Diffiziles Gewebe zwischen klaustrophobischen Mauern

Späte Uraufführung von André Tchaikowskys Oper „Der Kaufmann von Venedig“ in Bregenz


(nmz) -
Es könnte der Schädel des Komponisten sein. In der goldenen Truhe wartet er auf den Prinzen von Marokko, einen der erfolglosen Aspiranten auf die Hand der umworbenen Portia. Dass André Tchaikowsky sein Kopfskelett der Royal Shakespeare Company als Requisit vermachte, ist nur ein Mosaikstein in der schillernden, auch düs­tere Seiten einschließenden Biografie des 1982 verstorbenen polnischen Pianisten und Komponisten. Als späte Uraufführung war nun in Bregenz seine Oper „Der Kaufmann von Venedig“ zu erleben.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Düster, schillernd: Das könnten auch beschreibende Adjektive für diese Opernpartitur sein. In den Jahren von 1968 bis zu seinem Tod hat Tchaikowsky sie den Pausen einer ungeliebten Pianistenkarriere abgerungen. Bisweilen meint man, ihr diese Mühe anzuhören und den Ehrgeiz, allen zu zeigen, dass hier seine wahre Berufung lag. Der Orchestersatz bildet über weite Strecken ein diffiziles polyphones Gewebe, in das der Gesang sich als weitere, führende Stimme nicht immer selbstverständlich einfügt. Britten, Bartók und Strawinsky können als Referenzpunkte ausgemacht werden, und doch ist der sperrige, melancholisch verhangene Tonfall ein ganz eigener.

Er gilt zunächst einmal der Hauptfigur Antonio und dessen Zuneigung zu Bassanio, dem zuliebe der Kaufmann die Kreditbedingung Shylocks annimmt: ein Pfund eigenen Fleisches als Pfand. Für Antonio, den er als Countertenor besetzt und mit hohen Holzbläserfarben skizziert, fand der offen schwul lebende Komponist ebenso eine spezifische orchestrale Sphäre wie für den ausgegrenzten und gedemütigten Juden Shylock und sein Verlangen nach rächender Gerechtigkeit (tiefes Holz, Blechbläser). Die Wiener Symphoniker unter Erik Nielsen kosten das mit exzellenter Spielkultur aus.
Melancholisch verhangen ist zunächst auch der Anfang des zweiten Aktes. Portias Hoffen darauf, der richtige Kandidat möge das Rätsel der drei Truhen lösen, ist eher resigniert denn erwartungsfroh. Mit den ersten, erfolglosen Versuchen nimmt die Musik dann aber einen etwas helleren Scherzando-Charakter an. Dazu gehört auch ein köstliches Zitat des Namensvetters: Beim Öffnen der silbernen Truhe erklingt die Schicksals-Fanfare aus Peter Tschaikowskys 4. Symphonie … André Tchaikowkys brillante Idee, das Rätsel tanzpantomimisch darzustellen, inspirierte Regisseur Keith Warner in Bregenz dazu, die Tänzer Juliusz Kubiak und Elliot Lebogang Mohlamme (als Prinzen von Aragon bzw. Marokko) einen wunderbar leichtfüßigen und komischen Gang durch ein Gartenlabyrinth antreten zu lassen.

Überhaupt erweist sich Warners schnörkellose, in der Personenführung sehr klare Regiearbeit als äußerst werkdienlich. Dass er das Stück Ende der 1920er-Jahre, zwischen klaustrophobisch sich verschiebenden Mauern aus Bankschließfächern verortet (Bühne/Kostüme: Ashley Martin-Davis), ist nicht bloßes Ausweichen vor unverbindlicher Historienkostümierung. Die Journaille, die dem jüdischen Banker Shylock zuleibe rückt, deutet vielmehr, ebenso wie Ku-Klux-Klan und antisemitischer Mob, die Vorgeschichte dessen an, was Tchaikowsky schließlich ins Warschauer Ghetto bringen sollte. (Seine Großmutter schmuggelte den als Robert Andrzej Krauthammer geborenen Jungen dort heraus und versteckte ihn unter falschem Namen.)

Die auch musikdramatisch überzeugend zugespitzte Gerichtsszene bis hin zur vernichtenden Niederlage Shylocks weiß Regisseur Warner prägnant auf den Punkt zu bringen. Im zu lang geratenen Epilog bleiben schließlich neben den mondtrunkenen Jessica und Lorenzo zwei weitere, durch die Ring-Episode sanft erschütterte Paare übrig. Antonio kehrt auf die Psychiatercouch zurück.
Wäre Christopher Ainslies Countertenor in der Mittellage durchsetzungsfähiger gewesen, sein Porträt der Titelrolle hätte stärkere Wirkung entfaltet. Dies ist aber auch schon die einzige Einschränkung einer stimmlich ansons-ten glänzenden Produktion. Angeführt wird sie von Adrian Eröds ebenso gefährlichem wie erschütterndem Shylock. Sein vokales Psychogramm kulminiert im Monolog der Gerichtsszene, in die – wie in vielen Inszenierungen üblich – die im Original früher kommende Passage „Hat nicht ein Jud’ Augen …“ verlegt ist (Libretto: John O’Brien). Charles Workmans tenoral mühelos auftrumpfender Bassanio findet sein Echo im reichen Timbre Magdalena Anna Hoffmanns als Portia. Die beiden anderen Paare Jessica-Lorenzo (Kathryn Lewek, Jason Bridges) und Nerissa-Gratiano (Verena Gunz, David Stout) stehen dem in nichts nach.

Dank der Qualität und Sorgfalt der Präsentation war dies somit eine lohnende Entdeckung, die freilich nicht an das Ereignis heranreichte, das die szenische Uraufführung von Weinbergs „Passagierin“ vor drei Jahren bedeutet hatte. Vorausgegangen war ihr als Spiel auf dem See die Zauberflöten-Inszenierung, mit der sich David Pountney als Regie führender Intendant heuer von den Festspielen verabschiedete – ein Publikumsmagnet, der auch 2014 sicher seine Anziehungskraft entfalten wird. Im Festspielhaus wird dann die ursprünglich für dieses Jahr geplante Uraufführung von HK Grubers „Geschichten aus dem Wienerwald“ zu hören sein. David Pountney ist es zu verdanken, dass er die entstandene Lücke dafür genutzt hat, mit André Tchai­kowskys „Kaufmann“ vielleicht kein operndramatisches Meisterwerk, aber doch eine höchst respektable Shakespeare-Auseinandersetzung zur Diskussion gestellt zu haben. Vorbildlich war wie stets die Einbettung in ein Symposium und ein Konzertprogramm mit weiteren Werken eines Komponisten, den kaum jemand auf der Rechnung gehabt haben dürfte.

 Buchtipp

André Tchaikowsky: Die tägliche Mühe ein Mensch zu sein. Biografie und Tagebücher des jüdisch-polnischen Musikers und Komponisten, erzählt und herausgegeben von
Anastasia Belina-Johnson, Wolke Verlag, 272 S., Abb., geb., 29 Euro, ISBN 978-3-95593-054-7

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