Die Münchener Gesellschaft für Neue Musik

Die MGNM hat sich erst vor wenigen Jahren gegründet. Was auch ein Vorteil sein kann


(nmz) -

Münchener Musikgeschichte verläuft wohl immer etwas anders. Oft hinken hier Institutionen lange Zeit hinter dem allgemeinen Level hinterher, dann wieder setzt fast sprunghaft ein Auf- oder Überholvorgang ein. Im eher konservativen Ambiente, so scheint es, stauen sich manchmal Kräfte, die sich dann plötzlich entladen. Das war 1860 so, als Wagner die Stadt für seine utopischen Entwürfe nutzte, um 1900, als München zur Bruckner- und Mahlerstadt wurde, und kurz vor 1930 etablierte sich hier eine Szene der Neuen Musik, die als führend in ganz Deutschland angesehen wurde.

Ein Artikel von Reinhard Schulz

Gewiss kann die Münchener Gesellschaft für Neue Musik nicht für sich beanspruchen, Musikgeschichte zu schreiben oder gar schon geschrieben zu haben. Auf jeden Fall kam man münchentypisch sehr spät. Es war Mitte der 90er-Jahre, als einige Musiker (in erster Linie Instrumentalisten, die sich im Ensemble für zeitgenössische Musik Xemble zusammengefunden hatten) und einige Musiktheoretiker verwundert feststellten, dass es in der Stadt der musica viva, der Musiktheaterbiennale oder auch der Münchner Klangaktionen von Josef Anton Riedl, der Experimentellen Musik München und der A*DEvantgarde noch keine Gesellschaft für Neue Musik gab. Von vornherein war also weitgehend ausgeschlossen, dass hier einmal ein IGNM-Festival stattfinden würde. Man (das waren ungefähr zehn Personen) traf sich 1996 und besprach diese Situation. Zur Klärung stand vorab, ob es überhaupt einer MGNM (dieses Kürzel stand da freilich noch nicht fest) bedürfe.

Es gab zwei untschiedliche Gruppen. Die einen, das waren die ausführenden Musiker, suchten über die zu gründende Gesellschaft eine Basis für musikalische Aufführungen, das Ensemble dachte zum Beispiel daran, festes Ensemble des Vereins zu sein. Eine zweite Stoßrichtung war es, gewissermaßen als Dach- oder Vernetzungsorganisation zu wirken, die die in unterschiedlichen, oft auch sich rivalisierend gegenüberstehenden Gruppen der zeitgenössischen Musik zu Austausch, Kommunikation und gegenseitige Befruchtung bewegt. Eine festgeschriebene „Leitästhetik“ gab es in den 90er-Jahren längst nicht mehr, auf diesen Zustand suchte man zu reagieren. Pluralismus der Meinungen, der künstlerischen Standpunkte war von Anbeginn an ganz offensiv die Basis der MGNM. Hierin hatte man vielleicht ganz plötzlich einen Vorsprung vor anderen Gesellschaften für Neue Musik in Deutschland. Es war eine Verbindung von Interessierten, deren künstlerische Vorstellungen durchaus in verschiedene Richtungen gingen. Man fand sich zusammen, um gegenüber der Stadt oder auch gegenüber anderen Institutionen eine bessere Verhandlungsposition zu besitzen. So dachte man auch gar nicht primär an eine Fülle von eigenen Veranstaltungen, sondern wollte bei bestehenden Projekten und ihren Wünschen zur Ausweitung und zur besseren Verankerung im Münchener Kulturleben unterstützend tätig werden. Gedacht war an begleitende theoretische Veranstaltungen, an Maßnahmen zur Bekanntmachung et cetera.

