„Die Musikschule braucht mehr Lobbyismus“

Wird die Musikschule abgewrackt? Eine Diskussionsrunde in Berlin legte den Finger in die Wunde


(nmz) -
Zu einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion mit dem Thema: „Geschätzt und vernachlässigt – Berliner Musikschulen im Umbruch“ wurde vom Deutschen Musikrat (DMR) und der Musikschule Berlin-Pankow geladen. So kamen am 4. März 2009 fast alle wichtigen Berliner Repräsentanten der Branche zum „Kulturzentrum Eliashof“ nach Pankow, dem Wahlkreis des Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse.
Ein Artikel von Anno Blissenbach

Der gelernte Kulturwissenschaftler leitete die Veranstaltung, bei der er mit Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, Hansjörg Tugundtke, Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, den Musikschulleitern Chris Berghäuser und Ina Finger (alle Berlin), sowie dem Fachpublikum auf hohem Niveau diskutierte. Auslöser war, dass – sollen die staatlichen (bezirklichen) Musikschulen Berlins überleben – Konsequenzen aus dem ersten von der Senatsbildungsverwaltung vorgelegten „Qualitätsbericht Musikschulen“ gezogen werden müssen, welcher (teils offen, teils zwischen den Zeilen) brisante Problematiken hauptstädtischer Musikschul-Politik- und -Verwaltungsstrukturen anspricht.

In seinem Eingangsstatement verwies Christian Höppner darauf, dass die im Jahr 2007 von Deutschland ratifizierte UNESCO-Konvention „Schutz und Förderung Kultureller Vielfalt“ nun der Umsetzung bedürfe, wozu die kommunale Musikschule ein besonders prädestinierter Anwendungsbereich sei. Es gehe um einen Mentalitätswechsel: Die in der Branche geübte Bescheidenheit bezüglich finanzieller Forderungen für Musikschulen sei fehl am Platze. Deutschland sei mit der Ratifizierung eine Selbstverpflichtung eingegangen und ein Ressourcenzuwachs insoweit unerlässlich.

Wolfgang Thierse betonte, sich als Mitglied des Stiftungsrates der Bundeskulturstiftung auch unter diesem Aspekt für die Durchführung des Projekts „Jedem Kind ein Instrument“ (Jeki) und die damit verbundene finanzielle Zukunftsinvestition ausgesprochen zu haben. Er verlangte, Musikschul-Lehrkräfte müssten in gesellschaftlichem Ansehen und Bezahlung Gymnasial-Lehrkräften gleichgestellt werden, da sowohl ihre Hochschulausbildung als auch ihr pädagogisches Wirken gleichwertig sei.

Die bundesweit beispiellose Situation in Berlin, dass die mit mehr als 4.000 Schülern größten Musikschulen Europas über lediglich 7,5 Stellen verfügen – bei gleichzeitiger Beschäftigung von Hundertschaften nicht weisungsgebundener aber arbeitnehmerähnlicher (um nicht zu sagen scheinselbstständiger) freier Mitarbeiter (deren Vollzeit-Einkommen keine Familiengründung zulässt) – war ebenso Diskussionsschwerpunkt wie das abstruse Budgetierungsverfahren, welches – konsequent weitergeführt – zur Vernichtung einzelner Bezirks-Musikschulen führen wird und welchem der Qualitätsbericht lakonisch attestiert, Zitat: „Es gefährdet das Berliner Musikschulwesen.“

Hansjörg Tugundtke räumte ein, der Verwaltung sei bewusst, dass den großen Musikschulen bei der aktuell minimalen Stellenausstattung eine pädagogische Steuerung schlicht „unmöglich“ sei, sowie dass gemäß politischer Vorgaben „Leistung nach Quantität nicht jedoch nach (künstlerisch-pädagogischer) Qualität definiert“ werde. Nachdrücklich betonte er, Änderungen bedürften eines „politischen Willens“ und stellte fest, das derzeitige Zuweisungssystem sei „politisch so gewollt“. Die (weisungsgebundene) Bildungsverwaltung habe politische Vorgaben der (rot-roten) Landesregierung umzusetzen. Insoweit müsste (berechtigte) Systemkritik nicht gegenüber der Verwaltung, sondern in erster Linie gegenüber der Politik artikuliert werden.

Wolfgang Thierse, der mit sichtlicher Betroffenheit die ihm zuvor unbekannten Missstände des Hauptstadt-Musikschulsystems zur Kenntnis nahm, zog ein (für die Verbände gleichermaßen blamables wie anspornendes) Fazit: „Die Musikschule braucht mehr Lobbyismus – mehr Lärm!“

Es bleibt zu hoffen, dass die Verbände falsche Bescheidenheit und insbesondere politische Berührungsängste aufgeben, dass sie gemeinsam an einem Strang ziehen, statt Sparten-Egoismen zu pflegen, und dass sie endlich die erforderliche – und paradoxerweise von der hohen Bundespolitik eingeforderte – politische Lobbyarbeit wirksam organisieren.

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