Die Note lebt – auch digital

Wie Noten ganz legal ihren Weg ins Internet finden


(nmz) -
Es ist nicht lange her, da waren die Klagen der Musikindustrie groß. Das Geschäft mit dem Verkauf von Musik im Internet ging an ihnen vorbei. Mittlerweile gibt es in Deutschland über 40 Anlaufstellen, Musik legal zu erwerben. Apples iTunes hat es vorgemacht, Amazon ist vor kurzem umfangreich eingestiegen, viele kleine Labels haben ihre Download-Shops, allein oder in Kooperation. Im Bereich der musikalischen Noten sah die Praxis lange Zeit so aus, dass Noten kopiert ­wurden. Und noch heute ist es so, beklagt Peter Hanser-Strecker, Verlagschef bei Schott, dass insbesondere im Bereich der Chornoten diese Praxis anhält.
Ein Artikel von Martin Hufner

Nirgendwo im Bereich des Urheberrechts ist es so strikt geregelt, dass das Kopieren von geschütztem Material „äußerst“ verboten ist. Hier gilt ein generelles Kopierverbot mit wenigen Ausnahmen und Sonderregelungen. Eskaliert ist die­se Situation Ende letzten Jahres, als Kindergärten Rechnungen ins Haus flatterten, weil Liedtexte kopiert wurden. Die nmz berichtete mehrfach. Das hat dazu geführt, dass eine Gruppierung, die Musikpiraten, das Recht in die eigenen Hände genommen hat und ein Notenheft mit Kinderliedern setzte und in einer Auflage von etwa 50.000 Exemplaren drucken ließ und deutschlandweit in die Kindergärten und -tagesstätten verteilte. Alles freie Literatur, auf eigene Kosten gedruckt, das heißt durch Spenden finanziert. Leider ist der Band etwas stümperhaft in Noten gesetzt. Aber er steht zum kostenlosen Download bereit.

Neben den Musikpiraten haben es sich auch andere Plattformen zur Aufgabe gemacht, Musiknoten kos­tenfrei zur Verfügung zu stellen. Zur wohl größten Sammlung gehört http://imslp.org. Eine als Wiki aufgemachte Portal-Seite mit zurzeit 93.000 Partituren – im Moment kommen pro Monat etwa 1.000 neue Partituren hinzu. Viele Werke gibt es in verschiedenen Fassungen, was daran liegt, dass man beispielsweise bei einer Mozart-Klaviersonate auf verschiedene Fassungen zugreifen kann. Es handelt sich dabei in der Regel um Scans von alten Noten, die dann im PDF-Format vorliegen. Die Reproduktion ist nicht immer besonders schön, aber meistens brauchbar. Für Chor-Musik speziell hat sich ein „Choral-­Wiki“ ins Zeug gelegt. Unter http://www1.cpdl.org findet man über 12.000 Werke. In beiden Fällen ist es durchaus möglich, sich auch die erklingenden Resultate anzuhören, häufig in Form von Midi-Dateien. Grundsätzlich und durch die Rechtslage hervorgerufen, sind in beiden Notenportalen aktuellere Werke kaum zu finden. Wenn die Urheber dies zugelassen haben, kann man Neue Musik finden. Es gibt aber auch Grauzonen. Im Choral-Wiki ist von Anton Webern „Entflieht auf leichten Kähnen“ zu haben, obwohl der Komponist noch nicht 70 Jahre tot ist. Auf der Partitur vermerkt wird lediglich: „This edition for distribution in the USA only.“ Eine sehr graue Grauzone. Bei Noten aus dem Popularmusik-Bereich herrscht vollkommene Fehlanzeige.

Neben diesen selbstorganisierten Noten-Download-Plattformen haben sich auch kommerzielle Geschäftsmodelle aufgebaut. Das älteste stammt aus den USA. Unter www.sheetmusicplus.com/ gibt es angeblich über 610.000 Noten, Lehrwerke, Liederbücher, Bücher et cetera. Allerdings muss man schon sehr genau hinschauen. Alban Berg Klaviersonate findet man hier nur in einer Bearbeitung für zwei Gitarren, gleichwohl sicher interessant. Aber nicht billig: etwa 27 Euro. Das gleiche Stück im Originalverlag für Klavier kommt auf 10,95 – jedoch nur im Versand. Bei imslp.org gibt es die Sonate für umsonst als PDF, allerdings in der Fassung einer russischen Ausgabe von 1970. Wie zuverlässig diese ist, müsste man erst einmal überprüfen. Der Autor hat Webern-Werke für Orchester in einer solchen russischen Kopie, die leider nicht sehr zuverlässig und zudem nicht schön gesetzt ist. Sheetmusic ist aber noch ganz Versandhandel.

