Die Komfortzone vor den Endgeräten

Ein Jahr nach Beginn des ersten Lockdowns: eine Streaming-Zwischenbilanz · Von Roland H. Dippel


(nmz) -
„Hier spricht Ihre literarische Telefonseelsorge.“ grüßt Hannelore Bähr, Schauspielerin am Pfalztheater Kaiserslautern. Gleich wird sie ihren Gesprächsteilnehmer mit Wortköstlichkeiten verwöhnen. Das ist nur eine der Initiativen, mit denen Sprechtheater während der Pandemie die Nähe zum Publikum suchen. In der Erfindung von Direktkontakt-Formaten ist die Sprachkunst äußerst erfindungsreich. Für derartige Offensiven sind Musiktheater, Tanz und Konzerte mit größeren Besetzungen leider nicht kompatibel.
Ein Artikel von Roland H. Dippel

Schuberts „Forelle“ mit Gesang und Klavier geht zwar mit Frack und Flügel als Videoclip gut, nicht aber am Telefon. Umgekehrt erweisen sich Eins-zu-Eins-Konzerte und Balkonauftritte für Musiker als vorteilhaft, allerdings nur in den wärmeren Jahreszeiten und bei partiellem Lockdown. Für den stillen Herd zur Winterszeit blieb nur die digitale Akkumulation der durch Corona erschwerten Aktivitäten.

Am 14. März 2021 jährt sich der Tag, an dem alle Veranstalter mit Beginn des Lockdown Nr. 1 schließen mussten und Streaming zur Tugend wurde. In zwölf Monaten rüsteten Musiktheater und Kulturorchester für die digitale Welt gewaltig auf. Davor hätte niemand vermutet, dass Klassik-Veranstalter eigene Streaming-Serien wie die „Montagskonzerte“ der Bayerischen Staatsoper München oder Live-Streams unter Hygienebestimmungen kreieren würden, bei denen ganze Produktionen mit beträchtlichen Modifikationen ins Netz wanderten. An der Oper Zürich etwa ging Verdis „Simon Boccanegra“ als sündteures Akustikkonglomerat online, Orchester und Chor waren aus einem entfernten Probensaal zugeschaltet. Anfang Februar folgte auf die Neuproduktion von Mozarts „Figaro“ des Theaters an der Wien eine Wiederaufnahme der uralten Ponnelle-Produktion aus der Wiener Staatsoper. Dubletten wie vor Corona in Großstädten mit zwei und mehr Musiktheatern wanderten für ein Weltpublikum in die Mediatheken. Auf Klassikportalen wie „Fidelio“ oder „Opera on Video“ konnte man im Fall von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ wählen zwischen einer gekürzten, für die digitale Aufzeichnung entwickelten Produktion der Oper Mannheim, einer poetisch-gefährlichen Kapitalismus-Kritik für Erwachsene aus Strasbourg und der vierzig Jahre alten Filmregie von August Everding. Wem das nicht genug war, der vergnügte sich auf YouTube an einer Schwarzweiß-Verfilmung in italienischer Sprache.

Musiker, die in den eigenen vier Wänden Programm machten, wurden ermahnt, ihre professionellen Fähigkeiten nicht für wohlfeilen Nulltarif zu verschleudern. Streamen oder Nicht-Streamen wurde zum Diskussionsmotor für die Präsenz der klassischen Musik als Randsegment und als Marketinginstrument gegen das physische Vergessenwerden. Inzwischen stabilisieren sich Zahlverkehrsmethoden für digitale Veranstaltungen wie Abo-Staffelungen für Klassikportale, Online-Links im Vorverkauf und symbolische Preisgruppen von gratis bis zu freiwilligen höheren Beträgen mit Spendenfunktion. International schärfer wird die Diskussion um faire Preise, durch die Interpreten und Macher angemessene Anteile erhalten sollen.

