auf Tour gehen? Was macht das für einen Sinn? Das ist doch nur Geldscheffelei für bestimmte Institutionen. Umweltfreundlich ist das jedenfalls nicht und für die menschliche Seele ist es auch nix. Wir müssen vielleicht nicht mehr zurück in die Zeit, als die gro­ßen Opernstars mit dem Dampfschiff nach Südamerika gefahren sind, um dort ein halbes Jahr zu touren. Aber im Prinzip könnte ich mir das auch vorstellen!

nmz: Das ist doch mal ein Denkanstoß, auf dem Schiff können Sie sich dann in Ruhe einsingen!

Prohaska: Ja, mit Probenräumen – dann steigt man frisch geprobt in Buenos Aires aus dem Schiff und die Tour kann beginnen!

  • Interview: Juan Martin Koch

Im Rahmen des Musikfests Berlin gestaltet Anna Prohaska am 4. September zusammen mit dem Cellisten Nicolas Altstaedt und dem Cembalisten Francesco Corti ein Programm mit Barockmusik und Werken des 20. und 21. Jahrhunderts. Zur Uraufführung kommen dabei auch Werke von Wolfgang Rihm („Gebet der Hexe von Endor“) und Jörg Widmann („Sister Death“ – letzte Szene aus der Oper „Babylon“).

 

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