So formierten sich denn auch die einzelnen Arbeitsgruppen, wobei Modelle anderer GNMs herangezogen wurden. Zunächst waren es drei Arbeitsgruppen: Information, Theorie und Konzerte. Beim Kulturreferat der Stadt wurden die Aktivitäten der Stadt begrüßt, finanzielle Hilfe wurde bereitwillig zugesichert. So gibt die Arbeitsgruppe Information eine vierteljährliche Broschüre heraus, die die Veranstaltungen mit neuer Musik in München möglichst flächendeckend verzeichnet. Die Mitglieder erhalten diese Broschüre per Post, daneben liegt sie bei Konzerten und anderen Veranstaltungen zum kostenlosen Mitnehmen aus. Bald auch wurde eine Internetpräsenz ins Auge gefasst. Große Erfolge konnte auch die Arbeitsgruppe Theorie verzeichnen. Es gibt ein jährliches Symposion zu zeitgemäßen musikalischen Fragen (so zum Beispiel im letzten Jahr „Genie versus Konzept“, wo der Umbruch von subjektiver, individueller Werksaussage zu Aspekten der konzeptiven Kunst, der offenen Form, des Happenings et cetera. beleuchtet wurde. Davor standen Begriffe wie „Ornament“ oder „Grenzüberschreitung“ zur Debatte). Zugleich war man federführend beim einen Symposion zur Musiktheaterbiennale (1999) über Fragen neuer Musiktheatertheorien oder man beteiligte sich beim Münchner Pfingssymposion mit dem Oberbegriff „Das Ganze“ mit einem musikdramaturgisch inszenierten Gruppenvortrag.

Als bisher vielleicht stimmigstes Ergebnis darf das jährlich stattfindende, von der AG Konzerte betreute, Musikfest bezeichnet werden. Es ist in der Tat als Fest aufgezogen, die Dauer beträgt (an einem Samstag) an die zwölf Stunden (von 14 Uhr bis nach Mitternacht). Dazu schreibt die MGNM eine große Zahl („alle“) Musiker in München an, die sich auf dem Feld der zeitgenössischen Musik betätigen (selbstverständlich auch die Komponisten). Man bittet um einen kleinen Beitrag (circa 10 bis 20 Minuten), der den gegenwärtigen Stand der eigenen Aktivitäten dokumentieren soll. Die Finanzen erlauben es bisher nicht, dafür ein Honorar zu zahlen, es soll sich ja auch mehr der Charakter eines Schaufensters ergeben. Natürlich zahlen die Personen, die solch ein künstlerisches Geschenk mitbringen, keinen Eintritt, Essen und Trinken ist frei oder ermäßigt. Allen Mitwirkenden wird später auch eine CD von dem Konzert, in dem sie auftraten, zugeschickt. Es gab in all den letzten Jahren eine große Zahl von Anträgen, die MGNM war immer gezwungen, einige Kürzungen vorzunehmen, um den Andrang zu bewältigen. Als Ergebnis stehen circa sechs Konzerte, die den Tagesverlauf füllen. Es gibt einen Nebenraum, wo man etwas essen und trinken und vor allem miteinander plaudern kann. Nach jedem Stück in einem Konzert kann man vom Konzertraum zum Kommunikationsraum (oder umgekehrt) wechseln. Es ergibt sich eine offene Form, zwanglos kann jeder seine Interessenschwerpunkte setzen. Hinzugefügt muss werden, dass von Seiten der MGNM keinerlei Zensur ausgeübt wird (freilich wird auf ein gewisses Niveau der Darbietung geachtet, dilettierende Versuche können schwer berücksichtigt werden, aber Fälle dieser Art, das sichert schon das Anschreiben, treten kaum auf; manchmal müssen, wie gesagt, den Interpreten/Komponisten Kürzungen – also zum Beispiel ein Stück weniger – vorgeschlagen werden; auch hierbei gab es bislang kaum Konflikte). Dieses Fest im Herbst ist seither immer eine sich kreativ austauschende Versammlung von Komponisten und Musikern Münchens, bei dem schon manche neue Kontakte geknüpft wurden. Und spannend ist dieses musikkulturelle Konturbild Münchens ohnehin.

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