Die Kleinen sterben aus

Das Haus der Musik Trekel verabschiedet sich vom Markt


(nmz) -
Es war kurz nach der Wende. Ich war neu in Berlin und genoss die bunten Spannungen und Kontraste zwischen Ost- und Westberlin. Alles war neu und aufregend, und wir machten Musik an jeder Ecke und in jeder Kneipe. Geld hatte kaum jemand, jedenfalls nicht genug, und da man zum Musikmachen Technik braucht, wurden die Adressen von kleinen Bastlern und Tüftlern ausgetauscht, die mal hier einen Verstärker bauten, mal dort eine Box reparierten oder ein Effektgerät löteten.
Ein Artikel von Maren und Steffen Trekel, Walter Thomas Heyn

Es waren interessante Typen, meis­tens leicht verwahrlost, hausend  in atemberaubend unaufgeräumten Hinterhofschuppen, aber die Jungs hatten Ahnung und kriegten alles, was das Musikerherz brauchte, irgendwie wieder hin. Es war eine wunderbare Zeit. Doch eines Tages kam ein Gesetzblatt oder eine Verordnung heraus, die für alle Geräte mit Strom ein Zertifikat vorschrieben. Kosten pro Zertifikat: 2.000 Westmark. Die großen Firmen interessierte das nicht. Sie kauften für jede Waschmaschine und jeden Kühlschrank ein Zertifikat und nutzten dieses dann hunderttausendfach. Aber die kleinen Bastler und Tüftler konnten und wollten das Zertifikat nicht bezahlen, denn diese Kosten überstiegen ihren bescheidenen Gewinn um ein Vielfaches. Und so verschwanden sie nach und nach und mit ihnen verschwanden das Fachwissen, die Tradition, die familiäre Beratung und der individuelle Service. Warum ich das schreibe? Ich erinnerte mich daran, als ich die Pressemitteilung des Trekel-Verlages (sie­he unten) las, denn wieder trifft es die Engagierten, die in einer der seltener werdenden Marktnischen tapfer arbeiten und Kundenwünsche befriedigen, bis es eben nicht mehr geht, weil nicht mehr genug zum Leben übrig bleibt.

Die Erinnerung schweift zurück zu Joachim Trekel. Er war einer der ers­ten, der auf der Musikmesse Frankfurt Anfang der 90er-Jahre überhaupt mit uns sprach und unsere paar Notenausgaben in sein Programm aufnahm. Immer stand irgendwo eine Flasche Schnaps versteckt und kleine Gläschen waren auch schnell bei der Hand. Viele Male bin ich ihm wieder begegnet: auf Musikfestivals, bei Konzerten, bei Workshops, kreuz und quer im ganzen Land. Der große Lieferwagen vom „Haus der Musik“ stand immer im Hof und die Notenausstellung war schon aufgebaut. Jedes zweite Heft in unserem häuslichen Musikzimmer voller Noten war bei Trekel gekauft.  Schon sein Tod war ein großer Verlust für die Zupferszene. Aber das Aus für das ganze „Haus der Musik“, das jetzt seine Tochter Maren verkünden musste, das ist schon sehr schmerzlich. „Jeder Abschied ist ein bisschen wie Sterben“, schrieb mal ein Dichter. Leider stimmt das.
Walter Thomas Heyn

Das Ende eines Traditionsunternehmens

Wir sind unendlich traurig, unser Unternehmen, wie es unsere Eltern vor über 50 Jahren gründeten und wir in den letzten Jahren weiter führten, nun schließen zu müssen. Wir haben einen großartigen Kundenkreis, wir haben jede Menge Aufträge, wir haben in unserem örtlichen Ladenlokal einen regen Kundenbesuch. Wir haben ein umfassendes Netzwerk, die besten Mitarbeiter/-innen, die man sich denken kann und natürlich unser Herzblut, mit dem wir unser Unternehmen füllen. Und dennoch reicht das nicht aus, um unsere Existenz zu sichern.

Vorausgeschickt sei:

Wir sind Teil einer Entwicklung, die dazu geführt hat, dass vor uns schon jede Menge anderer Musikgeschäfte geschlossen haben. Wie viele Geschäfte unserer Art gibt es denn noch in Deutschland? Sowohl dem inhabergeführten Einzelhandel als auch der Kultur geht es zu großen Teilen finanziell nicht gut.

