Die Tonspur als dritte Ebene

„Die Stadt ohne Juden“ mit Musik von Olga Neuwirth auf DVD


(nmz) -
Bis vor Kurzem waren weite Teile dieses bemerkenswerten Stummfilms von 1924 verschollen, der heute sowohl wie eine Vorahnung der Geschehnisse in Nazi-Deutschland nach 1933 als auch wie ein Kommentar dazu wirkt. 1991 entdeckte man zwar in Amsterdam eine unvollständige Fassung, die in Teilen rekonstruiert werden musste, aber erst 2015 wurde ein Sammler auf einem Pariser Flohmarkt mit der vollständigen Fassung des Films fündig, der nun im Auftrag von Arte restauriert und viragiert wurde. So konnten die einzelnen Passagen, unterschieden in Innen- und Außen-, sowie Tag- und Nachtaufnahmen farbig gefasst werden. Am 17. Juli erscheint bei absolut Medien diese Version auf DVD mit der aufregend vielschichtigen, ebenso kühnen wie effektvollen Musik der genuinen Musikdramatikerin Olga Neuwirth („Bählamms Fest“, „Lost Highway – A Video Opera“, „American Lulu“, „Orlando“).
Ein Artikel von Klaus Kalchschmid

Der nach dem gleichnamigen satirischen Roman von Hugo Bettauer (1872–1925) entstandene letzte Film von Hans Karl Breslauer zeigt, was geschieht, wenn ein Staat seine jüdische Bevölkerung zur Emigration zwingt, um die eigene Wirtschaft zu sanieren: eine Rezession auf allen Ebenen. Dass die Rückkehr der Vertriebenen möglich wird, ist der Chuzpe eines jüdischen Künstlers zu verdanken, der inkognito sein Spiel mit den reaktionären Parlamentariern – und mit dem Vater seiner Geliebten – betreibt. Elfriede Jelinek schreibt über die Ambivalenz der Botschaft des Films und sein Paradoxon im Booklet: „Dieser Film weiß mehr als er weiß, weil er nicht wissen kann, was er weiß. Er fährt zweigleisig neben sich her.“ Zwischen diesen Gleisen führt mit der Musik von Olga Neuwirth noch eine dritte Spur. Mal kreuzt sie die anderen inhaltlichen und ästhetischen Linien, mal werden sie von ihr überlagert, denn „um Klischees zu entgehen, auch wenn ich sie oft andeute, habe ich versucht, eine Lebendigkeit zu bewahren, indem die Musik zugleich anrührend und hart ist, herzenswarm und offen, amüsant und wütend, beteiligt und distanziert, humorvoll und traurig.“. Das schreibt die Komponistin über ihre Musik, die trotz aller Eigenständigkeit vielfältigste Zitate benutzt, so verfremdete Fragmente österreichischer Jodler. „Sie sind Teil der Sample-Ebene, die den gesamten Film hindurch läuft, aber sie tauchen auch in manchen Instrumentalteilen auf“, so Neuwirth. Und es gibt das fragmentierte Zitat eines Lieds, das in Österreich bei rechtspopulistischen Wahlveranstaltungen der letzten Jahre gesungen wurde.

Die elektronisch verfremdeten Klangflächen wummern, wimmern und vibrieren, als fluteten sie einen riesigen hohen Saal. Sie türmen sich auf oder fallen in sich zusammen und bleiben harmonisch in der Schwebe als wären sie eine opake Wand, vor der das Geschehen umso deutlicher hervortritt. Dabei verlangsamen diese fast stehenden Klänge die heutige Wahrnehmung von jüdischer und christlicher Lebenswelt, Sakralem und Profanem, Arm und Reich. Das zwingt das Publikum zu erhöhter Aufmerksamkeit, zur Reflexion oder unwillkürlichen Anteilnahme.

Denn in die elektronischen Sampels mischt sich magisch die Musik jüdischer Rituale, wenn diese den Abschied aus der Synagoge oder gar den Marsch der Vertriebenen begleiten.  Wehmütiges Gedenken äußert die Klage einer jiddischen Klarinette oder eines Saxophons. Hier komponiert Neuwirth auch einen fremdartigen Ton der Klage der solistischen tiefen Streicher, bis plötzlich scharfe Trompeten- und Posaunen-Stöße die unhörbaren Worte des Bürgermeisters von Utopia – im Roman Wien – ätzen, der die Ausweisung aller Juden aus der Stadt verhandelt und beschließt. So trennt die Komponistin semitische und antisemitische Welt scharf voneinander. Die genuine und kompromisslose Musikdramatikerin spürt man nicht zuletzt, wenn sich für viele Zwischentitel – auch einen scheinbar harmlosen („Der Bürgermeister“) – plötzlich Gestus und Klang ändern, um den Text zu akzentuieren und dem Zuschauer ins Bewusstsein zu brennen.

Selten wird Neuwirth konkret, dann aber – fast ironisch – sehr präzise: da hört man förmlich die Massen schreien oder knallt eine Ohrfeige mit einem kurz aufjaulenden chinesischen Gong. Mal scheint für den von Hans Moser gespielten Antisemiten eines seiner Heurigen-Lieder auf, ein kleiner, unbeholfener Tanz charakterisiert Verliebte. Marschmusik gellt herein oder Trinker schunkeln im Bier-Dunst, in London schleicht sich die englische Nationalhymne unter und zwischen die Töne. Wie in ihrem Musiktheater konfrontiert, separiert oder vermischt Neuwirth die unterschiedlichsten Tonfälle und potenziert so die Ambivalenz, aber auch das prekär Visionäre des Films.

Das Ensemble intercontemporain unter Leitung von Matthias Pintscher, der auch Neuwirths Musiktheater nach Virginia Woolfs „Orlando“ 2019 an der Wiener Staatsoper uraufführte, hat diese Musik für Klarinette, Saxophon, Trompete, Posaune, Schlagzeug, Klavier, E-Gitarre, Bratsche, Cello und Elektronik exzellent eingespielt. Fortan kann man sich den Film nicht mehr anders als mit der Musik von Olga Neuwirth vorstellen.

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