Die Jugend Europas bringt vielfältige Musikerfahrungen ein

young.euro.classic 2002: Spannende Begegnungen beim Europäischen Musiksommer Berlin


(nmz) -

Das Berliner Sommerfestival young. euro.classic, das nun zum dritten Mal stattfand, stellt eine überzeugende Verbindung von künstlerischer und politischer Manifestation, öffentlicher und privater Initiative dar. Bei allen 16 Konzerten, die innerhalb von 17 Tagen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu erleben waren, stimmte schon der lange blaue, gelbbesternte Teppich, auf dem das Publikum vom Schiller-Denkmal zum Eingang emporschritt, auf Europa ein. Als Hinweis auf die neue gemeinsame Währung konnte man den Eintrittspreis verstehen, der für alle Konzerte auf allen Plätzen nur 8,50 Euro betrug und so auch Erwachsene in den Genuss von Jugendpreisen kommen ließ. Jung und Alt, Deutsche und Nicht-Deutsche mischten sich problemlos, was zu der angeregten und dennoch lockeren Atmosphäre beitrug.

Ein Artikel von Albrecht Dümling

Das Berliner Sommerfestival young. euro.classic, das nun zum dritten Mal stattfand, stellt eine überzeugende Verbindung von künstlerischer und politischer Manifestation, öffentlicher und privater Initiative dar. Bei allen 16 Konzerten, die innerhalb von 17 Tagen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu erleben waren, stimmte schon der lange blaue, gelbbesternte Teppich, auf dem das Publikum vom Schiller-Denkmal zum Eingang emporschritt, auf Europa ein. Als Hinweis auf die neue gemeinsame Währung konnte man den Eintrittspreis verstehen, der für alle Konzerte auf allen Plätzen nur 8,50 Euro betrug und so auch Erwachsene in den Genuss von Jugendpreisen kommen ließ. Jung und Alt, Deutsche und Nicht-Deutsche mischten sich problemlos, was zu der angeregten und dennoch lockeren Atmosphäre beitrug. Aber pwie die Europäische Union sich nicht auf die Euro-Währung reduziert, beschränkte sich auch dieses Festival nicht auf Einheitsrituale oder gar Uniformität. Ganz im Gegenteil entstand ein reiches, vielgestaltiges Bild, erhielt doch jedes der eingeladenen europäischen Jugendorchester die gleiche Chance zur Selbstdarstellung, wobei der Europa-Begriff bewusst weit gefasst wurde. Für jeden Abend lagen lesenswerte Programmhefte vor, die kompetent in die gespielten Werke und die Musikkultur des jeweiligen Landes einführten (ergänzt durch: www.young-euro-classic.de

Provokativ hatten die Veranstalter das problematischste Land gleich an den Anfang gestellt. Wer in Berlin lebt, der größten „türkischen“ Stadt außerhalb der Türkei, weiß, dass hier in den letzten Jahren Tendenzen zur kulturellen und religiösen Separierung eher zugenommen haben. Aus Autos und Wohnungen Berliner Türken hört man fast durchweg Klänge aus dem arabisch-orientalischen Kulturkreis. Demgegenüber zeigte das Sinfonieorchester des Staatskonservatoriums Ankara die West-Orientierung, wie sie Paul Hindemith – im Sinne Kemal Atatürks – als Berater des Konservatoriums einst zu realisieren gesucht hatte. Der in Frankreich ausgebildete Orchesterleiter Ibrahim Yazici, lange Organist der Vatikanischen Botschaft in Ankara, bewies bei Hindemiths Ouvertüre „Amor und Psyche“ und Strawinskys „Feuervogel“ Geschick beim Ausformen von Dynamik und Klangfarbe.

Keine Probleme hinsichtlich der kulturellen Zugehörigkeit zu Europa gibt es bei Frankreich, Italien, Belgien, Griechenland und Spanien. Bei den Jugendorchestern der betreffenden Länder zeigten sich allerdings deutliche Niveauunterschiede. Vielleicht war es nicht ganz fair, neben das Konservatoriumsorchester von Lyon, das Orchestra Giovanile Italiana und das Philharmonische Jugendorchester Flanderns das einer anderen Klasse zugehörige Orchester der Aristoteles-Universität Thessaloniki zu setzen, das bis dahin noch nie im Ausland gastiert hatte. Das anspruchsvolle Concerto Grosso Nr. 4 von Alfred Schnittke brachten die Griechen immerhin passabel heraus, währen sie von den griechischen Tänzen von Nikos Skalkottas überfordert schienen. Schon bei der Hymne bemerkte man, dass hier keine Musikstudenten, sondern Liebhaber am Werke waren. Vielleicht die nachhaltigste Wirkung hinterließ Vicky Leandros, die Patin des Abends, mit ihrem Aufruf zur Versöhnung zwischen Griechenland und der Türkei.