Aber warum ist das so? Jedes geschlossene Musikgeschäft hat natürlich seine eigene Geschichte, aber viele der Aspekte werden die gleichen gewesen sein, und am Ende steht sicherlich überall gleichermaßen: Man muss wenigstens von seinem Unternehmen leben können.

Von der einen Seite drückt der Markt: Preise werden durch das Internet diktiert, wobei es nicht allein um den Preis der Ware geht, sondern zum Beispiel auch um die Versandkosten. (Unsere drei Euro für einen Inlandsversand sowie die Tatsache, dass wir nicht kos­tenlose Retourenlabel zur Verfügung stellen, haben schon zu Beschimpfungen geführt.) Aber nicht alle Anbieter im Internet spielen mit den gleichen Spielregeln: Wir müssen uns mit Unternehmen messen lassen, die ihre Steuern nicht in Deutschland bezahlen, die nicht mit Fachkräften arbeiten, die ihre Arbeitnehmer nicht tarifgemäß entlohnen und die auch nicht davor zurückschrecken, ihre Marktmacht gegenüber denjenigen, auf deren Kosten sie Geld verdienen, auszuspielen.

Die Marge wird somit entschieden über den Einkaufspreis. Als kleines mittelständisches Unternehmen können wir nicht mit der Lagerhaltung von Mitbewerbern konkurrieren, die Hochregallager pflegen, containerweise aus Fernost importieren oder bei Mengenrabatten immer den besten Rabatt nutzen können. Manchmal können wir bei bestimmten Lieferanten nicht einkaufen, weil wir die Mindestliefermengen nicht erreichen oder mit entsprechenden Aufschlägen bestraft werden!

Aber auch Notenlieferanten, bei denen wir ja mit garantierten Endpreisen wirtschaften, reduzieren die Margen: Rabatte werden geringer, Versandkos­ten werden erhöht, Versandkostenfreigrenzen werden erhöht oder fallen weg.

Es gibt Kosten, die vielleicht den meisten gar nicht bewusst sind: Gebühren bei PayPal zum Beispiel. Irgendwann trat im Rahmen des Verbraucherschutzes die Richtlinie in Kraft, dass die Gebühren nicht auf die Verbraucher übertragen werden dürfen. Die Gebühren, die wir aber bei Zahlungen aus Nicht-Euro-Ländern oder gar Nicht-EU-Ländern tragen müssen, werden noch zusätzlich durch die Kosten bei der Währungsumrechnung erhöht. Oder: Wir haben immer versucht, Ausgaben aus aller Welt zu beschaffen. Nicht allein die Versandkosten sind exorbitant. Natürlich muss verzollt werden. Seit circa 1,5 Jahren erhebt der Zoll aber auch noch Gebühren dafür, dass er verzollt!

Nicht nur von dieser Seite drücken die Lieferanten – sie beliefern zu einem großen Teil die Endkunden auch selbst! Schwierig, wenn zunehmend Großhandelsunternehmen dazu gehören – wie soll man da mithalten können?!

Von der nächsten Seite drücken weitere Marktzwänge: Schulen oder andere Institutionen müssen Angebote einholen und das günstigste nutzen – Service, Beratung, aber auch Vertrauen et cetera sind dabei unerheblich. Das war in der Vergangenheit ein schönes Geschäft, aber ohne Gewinn macht es keinen Sinn. Und wie oft müssen wir uns nun anhören, dass es so schwierig ist, noch Angebote zu bekommen. Die Erstellung eines Angebots übersteigt häufig schon die Gewinnspanne.

