Die Sensation der reinen Intervalle

Neue Musik auf neuen CDs, vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Neue Musik in Aufnahmen von und mit: Arvo Pärt, Phil Glass, William Blank, Wolfgang von Schweinitz und Hilda Paredes
Ein Artikel von Max Nyffeler

Die Gesänge der Mexikanerin Hilda Paredes über Gedichte von Rocio Gonzalez und Pedro Serrano entführen uns in eine verzauberte Welt. Eingebettet in die gläsernen, zarten Liniengeflechte des Arditti Quartetts zieht die Singstimme schwerelos ihre Kreise, flüstert Beschwörungen und entschwebt in höchste Sopranlagen. Sie gehört dem jungen Countertenor Jake Arditti, der hier mit großer Kunstfertigkeit seinen körperlosen Schönklang zelebriert. Es handelt sich um eine genuine Familienproduktion, Werke und Interpretation verschmelzen zu einer atmosphärisch dichten Einheit. Besonders schön zeigt sich das im luftigen Duo „Papalote“ („Papierdrache“), geschrieben für Vater und Sohn Arditti. (æon AECD 1439)

„Plainsound Counterpoint“, das große Exerzitium der reinen Obertöne von Wolfgang von Schweinitz, ist vom Kontrabassisten Frank Reinecke auf kongeniale Weise eingespielt worden. Die sieben Studien sind durchweg zweistimmig komponiert, wobei die obere Stimme aus Flageoletts besteht. Die harmonische Basis bilden die ersten dreiundzwanzig Partialtöne. Durch die vielen primzahligen Obertonverhältnisse entfaltet sich eine komplexe, kaleidoskopartig wechselnde Harmonik, die im Resonanzkörper des Kontrabasses auf einzigartige Weise zum Klingen kommt. Gekoppelt ist das Werk mit „Mirror“ von Catherine Lamb. Sie arbeitet ebenfalls zweistimmig, gibt dem Interpreten aber Gelegenheit, mehr die tiefen und mittleren Lagen der umgestimmten Saiten zu nutzen, was zusammen mit den reinen Intervallen einen wärmeren, voluminöseren Klang ergibt. (Neos 11505)

Seinem Zweiteiler „Reflecting Black“ für Klavier und Orchester hat William Blank einen Gedanken des abstrakten Malers Pierre Soulages über das Schwarz zur Seite gestellt. Die Idee des undurchdringlichen Schwarz ist für ihn eine Quelle orchestraler Eruptionen, in denen ein breites Spektrum von Farben zur Entfaltung kommt. Im ersten der beiden „Tableaux“ artikuliert sich das vor allem in dunkel leuchtenden, an den Rändern ausfasernden Klangblöcken, im zweiten in faszinierenden mikrotonalen Eintrübungen des Klavierparts. Auch in den beiden anderen Orchesterstücken erweist sich der in Lausanne lebende Komponist als raffinierter Farbkünstler. David Lively und das Orchestre de la Suisse Romande unter Pascal Rophé bringen die vitale Musik zu plastischer Darstellung. (æon AECD 1542)

Die auf die Musik der Renaissance spezialisierten Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips haben die A-cappella-Chöre von Arvo Pärt, der im Herbst achtzig Jahre alt wird, mit unvergleichlicher Klangreinheit aufgenommen. Gesungen wird selbstverständlich ohne jedes Vibrato, Schwellklang ist verpönt. Das lässt die Intervalle glasklar in Erscheinung treten und macht auch noch die kleinste harmonische Rückung zu einer Hörsensation. Die nur zweifache Besetzung der Stimmen garantiert höchste Transparenz und Lagentrennung, was durch eine diskret räumliche, aber hallfreie Aufnahmetechnik noch unterstützt wird. Die blockhaft-akkordischen Chorsätze kommen damit dem angestrebten historischen Klangideal der Renaissance erstaunlich nahe. (Gimell CDGIM 049)

Neben diesem raffinierten Spiel mit feinsten klanglichen Valeurs fallen die von Lisa Moore eingespielten Klavierstücke des Minimalisten Phil Glass ins Bodenlose ab. Die Melodik  ist fantasielos, die Harmonik tot, die ewige Wackelbewegung der Begleitung leiert. Wer eine Ambientemusik sucht und sich am unebenen Anschlag nicht stört, ist damit gut bedient. (www.orangemountainmusic.com 0099)

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