Hoher Energieaufwand

Der performative, technische und qualitative Quantensprung von ursprünglich nicht zur öffentlichen Vorführung gedachten Vorstellungsaufzeichnungen zur konzeptionellen Kameraregie ist gewaltig. Drei Hauptkategorien des Streaming sind er­kennbar: Aufzeichnungen von vollständigen Werken mit vor Corona geplanter Besetzung stehen neben verkleinerten Varianten unter Hygieneschutz und neuen Werken, bei denen das Video beziehungsweise das digitale Endprodukt zum Artefakt mit vom theatralen Entstehungskontext gelösten Eigenwert wird. Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters München, ist nicht der einzige, der auf allen Kanälen seiner einmaligen Live-Streams äußerst genau die Anzahl und Verweildauer der digitalen Zuschauer beobachtet. Der digitale Gärtnerplatz-Spielplan mit Peter Kertz’ fast 50 Jahre alter Inszenierung von „Hänsel und Gretel“, einer für das digitale Publikum vom Konzert zur halbszenischen Neuproduktion ausgebauten „Anna Bolena“ und einer von Ballett- und Chorpersonal weitgehend befreiten Stream-Wiederaufnahme des Auftragsmusicals „Drei Männer im Schnee“ wären im normalen Proben- und Spielbetrieb des Repertoiretheaters nicht möglich gewesen. Der Einsatz von Mitteln, Personal und Energien ist sehr hoch. Die meis­ten Vorstände der Theater- und Konzertbetriebe sind davon überzeugt, dass sich das Publikum nicht mit der Komfortzone vor den Endgeräten zufrieden gibt und die Theater stürmt, so bald das wieder möglich ist.

Klickzahlen, welche die Platzkapazitäten des Zuschauerraums übersteigen, machen Freude. Dieses Erfolgserlebnis teilen große und kleine Kulturbetriebe. Gerade interdisziplinäre Foren der Neuen Musik wie das Eclat-Festival Stuttgart (siehe unseren Bericht auf Seite 9) bestätigen digital ihre progressiven Ambitionen. Alexander Strauch (Deutscher Komponistenverband, Bayern) weiß von zwei zeitgleich stattgefundenen Konzerten mit Kompositionen von Jörg Widmann, bei denen jenes im Schwere Reiter München das andere im Leipziger Gewandhaus mit zweistelligen Teilnehmer-Zahlen abhängte. Auch das digitale Publikum ist demzufolge begrenzt. Hinter den mit offensivem Optimismus publizierten Zahlen tobt der Kampf um jeden einzelnen Zuschauer wie im physischen Kulturleben.

Flexibilität und sehr spezifische Resultate zeigt Michael von zur Mühlen in seiner letzten Spielzeit als künstlerischer Direktor der Oper Halle. Wegen der engmaschigen Kooperation mit den Händelfestspielen lag die Produktion von „Teseo“ über Monate auf Eis. Schon für den ursprünglichen Premierentermin im Mai 2020 hatte man mindestens drei Proben- und Veranstaltungsszenarien entwickelt. Als „Teseo“ am 2. Oktober vor durch Hygienebestimmungen ausgedünntem Publikum herauskam, standen zwei Countertenöre weniger auf der Bühne und das Stück war um ein Drittel kürzer als geplant. Ebenfalls ohne Aufführung blieb „Opera! Opera! Opera!“, die Koproduktion der Oper Halle mit der im Frühjahr vorerst abgesagten Münchner Biennale für Neues Musiktheater 2020. Dieses Projekt ereilte die abenteuerlichste Corona-Odyssee aller Musiktheaterproduktionen. Der MDR produzierte in der Händelhalle eine große Szenenfolge, welche auch der BR sendete. Kurz vor Redaktionsschluss wurde die performative Installation von Martin Miotk, die mittelfristig die verschobene Bühnenuraufführung ersetzen sollte, in den Münchner Kammerspielen abgesagt. Zwar wird die Zeit äußerst knapp, aber das bisher produzierte digitale und virtuelle Material bietet mehr Möglichkeiten als eine durch Blitzereignisse gefährdete Bühnenproduktion.