Auch zwischen Deutschland und Frankreich hatte es einmal erbitterten Streit gegeben. Dass die Auseinandersetzungen um Lothringen und das Saarland längst der Vergangenheit angehören, bringt das grenzüberschreitende SaarLorLux-Kammerorchester schon durch seinen Namen zum Ausdruck. Musiker aus drei Nationen demonstrieren hier eine über Kohle und Stahl hinausgehende Gemeinsamkeit der Region. Das routiniert wirkende Kammerorchester besteht aus fertigen Berufsmusikern, weshalb es innerhalb des Festivals Sonderstatus besaß. Studenten waren dagegen die drei Solisten. Philippe Mesin, Jan Orawiec und Öczan Ulucan gehören zur Saarbrückener Violinklasse von Maxim Vengerov, der bei drei der nicht weniger als sechs Violinkonzerte selbst mitwirkte. Zur selbstverständlichen Technik trat bei Jan Orawiec eine eigenständige Musikalität, mit der er bei Schuberts a-Moll-Rondo und vor allem Mendelssohns frühem d-Moll-Konzert den Abweichungen vom klassizistischen Schema nachspürte.

In herausragender Qualität präsentierte sich in Berlin Spanien, das seit einigen Jahren seine Ausbildungsinstitute reformiert – mit hörbarem Erfolg. Dabei hatte der als Dirigent des Joven Orquestra Nacional de España vorgesehene Gunther Schuller kurzfristig absagen müssen. Xavier Puig Ortiz, stellvertretender Dirigent des 1983 gegründeten Orchesters, sprang bravourös ein. Schon mit den ersten fulminant gespielten Takten der „Double variations“ von Agustín Charles Soler war die von Adrienne Goehler zuvor beschworene kulturelle Isolation unter der Franco-Diktatur vergessen. Mit scharfen Akzenten und zerklüfteten Klängen meldete sich hier ein modernes Spanien zu Wort, das die Einengung auf Folklore und Tourismus von sich weist. Noch mehr in seinem Element war der der Chorszene entstammende Dirigent bei Schullers „Farbenspiel“, das 1985 für das Berliner Philharmonische Orchester entstand, sowie in der vierten Symphonie von Brahms, die er mit weich fließendem Schlag und unterstützt von tadellosen Holzbläsern zu eindrucksvoller Homogenität brachte. Bei einem weiteren spanischen Abend bot das international besetzte Schleswig-Holstein Musikfestival Orchester noch einmal eine Steigerung an orchestraler Brillanz. Die 130 Musiker im Alter von 16 bis 27 Jahren, die aus über tausend Bewerbern ausgewählt worden waren, zeigten gleich bei „Don Juan“ von Strauss ihre Pranke. Bei Manuel de Fallas „Nächte in spanischen Gärten“ gelang die Koordination zwischen dem Solisten Homero Francesch und dem Dirigenten Cristóbal Halffter weniger perfekt. Um so überlegener leitete Halffter die eigenen Orchesterwerke. „Odradek“, eine Hommage an Franz Kafka, begann mit dumpfem Grollen der Kontrabässe und widmete sich auch weiterhin mit klanglicher Finesse dem Düsteren und Ungewissen. Spielerisch-heller, aber nicht ganz so überzeugend gelang im ebenfalls groß besetzten Divertimento „Halfbéniz“ die Annäherung an Isaac Albéniz. An rhythmischer Präzision ließ freilich auch diese Interpretation keine Wünsche offen.

Als spannend erwies sich die Begegnung mit den drei baltischen Staaten, die vor gut zehn Jahren ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erkämpften. Das in der Mitte gelegene Lettland besitzt traditionell enge Beziehungen zu Deutschland, wirkte doch in der Hansestadt Riga einst Richard Wagner als Kapellmeister. Eine leichte Verkrampfung im Verhältnis der beiden Länder zeigte sich nach dem gönnerhaften Grußwort des einstigen Botschafters Hagen Graf Lambsdorff auch darin, dass Imants Resnis, Leiter des Symphonieorchesters der Jazeps Vitols Musikakademie, Hindemith zum zackigen Preußen machte. Dessen Sinfonischen Metamorphosen über ein Thema von Carl Maria von Weber trieb er durch sein martialisch rasches Dirigat alle Leichtigkeit und Eleganz aus. Witz fehlte leider auch der auf Weber-Zitaten aufbauenden Collage „One more Weber’s opera…“ für Klarinette und Orchester von Peteris Plakidis und erst recht der pathetisch auftrumpfenden Symphonie Nr. 2 von Peteris Vasks.

