Die Sucht nach der Zweisamkeit an den Tasten

Märsche, Boogies und Birnenmusiken: Neuausgaben für Klavier zu vier Händen


(nmz) -
Theodor W. Adorno hat in seinem Aufsatz „Vierhändig, noch einmal“ von 1933 das Phänomen des Spiels à quatre mains auf den Punkt gebracht: „Das Vierhändigspielen ist zu einer Geste der Erinnerung geworden …“ Die Beschäftigung mit dieser Thematik zog weite Kreise und hinterließ überall ihre Spuren. Auch in der Literatur stößt man immer wieder auf Zeugnisse dieser ganz eigenen Zweisamkeit (Robert Musil: Mann ohne Eigenschaften). Das Magische, das dem vierhändigen Spiel im 19. Jahrhundert innewohnte, hat es später nicht mehr erreichen können. Die Entwicklung verschiedener Tonträger schien dem vierhändigen Spiel seine Daseinsberechtigung zu entziehen. Längst ist es wieder im Musikbetrieb angekommen.
Ein Artikel von Anke Kies

Heinrich Marschner: Trois Grandes Marches, op. 16, Edition Dohr 13785

Heinrich Marschner (1795–1861) spiegelt in diesen Märschen den Geist seiner Zeit wider. Das vierhändige Repertoire wurde für den Hausgebrauch aufbereitet und war bevorzugtes Bindeglied zwischen Familie und Gesellschaft. Marschner trug seinen Teil dazu bei, indem er mit wuchtig daherkommenden Märschen die fast zur Sucht ausartende Spielfreude zu befriedigen suchte. (Diese betraf durchaus nicht nur das weibliche Geschlecht: Eduard Hanslick beispielsweise wurde ganz selbstverständlich nach seinem „Vierhändigen“ befragt.) Alle drei Märsche stimmen in der formalen Gestaltung überein (Trio-Mittelteil). Die Auswahl der Tonarten (D-Dur, c-Moll, A-Dur) verwirft einen zyklischen Gedanken. Wenngleich das Militärische in den Vordergrund rückt, so kann zumindest der dritte Marsch für sich in Anspruch nehmen, einem zivilen Anlass zu folgen. Die Blaskapellen-Manier bedarf selbstbewusster Klavierspieler, die vor Akkuratesse und kraftvollem Einsatz nicht zurückschrecken.

Bedrich Smetana: Die Moldau, Bärenreiter BA 9549

Im 19. Jahrhundert war es gängige Praxis, gleich nach der Fertigstellung eines Orchesterwerks eine Bearbeitung für Klavier zu vier Händen nachzuliefern. Diese Klavierauszüge konnten das sinfonische Repertoire besonders gut wiedergeben und wurden geradezu fabrikmäßig hergestellt. In dieser Form holte sich die bürgerliche Familie die Gesamtheit der klassischen Musik ins Haus, dort, wo ihr der Zugang zu öffentlichen Aufführungen versagt blieb. Wenn Adalbert Stifter ausrief: „In tausend Hütten hämmert das Piano“, so meinte er mit Sicherheit auch das mit vier Händen traktierte Klavier. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Smetana während der Arbeit an dem Zyklus „Má Vlast“ bereits ertaubt war; seine schöpferische Fähigkeit schien die Taubheit allerdings nicht zu beeinflussen. In der vorliegenden, von Smetana selbst erstellten, Bearbeitung „erfasste er das strukturelle und instrumentale Wesen der Komposition perfekt, und so kommen hier einige melodisch-harmonische Details deutlicher zum Vorschein, die der volle Orchesterklang bisweilen überdeckt“ (Olga Mojžišová). Zur besseren Umsetzung der Stimmführung werden hier die Hände oft gekreuzt (eine Praxis, die auch der Intimität der Vierhändigkeit geschuldet war). Das umfangreiche Stück kann nur von bereits erfahrenen und versierten Duo-Formationen gemeistert werden. Als eigenständiges Werk wird es dem Anspruch des Konzertpodiums durchaus gerecht.

Erik Satie: 3 Morceaux en forme de Poire, Bärenreiter BA10809

Zunächst mag es erstaunen, dass sich Satie, der scheue und eigenwillige Querkopf, des bürgerlich verankerten vierhändigen Spiels überhaupt annahm. Der französische Komponist befand sich in den 1890er-Jahren in einer von Selbstzweifeln getränkten Lebensphase, aus der ihn ausgerechnet diese „Drei Stücke in Birnenform“ führen sollten. „Er [Satie] ist der Ansicht, dass es allem, was bis zum heutigen Tage geschrieben wurde, überlegen ist“, schrieb Satie in der Er-Form an seinen Freund Debussy. Wie Jens Rosteck im Vorwort richtig anmerkt, habe Satie mit diesen Stücken „eine Bilanz seines bisherigen Schaffens vorgelegt.“ Tatsächlich kann man sich der Faszination der Morceaux kaum entziehen. Virtuoses Gehabe ist Saties Sache nicht; hier müssen die Finger mit den Tasten koalieren, als Sensorium fungieren. Steffen Schleiermachers klugen Anweisungen zur Aufführungspraxis ist hierbei nichts hinzuzufügen und sollte auch jüngere Pianisten ermuntern, sich dem Werk Saties zu nähern.