Neben den Berliner Sophiensälen sind es vor allem André Bücker, der als Intendant des Staatstheaters Augsburg eine eigene Planstelle für Digitalkoordination initiierte und seinem Online-Publikum VR-Brillen mit der Post zustellen lässt, von zur Mühlen und Katharina Wagner bei den Bayreuther Festspielen, die über eine künstlerische Zukunftsfähigkeit der digitalen Mittel nachdenken. Neben Radio, DVDs, CDs und Mediengesellschaften halten Veranstalter eigenproduzierte Streamings bei außergewöhnlichen Novitäten oder Entdeckungen für sinnvoll. Eine Neubefragung des Standard-Repertoires mit digitalen Mitteln betrachtet von zur Mühlen als eine ähnliche Zäsur für das Musiktheater wie vor 50 Jahren das Aufkommen des so genannten Regietheaters. Die virtuellen Räume und Steuerungsfunktionen von Computerspiel-Engines lassen sich ohne weiteres auf die Konventionen des Musiktheaters anwenden. Digitalität erweitert also das Spektrum der Ausdrucksformen.

Für und Wider

Der junge österreichische Dirigent Patrick Hahn schätzt Streaming-Konzerte seit seinen Auftritten mit dem Münchner Rundfunkorchester und den Wiener Symphonikern. Nach seinen bisherigen Erfahrungen finden auf digitalen Plattformen außergewöhnliche Werke mehr Interesse als die bekannten Favoriten. Für Interpreten sieht er ganz neue Herausforderungen: „Ich selbst habe wie bei physischen Konzerten den vollen oder leeren Zuschauerraum meistens im Rücken. Aber für Musiker, egal ob in Alltags- oder schwarzer Kleidung, und Sänger ist es schwer, vor einem leeren Saal die energetische Hochspannung aufzubauen, welche sich vor Publikum von selbst entwickelt und steigert.“

Auch Streaming-Gegner haben plausible Argumente, zum Beispiel Johannes Weigand. Der Intendant des Theaters Dessau verschickte an alle Abonnenten und Theaterfreunde als Weihnachtsgruß eine eigens produzierte Konzert-DVD der Anhaltischen Philharmonie. Vom Streamen mehr oder weniger vollständiger Bühnenwerke nahm Weigand allerdings aus finanziellen Gründen Abstand. „Aus einem Orpheus-Projekt mit alten Kompositionen machten wir kurz vor dem zweiten Lockdown eine Produktion von Philip Glass’ ‚Orphée‘. Die Tantiemen, Medien- und Aufführungsrechte wären für uns unbezahlbar.“ Aufgrund seiner Größe gibt es im Dessauer Theater ein stehendes Ensemble mit dramatischen Opernstimmen, die andere Häuser generell nur als Gäste anfragen würden. Im Premierenstau befinden sich noch „Die Macht des Schicksals“ vom April 2020 und möglicherweise „Der Rosenkavalier“ im April 2021. Aber Weigand hält nichts von reduzierenden Arrangements. „Wenn wir Werke aussuchen, haben wir Gründe wie eine ideale Besetzung oder Vorlieben eines aus der Region, aus Berlin und international anreisenden Publikums. Deshalb verschiebe ich eine Produktion lieber und vermeide Kompromisse, mit denen ich anspruchsvolle Erwartungen enttäuschen müsste.“ Kurzfristig geplant war die mit einer maximalen Spieldauer von 70 Minuten als Corona-Substitut machbare „Iolanta“ von Tschaikowski; sie fiel aber dem zweiten Lockdown zum Opfer. Wo keine Produktion, da kein Stream.

Inzwischen trifft es nicht mehr zu, dass nur große Theater und Orchester streamen. Das Brandenburger Theater kooperierte für insgesamt vier Opern und Konzerte mit dem regionalen Sender SKB*Brandenburg. Das Niederbayerische Städtetheater zeigt „Madama Butterfly“, „Fledermaus“ und „Zauberflöte“ via Vimeo und die Opernfestspiele Heidenheim bei „Opera on Video“ ihren letztes Jahr als CD von der Kritik gefeierten „Ernani“. Das muss man als Zuschauer allerdings erst herausbekommen. Nach einem Jahr gibt es noch immer keine Plattform mit dem weitgehend vollständigen Programmangebot der kostenpflichtigen Portale, Institutionen und privat streamenden Musiker. Kleinere Theater finden seltener Aufnahme in überregionale Rubriken und Listen als große Opern- und Konzerthäuser. An viele Projekte gelangt man also nur durch geduldige Recherchen. Wenn man sich nicht nur auf die leicht zugänglichen Ankündigungen verlassen will, gibt es noch mehr phänomenale Überraschungen.

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