Dass sich das Symphonieorchester der Litauischen Musikakademie glücklicher präsentierte, war auch der kompetenten Einführung Thomas Roths zu verdanken. Der jetzige Leiter des ARD-Hauptstadtstudios kennt die Traditionsbindungen der baltischen Staaten aus seinen Jahren als Moskau-Korrespondent. Ein noch besserer Botschafter seines Landes war der heute in Berlin lehrende Meistercellist David Geringas, der das neue „Konzert in Do“ von Anatolijus Senderovas mit so konzentrierter Subtilität zur Uraufführung brachte, dass man die schlichte Faktur des eingängigen Werks glatt vergaß. Aber mit seiner Zugabe („Cantus II“) erinnerte Geringas daran, dass Senderovas schon expressiver und risikofreudiger komponiert hat. Allerdings besitzen die Litauer dank der in allen baltischen Staaten blühenden Chortradition ein sensibles Klangempfinden, wie auch ihrer Wiedergabe von Skrjabins Symphonie Nr. 2 anzumerken war. Sechs Tage später lieferte das von Gerd Ruge begrüßte und von Arvo Volmer geleitete Symphonieorchester der Estnischen Musikakademie lehrreiche und genussvolle Exempel für die kulturelle Auseinandersetzung mit dem russischen Nachbarn. So hob es in der 9. Symphonie von Schostakowitsch die kritischen Momente hervor. Die 1959 entstandene Ouvertüre Nr. 2 von Veljo Tormis begann in direkter Schostakowitsch-Nachfolge und ersetzte dann die vorwärtsdrängende Motorik durch bedrohliche Töne. Mehr Enthusiasmus erlaubte sich Eduard Tubin 1944/45 in seinem im schwedischen Exil entstandenen Concertino für Klavier und Orchester, während Toivo Tulev – ähnlich wie der seit Jahren in Berlin lebende Este Arvo Pärt – alle gesellschaftlichen Bezüge verweigert. Sein neues Stück „Amber“ will lediglich einen verführerischen Duft in Klang verwandeln, was ihm charmant gelang. Die Idee dazu erhielt er am anderen Ende Europas: im marokkanischen Fez.

Das traditionsreichste Orchester hatte den weitesten Weg zurückgelegt und war zugleich das unbekannteste. Nach ihrem exzellenten Konzert war das Symphonieorchester der Tschaikowsky Musikakademie Kiew aber in aller Munde. Obwohl die jungen Musiker auf ihrer langen Reise im Bus übernachtet hatten, um Geld zu sparen, boten sie am Abend unter der Leitung des erfahrenen, an Celibidache erinnernden Roman Kofman (demnächst Orchesterchef in Bonn) eine professionelle Leistung, die die vielen Katastrophenmeldungen, die in jüngster Zeit aus der Ukraine kamen, vergessen machte. In der klugen Zusammenarbeit Kofmans mit dem jungen Pianisten Michail Dantchenko ertrank sogar Rachmaninoffs Drittes Klavierkonzert nicht in Pathos, sondern wurde schlüssig entwickelt. Die an diesem Abend uraufgeführte Sechste Symphonie von Valentin Silvestrov zeigte den häufig der Neoromantik zugeordneten Komponisten von einer kühnen Seite. Das Werk begann mit verstörenden Dissonanzen und atemlosem Wechsel von drängenden Auftakten und nachfolgendem Tempostau – gleichsam als auskomponierte Frustration. Der permanente Tempowechsel, der von den Musikern höchste Konzentration verlangt, erhielt durch Verlangsamung allmählich den Charakter eines traumhaften Pulsierens, während sich die Dissonanzen in obertonreiche Klangfelder auflösten. Faszinierend setzten sich dabei etwa Klavierlinien in Flageoletttönen fort und vermählte sich systematische Strenge mit Klangpoesie. Der Komponist konnte den starken Beifall für die Symphonie persönlich entgegennehmen.

Nicht weniger als zehn Uraufführungen und sieben deutsche Erstaufführungen hatte man an diesen Tagen erleben können. Unter den Uraufführungen besaß die Silvestrov-Symphonie das stärkste Gewicht, gefolgt von den Beiträgen von Senderovas und Tulev. Wenn sich unter den präsentierten Werken auch provinzielle Leichtgewichte befanden, trugen doch auch sie zum Farbreichtum bei. Es dürfte wenige deutsche Hochschulorchester geben, die mit dem Standard der Balten mithalten können. Und im Vergleich zum Wagemut der Spanier oder Ukrainer wirkte der deutsche Beitrag geradezu konservativ. Dabei fehlt es Gerd Albrecht, der beim Schlusskonzert am Pult des Bundesjugendorchesters stand, gewiss nicht an Erfahrung mit Neuer Musik. Die jungen Musiker begannen ausgesprochen voluminös und altmeisterlich mit dem „Meistersinger“-Vorspiel und endeten klassisch mit Beethovens Siebter.

Den Auftritten der etwa 2.000 Musiker aus 15 Nationen lauschten insgesamt 20.000 Besucher, deutlich mehr als in den beiden Vorjahren. Sie hatten sich durch Neues, Unbekanntes, anziehen lassen und waren oft zu enthusiastischen Stammgästen geworden. Die Hauptstadt, deren leere Kassen die Finanzierung eines eigenen Landesjugendorchesters nicht mehr erlauben, hat mit diesem von einem privaten Freundeskreis gestarteten Festival erneut ein großes, gewichtiges Geschenk erhalten.

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: