Die missverstandene Meisterlehre

Hochschulen müssen zu Lernorten für ein neues Musikleben werden · Von Juan Martin Koch


(nmz) -
„Ich wagt’ es doch und küßte sie / Trotz ihrer Gegenwehr. / Und schrie sie nicht? / Jawohl, sie schrie / Doch lange hinterher.“ Was klingt wie eine poetisch nur notdürftig verhohlene Beschreibung eines Übergriffs, stammt aus Ludwig van Beethovens Lied „Der Kuss“ nach einem Text des Aufklärers (sic!) Christian Felix Weiße. Kann man so etwas heutzutage noch unkommentiert aufs Programm eines Liederabends setzen?
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Diese Frage stellten beim Aktionstag „Respekt!“ an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) Christiane Iven und Andreas Schmidt zusammen mit Studierenden ihrer Gesangsklassen anhand dieses und weiterer Beispiele. Darunter war auch der beliebte Operettenschmachtfetzen „Gern hab’ ich die Frauen geküsst“ aus Franz Lehárs „Paganini“, wo es weiter heißt: „hab’ nie gefragt, ob es gestattet ist; dachte mir: nimm sie dir, küss’ sie nur, dazu sind sie ja hier!“.

Das kurze Recital konnte und wollte nicht mehr sein als ein kleiner Denkanstoß, wie im 21. Jahrhundert mit solchen Texten umzugehen wäre. Neben weiteren Impulsen in Form von Vorträgen lag der Schwerpunkt dieses von der Musikhochschule zusammen mit der Hochschule für Fernsehen und Film und der Akademie der Bildenden Künste verantworteten Münchner Aktionstages auf konkreten Workshop-Angeboten: Bei Themen wie Empowerment für Frauen, Veränderungsanregungen für Männer, Grenzen setzende oder interkulturelle Kommunikation waren die vorhandenen Plätze schnell ausgebucht.

Hier wie in den weniger stark frequentierten Plenumsveranstaltungen war allerdings der Anteil der Studierenden sehr überschaubar. Diese, bei ähnlichen Anlässen auch anderenorts beobachtete Tendenz stimmt nachdenklich: Ist die Fokussierung aufs Studienziel so beherrschend, dass sie nicht einmal für einen (offiziell unterrichtsfreien) Tag den Blick auf essenzielle Lebensbereiche erlauben würde? Oder spielt die Angst davor eine Rolle, Schwäche zu zeigen gegenüber Kommilitonen/-innen, die als Konkurrenz verstanden werden?

Bedenkliches Desinteresse

Das Desinteresse jener Generation, die unser Musikleben künftig mitgestalten wird, stimmt einigermaßen ratlos. Verpflichtende Studienangebote zum Thema hält Christina Schiebel von der Studierendenvertretung der HMTM jedenfalls für kontraproduktiv. Aber ist es Musikstudierenden wirklich nicht zuzumuten, sich mit der Frage auseinandersetzen zu müssen, was „sich begegnen mit Wertschätzung, Empathie und angemessener Distanz“ (so der Untertitel des Aktionstages) bedeutet und wie man in dieser Hinsicht dazulernen könnte?

Abgesehen von dieser Frage muss der Blick aber auch über Fortbildungs­angebote (zur Prävention), Richtlinien und Ansprechpartner (wenn es schon zu spät ist) hinausgehen und auf grundsätzlichere Strukturen gerichtet werden: Schließlich begüns­tigt die überkommene Vorstellung von der „Meisterlehre“ eben jene Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, die Missbrauch häufig erst möglich macht. Und sie setzt sich auf ungute Weise im hierarchischen, auf unantastbare (überwiegend männliche) „Genies“ in Spitzenpositionen zugeschnittenen Musikbetrieb fort.

„Exzellenz“ ist nicht alles

Es mag sein, dass intensiver Einzelunterricht am effizientesten zur viel beschworenen „Exzellenz“ und damit zum nötigen Durchsetzungsvermögen im hart umkämpften Berufsmarkt Musik führt, aber könnten Musikhochschulen nicht auch Orte sein, wo andere Formen des Lehrens und Lernens erprobt, andere Wege zur Erreichung künstlerisch herausragender, vor allem aber auch gesellschaftlich relevanter Kunst erkundet werden? Ansätze dazu gibt es, auch an der Münchner Musikhochschule, wo in den Bereichen Gesang und Dirigieren Teamteaching praktiziert wird. Doch sicher könnte, müsste in diese Richtung deutlich mehr passieren.

Zurück zum poetisierten Übergriff des Eingangszitats: Es erinnert fatal an die unsägliche Verharmlosungs­rhetorik im Vorwort zur mittlerweile erschienenen Festschrift für den ehemaligen Münchner Hochschulpräsidenten Siegfried Mauser, von der in der November-Ausgabe links auf dieser Seite berichtet werden musste (Stichwort „weltumarmender Eros“). Hierzu ein Nachtrag: Während Dieter Borchmeyer, einer der dafür verantwortlichen Herausgeber, das Vorwort in einem BR-Interview auch noch unter Berufung auf Thomas Mann als ironisch verteidigte, haben sich bisher immerhin (oder vielmehr leider nur) zwei der in der Festschrift mit einem Beitrag vertretenen Autoren davon distanziert: Peter Michael Hamel klar und deutlich, Helmut Lachenmann mit einer Stellungnahme, in der er „Mausers Verdienste um die Kunst in dieser Spaß- und Spießgesellschaft“ durch seine schweren Vergehen nicht herabgesetzt sieht und die er mit einer etwas merkwürdigen Pointe abschließt: „Daß das Erscheinen der Mauser-Festschrift zusammenfällt mit seiner Verurteilung, ist natürlich eine groteske Koinzidenz. Da hat der Delinquent halt so was wie ‚Glück‘ gehabt. Es sei ihm gegönnt.“

Rundum erfreulich ist indes eine Wortmeldung aus der Musikwissenschaft zu dieser Causa. Sie stammt vom Bayreuther Forschungsinstitut für Musiktheater (im Wortlaut nachzulesen auf Seite 16). Eine solche Klarheit hätte man sich von deutlich mehr Seiten gewünscht.

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