Mit notafina (http://www.notafina.de/) und inter-note (http://www.inter-note.com/nvd/) sind nun zwei Unternehmungen auf den Markt gekommen, die Noten zum Herunterladen (notafina) oder individuellen Druck (inter-note) anbieten, beide sind im Aufbau. Die Größe bei inter-note: 2.818 Werke mit insgesamt 20.917 Seiten und 310 Komponisten, der Katalog von notafina enthält 250.000 Notenseiten (Stand: 24.5.2011). In beiden Fällen kann man ganze Heft ebenso wie ausgewählte Einzelstücke kaufen. Wer nur eine Sonate von Wolfgang Amadeus Mozart will, bekommt auch nur diese. Nehmen wir die Sonate KV 570: So kostet die bei inter-note als nicht näher bezeichneter Reprint zum Download 3,25 Euro, bei notafina in einer Ausgabe des Schott-Verlages, herausgegeben von Walter Georgii 3,99 Euro. Die Ausgabe bei inter-note ist allerdings um einiges enger gesetzt. Beide Werke kann man in der Voransicht sehen. Bei inter-note hört man zugleich eine Aufnahme des Stücks von Jenö Jandó (Naxos).

Interessant vielleicht auch der Vergleich der Preise zwischen Verlagsprodukt und Download bei notafina und Schott Music selbst. Ligetis Studienpartitur zu „Lontano“ kostet im Download 11,99 Euro, als gedruckte Note 16,95 Euro. Und da sind vielleicht auch andere Grenzen erreicht. Schon als gedruckte Studienpartitur ist „Lontano“ kaum zu lesen, wie schwierig dürfte das im Falle des Download im Format DIN A4 sein? Die Vorschau der Partitur-Seiten ist nur in verminderter Auflösung möglich, einen Probeausdruck kann man nicht machen; also kauft man doch die Katze im Sack? Die Rückgabemodalitäten in den AGBs von notafina sind restriktiv: „Der Kunde hat ausreichend Gelegenheit, die Musik­noten durch Previews und Hörproben auf seinen persönlichen Nutzen und Gefallen zu testen, sodass ein Grund für einen Widerruf wegen Nichtgefallens auszuschließen ist.“ Ich bin mir nicht sicher, ob diese Formulierung haltbar ist. § 6 der AGBs soll das Thema Probeausdrucke behandeln, tut dies in den folgenden Absätzen leider nicht.

Unterschiede zwischen beiden Plattformen gibt es einerseits im Umfang des Repertoires. notafina hat beispielsweise auch Popmusik im Angebot und zielt darauf ab, eine möglichst große Anzahl an Musikverlagen unter seine Fittiche zu bekommen, zum Beispiel auch die Universal Edition Wien – wer aber nach Berg, Webern oder Bartok sucht, findet so gut wie nichts. inter-note bietet dafür ein paar ganz interessante Zusatzfeatures an. Man kann sich hier seine Notenausgabe von vorne bis hinten selbst zusammenstellen und, was für Sänger interessant sein dürfte, in manchen Fällen auch transponierte Fassungen sich erstellen lassen. Wer will, kann Deckblatt und erste Seite selbst mitgestalten. Eine solche Zusammenstellung wird dann an eine Druckerei geschickt, die den individuellen Notenband druckt. Der Nutzer muss nicht auf über den eigenen Computer an den Drucker gesendete Einzelblätter zurückgreifen. Das eben ist „printed music on demand“.

Zweifellos gehen beide Download-Plattformen in die richtige Richtung. Sie bieten dem Musiker eine vor allem auch schnelle Verfügbarkeit von Notenmaterial, das teilweise individuell mitgestaltet werden kann. Die Lücken im Repertoire dürften einstweilen das eine große Problem sein, das andere die Existenz kostenloser Gegenangebote. Dies allein über den Service wettzumachen, dürfte schwierig sein. Eher schon könnte die Qualität des Notensatzes und die Verlässlichkeit des Notenmaterials einen Ausschlag geben.

Nicht zu vergessen: Immer mehr Komponistenarchive beginnen mit der Digitalisierung ihres Bestandes. Ob Brahms oder Schönberg, hier werden zusätzliche Möglichkeiten eröffnet, auf geradezu akribisch-kritische Ausgaben zuzugreifen. Der Markt ist gerade geöffnet, und die Geschäftsmodelle entwickeln sich. Eventuell im Bereich der Neuen Musik auch in eine ganz andere Richtung. Bei Copy-Us (www.copy-us.com) will man die Noten gerade unter die Menschen bringen, „Please copy“ steht auf den Notenseiten. Man trägt damit der Tatsache Rechnung, dass der Notenverkauf einer Großzahl von Noten in diesem Bereich ohnehin nur minimale Erträge abwirft, Aufführungen hingegen tatsächlich etwas bringen; vielleicht zum Beispiel den lustigen Satz von „Ein Männlein steht im Walde“ für dreistimmigen Männerchor von Alexander Strauch. Auch Probieren kos­tet hier ja nichts.

Im übrigen gilt für spezielle Notenwünsche, was Inga Rapp vor neun Jahren in der nmz zusammen getragen hat. Gospel-, Spielleut- oder Klezmernoten-Links findet man dort.

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