Die Musikwelt als Staffellauf

Ein Sammelband mit Texten und Gesprächen regt zur Nachwuchsförderung an


(nmz) -
Reden über Musik: Wie es um die musikalische Nachwuchsförderung bestellt ist, welche Strategien vorhanden und vonnöten sind, was für Wege bekannt sind und gesucht werden müssen, um Geförderte zu motivieren, künftig selbst zu fördern. All das untersucht das Buch „Wegbereiter, Wegbegleiter“ anhand fundierter Gespräche aus der Praxis.
Ein Artikel von Michael Ernst

Ein Beispiel, das Schule machen könnte: Zu ihrem 15. Geburtstag hat sich Heide Schwarzweller vorgenommen, später mal nie auf die Jugend zu schimpfen und sich noch einmal neu zu erfinden, wenn sie 70 wird. Inzwischen hat sie ihre jahrzehntelang geführte Marketingagentur verkauft und betreibt mit dem Erlös „die Förderung junger, kreativer und innovativer Klassikmusiker“, wie sie betont. 2014 initiierte sie den Fanny Mendelssohn Förderpreis, der bereits sieben jungen Musikerinnen und Musikern zuteil wurde. Die persönliche Neuerfindung scheint gelungen und hilft Künstlerinnen und Künstlern von morgen.

Ein Kerngedanke dieser Förderung ist erklärtermaßen das Anstiften zum Fördern. Talente wachsen schließlich ständig nach, ihre wegweisende Unterstützung jedoch muss immer wieder neu angestoßen werden. Heide Schwarzweller hat nun einen Ratgeber herausgegeben, der sowohl dem künstlerischen Nachwuchs als auch den potenziellen Förderern praktische Hilfe geben soll.

„Talent ist nur der Anfang“

„Wegbereiter, Wegbegleiter“ heißt das quadratisch praktische Buch, dessen Untertitel „Realität, Strategien und Wege musikalischer Nachwuchsförderung“ geradezu akademisch klingt. Doch dieses Kompendium steckt voller leidenschaftlich geführter Interviews mit praktizierenden Musikern und Paten, mit Intendanten, privaten Mäzenen sowie mit Vertretern von Stiftungen und kulturfördernden Unternehmen. Reich bebildert ist es obendrein, was die Lektüre dieses absolut lebensnahen Ratgebers anschaulich macht.

Zur derzeitigen Situation der Förderung junger Klassikmusiker hat die Kulturmanagerin und Oboistin Esther Bishop einen einführenden Essay verfasst, nicht ohne den Hinweis auf die maskuline Sprachform aus Gründen leichterer Lesbarkeit. Inhaltlich reflektiert die Autorin besondere Merkmale der Musikerausbildung sowie den drastischen Wandel des Berufsmarktes. Auf den Fakt gegensätzlicher Entwicklung von Absolventen- und Arbeitsplatzzahlen kommen noch mehrere Gesprächspartner im Buch zurück.

„Talent ist nur der Anfang“, meint Esther Bishop, wird von Kindesbeinen an gefördert und geschult – um irgendwann einer stetig wachsenden Konkurrenz ausgesetzt zu sein. Das hochkomplexe Berufsbild des Musikers und dessen fast einzigartige Qualitäten verdienen bereits im Studium besondere Berücksichtigung. Neben künstlerischer Exzellenz sind mehr und mehr auch Managerkenntnisse in Sachen Eigenvermarktung gefragt. Trotz des Dilemmas permanenter Selbstausbeutung und der gewaltigen Kluft zwischen künstlerischem Prekariat und herausragenden Weltstars bleibt der Idealismus für diese Berufswahl essenziell. Bishop hält privates Engagement neben den staatlichen Förderprogrammen für unabdingbar und konstatiert: „Eine authentische, lebendige klassische Musikwelt erfordert Musiker, die in ihrer ganz persönlichen Entwicklung und ihren Besonderheiten gefördert werden.“

Die insgesamt 22 Interviews wurden dann überwiegend von Oliver Creutz, Ressortleiter Kultur und Sport der Illustrierten „Stern“, und MDR-Kultur-Musikredakteur Martin Hoffmeister geführt. Es geht darin um unterschiedliche Erfahrungswelten, die logischerweise differenziertes Herangehen beim Fördern nach sich ziehen. Julia Fischer etwa blickt auf ihre künstlerischen Anfänge zurück: Sie habe sich bereits mit vier Jahren als Geigerin gefühlt, was ihre Eltern umgehend akzeptierten, so dass sie entsprechend gefördert werden konnte. Als Professorin müsse sie heute abwägen, wie viel Einfluss sie auf junge Musiker nimmt. Von seiner besonderen Prägung durch Yehudi Menuhin, der seine Mutter als Sekretärin beschäftigte, erzählt Daniel Hope, der sich heute in der von ihm gegründeten Akademie auf Schloss Neuhardenberg für den Nachwuchs engagiert. „Wenn ein Musiker klug mit seinem Talent umgeht, kann er spielen, bis er 70 ist“, mahnt er zur Geduld.

„Zehn Prozent Glück“

Angesichts knapper Orchesterstellen rät die Klarinettistin Sabine Meyer gar vom Musikstudium ab, um dann aber doch von ihrer Arbeit als Professorin zu berichten: „An den grundlegenden Dingen arbeitet ein Musiker sein ganzes Leben lang.“ Cellist und Festspiel­intendant Jan Vogler meint, „die Musikwelt gleicht einem Staffellauf“ – geförderte Musiker würden später selbst zu Förderern.

Neben illustren Stimmen von Dieter Rexroth bis hin zu Arend Oetker resümiert der Kultur- und Musikmanager Michael Herrmann, was zu einer gelungenen Karriere gehört: „70 Prozent Können, 20 Prozent Aussehen und zehn Prozent Glück.“

Kurz vor Redaktionsschluss gab die Herausgeberin Heide Schwarzweller bekannt, „den Erlös dieses Buches zu 100 Prozent an die jungen Musiker weiterzugeben, die mindes­tens sechs Monate lang keine öffentlichen Auftritte haben werden.“

  • Wegbereiter. Wegbegleiter. Realität, Strategien und Wege musikalischer Nachwuchsförderung, hrsg. v. Heide Schwarzweller, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2020, 176 S., Abb., € 19,95, ISBN 978-3-8319-0766-3

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