Jack Fina: Bumble-Boogie, Breitkopf & Härtel EB 8449

In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstellte der US-amerikanische Bandleader und Pianist Jack Fina (1913–1970) eine Swing-Version von Rimski-Korsakows „Flight oft the Bumble Bee“ unter dem Titel „Bumble Boogie“. Die Beliebtheit dieser Fassung veranlasste den Weimarer Allrounder Manfred Schmitz zu einer Bearbeitung zu vier Händen, die diesen Boogie wirkungsvoll und gekonnt auf das Klavier überträgt. Die Interpreten bedürfen schon einer gewissen Stilsicherheit, wollen sie dem (spieltechnischen) Anspruch des Stückes genügen. Dabei geht es nicht um Virtuosität, sondern um die Beherrschung von Grundtechniken. Da es sich nicht um eine Originalkomposition für Klavier zu vier Händen handelt, wird sie vermutlich bei Wettbewerben nicht zugelassen, was der Sache aber keinen Abbruch tut. Als Vortragsstück ist dieser Ohrwurm allemal Gewinn und Genuss zugleich.

Anne Terzibaschitsch: Klaviermusik zu vier Händen, Bd. 3, Holzschuh VHR 3551

In Anbetracht der Tatsache, dass Literatur für Klavier zu vier Händen in praxisorientierten Ausgaben rar gesät ist, müssen die Sammlungen Terzibaschitschs als Handreichungen willkommen erscheinen. Der 3. Band (progressiv konzipiert) spricht Klavierspieler an, die schon auf einige Jahre Unterricht zurückblicken können. Die Auswahl der Miniaturen konzentrierte sich auf Originalkompositionen unter dem Gesichtspunkt einer stilistischen Vielfalt. Ein Duett von Jan Vanhal, gefolgt von einem liebenswerten Stück der französischen Komponistin Germaine Tailleferre sowie einer Meditation von Anton Loeschhorn eröffnen den Band. Regional geprägte Stücke wie „Mărunţelul“ des Rumänen Constantin Silvestri, die „Elegie“ von Mili Balakirew, „Russische Weisen und Tänze“ Nr. 5 des ukrainischen Komponisten Sergei Borkiewicz, „Tänze und Lieder“ des polnischen Volkes aus dem „Tat-ra-Album“ von Jan Paderewski, die „Melodie“ des Norwegers Peter Brynie Lindeman oder auch der Walzer Nr. 6 aus „Drei wunderschöne Mädchen im Schwarzwald“ von Paul Hindemith vereinen auf einzigartige Weise das kühne Ohr des Volksmusikers für tonale Nuancen mit den Anforderungen der klassischen Musik. Der 4. Satz der „Sonata in Blue“ von Gordon Sherwood und die „Gag-Time“ von Michael Proksch orientieren sich am Jazz, während das Rondo von C. M. von Weber und der Militärmarsch von Franz Schubert dem Orchester nahe erscheinen. „En bateau“ aus der „Petit Suite“ von Claude Debussy, die „Berceuse“ des aus dem Elsass kommenden Charles Koechlin sowie das „Nachtstück“ der Autorin stehen stilis-tisch als Einzelstücke im Raum. Die detaillierte Angabe des Inhalts soll bei der Suche nach geeigneter Wettbewerbs-Literatur Hilfestellung leisten.

Frank Wunsch: Blues for two, Schott Popular Music, ED 20189

Neben seiner Tätigkeit als Jazzpianist widmet sich Frank Wunsch auch dem Komponieren und Unterrichten. Wenn er einen Band mit 12 Bluesstücken vorlegt, so kann man davon ausgehen, dass die Inspirationen aus der Praxis kommen und dort auch wieder verortet werden sollen. Der Einsatz von vier Händen ermöglicht komplexe Strukturen, die einer Zweihändigkeit versagt bleiben würden. Primo und Secondo liegen stets eng beieinander (lediglich eine ottava sopra-Notation), eine Stimmverteilung ist kaum hörbar und am ehesten durch die rhythmischen Strukturen wahrzunehmen. Die Parts bewegen sich nicht immer im gleichen Schwierigkeitsgrad, das heißt eine Schüler-Lehrer-Option ist denkbar (und wurde vielleicht auch angestrebt). Welche Konstellation man auch auswählt, jeder Part wartet mit Interessantem auf und verfällt nicht in die sonst weit verbreitete Starre von immer gleichen Begleitmustern. Die Spieler werden also gefordert und lustvolles gemeinsames Musizieren gefördert.

Norbert Laufer: Tríptico, Edition Dohr 11414

Neue Musik für vier Hände wird heute von einer stetig wachsenden Zahl von Klavier-Duos zumeist in Auftrag gegeben oder entsteht in konkreter Zusammenarbeit mit Musikern. Das Tríptico des 1960 geborenen Norbert Laufer ist dem Duo „piano dos“ gewidmet und keimte sicher aus dieser künstlerischen Verbindung. Das 23-minütige, dreisätzige Werk entstand im Jahr 2011. In jedem Satz des Triptychons verweilt der Ton „d“ wie ein Säulenheiliger. Dabei gestaltet sich der dramaturgische Ablauf ähnlich dem Aufknospen einer Blüte, das sich verschiedener Mechanismen bedient. Im lebhaften Mittelsatz (Scherzo) steht Motorik im Vordergrund, die ihre Kraft aus Staccato-Akkord-Aufbauten speist. Die Ecksätze scheinen etwas nicht Fassbares einzuflüstern und verlieren sich in wabernde und schwirrende Klänge, die im letzten Satz durch tobende Einwürfe gestört werden. Das musikalische Material verzweigt sich immer wieder und verleiht diesem anspruchsvollen Werk einen esoterischen Nimbus.

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