Gern haben wir unsere Kompetenz bewiesen! Aber viele Kunden haben nur diese genutzt. Das, woran wir hätten verdienen können, weil es zum Beispiel wenig Zeit kostet, wird dann aber doch woanders bestellt … So auch diejenigen, die kommen mit: „Ich habe mir im Internet eine Gitarre bestellt“, aber bei der Wahl der Gitarrenstütze möchte man dann doch bei uns beraten werden. Und dann der zunehmende Druck von „oben“: immer mehr Richtlinien, immer mehr Auflagen, immer mehr Gesetze, die dazu führen, dass Arbeiten erledigt werden müssen, die Zeit und damit Geld kosten oder noch schlimmer, die Beauftragung von Rechtsanwälten oben angeführter Berufsgruppen erfordern, um nicht abgemahnt oder angezeigt zu werden. Wir müssen diese im gleichen Umfang erledigen wie große Unternehmen oder gar weltumspannende Konzerne, deren große Rechts- und Finanzabteilungen das eben mal mit erledigen, was für uns aber häufig einen riesigen Aufwand bedeutet. Die Kostenseite ist immer schwerer planbar. Wie in vielen anderen Branchen geht die Zeit, die in Administration verbrannt wird, der fachlichen Arbeit verloren. Wir haben keine Reserve mehr, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. (Stichworte: Verpackungsverordnung, Datenschutzgrundverordnung, CITES (Palisander), Compliance-Richtlinien der Kreditwirtschaft, Arbeitsschutz,  Batterieverordnung, Kennzeichnungspflichten und so weiter.

Ergo: sinkende Margen, steigende Kosten. Wir konnten nie darüber klagen, dass wir nichts zu tun hätten: Wenn andere über das Sommerloch stöhnten, sind wir mit unserer Ware zu unseren Kunden gefahren und haben unser Geschäft dorthin verlagert; immer war mehr als ausreichend Arbeit für alle Mitarbeiter/-innen vorhanden. Die Möglichkeiten der Kostenreduktion sind ausgereizt.

Und die Zukunftsperspektiven?

Die obigen Rahmenbedingungen werden sich tendenziell nicht verbessern.
Das Kopierabkommen der VG Musikedition mit den Musikschulen schließt uns als Marktteilnehmer aus. Die Anzahl der teilnehmenden Musikschulen wird voraussichtlich nicht weniger.

Die Notenpreisbindung wird zunehmend durch Importe aus dem Ausland unterwandert. Die zunehmende Digitalisierung lässt den Noteneinzelhandel zum Auslaufmodell werden. Downloadportale werden sich auch im Bereich Noten weiter durchsetzen und auch an dieser Stelle den Noteneinzelhandel als Marktteilnehmer ausschließen.

„Unsere“ Szenen „Zupforchester“ und „Mandoline“ werden bedrohlich kleiner.

Die gesellschaftliche Entwicklung: Schüler verbringen zunehmend den ganzen Tag in der Schule. Immer mehr Angebote finden in den Schulen statt, wo man auch Instrumente leihen kann, die in großen Mengen unter Einholung mehrerer Angebote eingekauft werden (siehe oben).

Die Lust von Erwachsenen, sich in ihrer Freizeit musikalisch auch ambitionierter fortzubilden, nimmt eher ab, da die Anforderungen durch das Berufsleben immer mehr Anspruch auf Fortbildung in der Freizeit erheben.

Die Folge ist immer:

Unser Kundenkreis wird weiter abnehmen. Wir haben uns gefragt, ob wir unser Sortiment und unser Unternehmenskonzept so verändern möchten und können, dass wir als ganz anderes Musikgeschäft oder gar nur im Internet weiter existieren wollen. Das können wir aufrichtig verneinen! „Trekel“ ist eine Marke, die für Gitarre, Mandoline, Zupforchester, Service, Beratung, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Vertrauen und Zuverlässigkeit – für den Dienst am Kunden steht.

Noch können wir aufrecht und aus eigener Entscheidung heraus diesen Markt verlassen und haben im Sinne unserer persönlichen Zukunftssicherung genau diesen Weg gewählt.

Uns blutet das Herz, das Lebenswerk unserer Eltern aufzugeben, unsere vielen treuen Kunden sich selbst zu überlassen, sich von unseren wunderbaren Mitarbeitern trennen zu müssen, dass unser Wissen, unsere Kompetenz und unser Netzwerk verloren gehen … Wir bedanken uns bei all denen, die unser Unternehmen zu schätzen wussten und entsprechend in den vergangenen Jahren unterstützt haben.

Es war eine sehr schöne Zeit und genau so werden wir sie in Erinnerung behalten.

 

 

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